Birken, Kiefern, Fichten, Zitterpappeln, Robinien, Weiden, Ahorne und Eichen, insgesamt 42 Stück. Stammdurchmesser fünf bis 50 Zentimeter, Alter zwischen acht und 40 Jahren. Als "eher unbedeutend" stuft das Bezirksamt Altona, das die Fällung genehmigt hat, das Erscheinungsbild der Bäume ein. Trotzdem ist im Hamburger Stadtteil Blankenese ein veritabler Streit um das Gehölz ausgebrochen: Am Dienstag vergangener Woche blockierten Anwohner des Björnsonwegs mit ihren Autos die geplanten Fällarbeiten. Zwei Tage später rückten linke Aktivisten mit einer Kettensäge an – zur symbolischen Fällung einer Birke.

Sehr viel Aufregung für ein paar Bäume. Aber eigentlich geht es nicht nur um die Bäume am Björnsonweg, sondern um die Flüchtlingsunterkunft, die die Stadt Hamburg auf dem Gelände errichten möchte, auf dem die Bäume bislang stehen. Neun Pavillons mit Platz für 192 Menschen sind geplant. Die Geschichte des Konflikts ist darum auch eine Geschichte über die Kreativität, die Nachbarn an den Tag legen können, wenn sie verhindern wollen, dass nebenan Flüchtlinge einziehen.

Fürs Erste ist ihnen das in diesem Fall sogar gelungen: Das Verwaltungsgericht hat die Baumfällarbeiten vorerst gestoppt, um zu verhindern, dass "unumkehrbare Zustände geschaffen werden", wie es im Beschluss heißt. Hintergrund ist ein Eilantrag von Rüdiger Nebelsieck im Namen eines Anwohners.

Der Rechtsanwalt, der bis 2015 im Vorstand des Bund Hamburg saß, begründete sein Vorgehen gegenüber der Hamburger Morgenpost mit Naturschutzgründen: Es gebe auf dem Grundstück zahlreiche schützenswerte Pflanzen und Tiere, zitiert ihn das Blatt. Gegenüber ZEIT ONLINE wollte der Anwalt keine Angaben machen. 

2015 noch kein Wort vom Umweltschutz

Vielleicht kann Nebelsieck die Richter überzeugen und den Bau der Unterkunft im Namen des Naturschutzes ganz verhindern. Dass es den Blankenesern aber wirklich um ihre Bäume geht, daran gibt es berechtigte Zweifel, auch unter den Flüchtlingsunterstützern im Stadtteil. Allein schon, dass die Nachbarn immer wieder betont haben, mit einer geringeren Anzahl von Flüchtlingen im Björnsonweg könnten sie sich arrangieren, spricht dagegen. 90 Flüchtlinge hätten sie akzeptiert, aber 192? "Zu viel", verkündete eine Anwohnerinitiative gleich nach Bekanntwerden der Pläne im Juni 2015. Kein Wort damals vom Umweltschutz.

Und es gab und gibt noch mehr kreative Argumente gegen die geplante Flüchtlingsunterkunft, die die erste in dem noblen Stadtteil wäre. In einem Brief an den Bezirk Altona drohten Anwohner schon im vergangenen Sommer mit einer Klage dagegen, weil die Hamburger Sozialbehörde dort ursprünglich auch Plätze für Wohnungslose vorgesehen hatte. Die Behörde wollte eine Gesetzesänderung nutzen, die seit 2014 den Bau sozialer Einrichtungen in Gewerbegebieten und – wie am Björnsonweg – in sogenannten Außenbereichen erleichtert. Diese Erleichterung gilt aber nur für reine Flüchtlingsunterkünfte.

Die Drohung der Nachbarn, gegen womöglich einziehende Wohnungslose zu klagen, lief dennoch ins Leere: Das Bezirksamt Altona genehmigte der Behörde ausschließlich die Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern.

Manchmal würden sich Anwohner jedes beliebige Argument nehmen, was ihnen gerade in den Kram passe, sagt Manfred Braasch. Der Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Hamburg hält das Blankeneser Bauvorhaben zwar auch für problematisch. "Weil da Vorschriften missachtet worden sind", sagt er. Naturschutzgründe würden aber oft nur vorgeschoben. "Auf einmal entdecken Anwohner dann den Naturschutz für sich.

Dabei geht es ihnen eigentlich um etwas anderes." Die Liebe zur Natur zu entdecken kann sich für Flüchtlingsgegner lohnen: "Umweltschutzrecht ist ein scharfes Schwert", sagt Braasch. Mehrfach habe der Bund für Umwelt und Naturschutz bereits Unterstützungsanfragen von Bürgerinitiativen abgelehnt, mit Fremdenfeinden wolle man nichts zu tun haben. Um die zu erkennen, müsse man genau hinschauen.