Noch ein Dachverband in Sachen Flüchtlinge: Vergangenen Mittwoch gab Hamburg integriert seine Gründung bekannt. Das Bündnis von 60 Bürgerinitiativen sieht sich als Gegenpol zur Initiative gegen Großunterkünfte, die kürzlich erklärt hatte, mit Volksentscheiden gegen die Flüchtlingspolitik des Senats vorzugehen. "Das ist der falsche Weg", sagt Claus Scheide, Pressesprecher von Hamburg integriert. Stattdessen brauche die Stadt "mehr Gespräche auf sachlicher Ebene".

ZEIT ONLINE: Herr Scheide, sind Sie ein erklärter Gegner der Initiative gegen Großunterkünfte?

Claus Scheide, Pressesprecher von "Hamburg integriert", einem Dachverband von 60 Bürgerinitiativen © privat

Claus Scheide: Nein. Wir laden die Mitglieder der Initiative ausdrücklich ein, bei uns mitzuwirken. Sie hat uns sogar bereits signalisiert, dass sie das möchte. Allerdings halten wir manche Idealvorstellungen dieses Verbands für nicht umsetzbar – etwa den Wunsch nach recht kleinen Unterkünften. Die "ideale" Unterkunft wird es in Hamburg nicht geben, weil wir nun mal die entsprechenden Flächen nicht haben. Diesen Wunschtraum dennoch in der öffentlichen Debatte zu thematisieren, führt zu Augenwischerei und einer unnötigen Zuspitzung der Debatte.

ZEIT ONLINE: Großunterkünfte sind in der Hansestadt also unumgänglich?

Scheide: Auf jeden Fall müssen wir feststellen, dass wir mit sehr begrenzten Ressourcen arbeiten müssen. Kleine Unterkünfte sind Studien zufolge auch gar nicht unbedingt sinnvoll – bei 300 Bewohnern etwa gibt es gegebenenfalls eine schlechtere Struktur zur Integration als bei 2.000.

ZEIT ONLINE: Auf welche Studien beziehen Sie sich?

Scheide: Zum Beispiel Großsiedlung und innerstädtisches Altbauquartier von Walter Siebel. Die Untersuchung erörtert, dass eine gewisse Größe von Unterkünften für eine gelungene Integration nötig sein kann. Bei zu geringen Wohneinheiten kann es demzufolge passieren, dass die Leute sich "verrammeln", gar nicht mehr rausgehen. Das ist interessant – immerhin spricht man in der Regel eher bei großen Unterkünften von einer Ghettobildung.

ZEIT ONLINE: Nun steht Studie gegen Studie – auch die Initiative gegen Großunterkünfte beruft sich auf wissenschaftliche Unterlagen.

Scheide: Ja, zum Beispiel auf Die Aufnahme von Flüchtlingen in den Bundesländern und Kommunen von Jutta Aumüller. Sie hat verschiedene kleine Einrichtungen in kleinen Gemeinden untersucht und festgestellt, dass dort die Integration gut funktioniert hat. Eine Analogie auf Hamburg ist aber unzulässig: Dass es in kleinen Orten mit kleinen Unterkünften klappt, heißt ja nicht im Umkehrschluss, dass Integration in großen Städten nicht mit großen Einrichtungen funktioniert.

ZEIT ONLINE: Wie groß sollten in Hamburg Wohneinheiten für Flüchtlinge sein, um ein optimales Miteinander zu ermöglichen?

Scheide: Dafür können natürlich auch wir keine Lösung aus dem Ärmel schütteln. Pauschal zu sagen: "Maximal 300 Bewohner je Unterkunft", das macht auf jeden Fall keinen Sinn. Jeder Stadtteil ist anders strukturiert, die Akzeptanz in der Bevölkerung und die Infrastruktur sind verschieden. Wir müssen also je nach Viertel maßgeschneiderte Ansätze erarbeiten.

ZEIT ONLINE: Das klingt nach viel Aufwand. Wie soll das funktionieren?

Scheide: Wir schlagen vor, in jedem Stadtteil Integrationsbeiräte zu schaffen, in denen Experten und Ortsansässige zusammen arbeiten. Die Stadt müsste mit ihnen so transparent wie möglich kooperieren. Sie kann nicht einfach sagen: "Da kommen jetzt 1.000 Menschen hin, zack." Sie muss ihre Pläne erklären, die konkrete Umsetzung veröffentlichen. Diese Transparenz war anfangs mangelhaft – verständlicherweise. Auch der Senat wurde von der Situation überrollt. Er hat aber bereits erste richtige Schritte unternommen, zum Beispiel mit dem City Scope.

ZEIT ONLINE: …einem interaktiven Datenmodell, über das Bürger bei der Suche nach Flächen für Unterkünfte mitwirken können.