Stevie Schmiedel hat nichts gegen Brüste. Gegen nackte Haut auch nicht. Das muss man wissen, um sie nicht falsch zu verstehen. "Was mich aufregt", sagt Schmiedel und klappt ihren Laptop auf, "ist Werbung, die Nacktheit nur als Blickfang nutzt. Die Frauen herabwürdigt. Ständige Verfügbarkeit suggeriert." Als Beispiel fördert sie eine ältere Werbung einer Hotelkette zutage, auf der ein Frauentorso im Bikinihöschen zu sehen ist – mit der Aufschrift "24h open". Geht gar nicht. Schmiedel klickt weiter. Das Werbebanner eines Gerüstbauers in Hildesheim, darauf riesige Brüste in einem engen T-Shirt. Der Slogan: "Einfach gut gebaut". Schmiedel schüttelt den Kopf.

Die 44-Jährige – langes Haar, offener Blick – ist Geschlechterforscherin von Beruf und wohnt in Hamburg. Sie und ihre 2012 gegründete feministische NGO Pinkstinks gehen gegen sexistische Werbung vor. Sie prangern sie im Internet an, legen seit 2014 Beschwerde beim deutschen Werberat ein. Pinkstinks hat einen Vorschlag für ein Gesetz ausgearbeitet, mit dem sexistische Werbung durch einen richterlichen Beschluss über Nacht entfernt werden könnte.

Und seit Kurzem wissen Stevie Schmiedel und ihre drei Mitarbeiter einen wichtigen Mann auf ihrer Seite: Justizminister Heiko Maas (SPD) plant ein Gesetz gegen sexistische Werbung. Anfang 2016 hatte der SPD- Parteivorstand das Verbot in einem Klausurbeschluss festgehalten.

C & A und Otto reagieren schon

Doch wie schafft es eine kleine NGO – derzeitiges Monatsbudget: 7000 Euro –, ein Anliegen in nur drei Jahren bis in die Regierung zu tragen? Bislang machte Pinkstinks höchstens mit seinen Protesten gegen "Germany’s Next Topmodel" und ein rosa Überraschungsei nur für Mädchen von sich reden. Die NGO verurteilt Produkte und Werbung, die Mädchen und Frauen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen. Sie kritisiert, dass die Farbe Rosa nur Mädchen zugeordnet wird – deshalb auch der Name Pinkstinks.

Der Protest wirkt: Nachdem die NGO eine Welle der Empörung im Internet verursacht hatte, nahm etwa der Versandhändler Otto ein T-Shirt mit dem Spruch "In Mathe bin ich Deko" aus dem Sortiment. C & A hängte auf Schmiedels Beschwerde hin Plakate ab.

Stevie Meriel Schmiedel, Feministin und Geschlechterforscherin aus Hamburg © Gunter Glücklich

"Es ist Wahnsinn, welchen Einfluss wir haben", sagt Schmiedel. Bislang ist es aber allein an den Unternehmen, zu entscheiden, ob sie eine Werbung zurückziehen. Eine Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb, wie sie Pinkstinks vorschlägt, würde das ändern. Für die NGO wäre das ein großer Schritt. Manfred Parteina, Chef des Zentralverbands der Deutschen Werbewirtschaft, spricht dagegen von "Zensur".

Man muss einige Jahre zurückgehen, um zu verstehen, wie so ein Gesetzesentwurf überhaupt in greifbare Nähe rücken konnte. "Seit 2014 gehen wir intensiv auf die Politik zu", sagt Schmiedel. In einem schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift "Einfach top – ohne Model" sitzt die Mutter von zwei Töchtern in einem Café im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel, schräg gegenüber von ihrem Büro.

Gewicht verleiht dem Anliegen von Pinkstinks nicht nur Schmiedels Doktortitel, sondern auch der Gesetzesvorschlag, der vor allem auf das Konto von Berit Völzmann geht. Die Juristin meldet sich 2012 bei Schmiedel, nachdem sie ein Interview mit der Feministin in der ZEIT gelesen hat. Ihr Gesetzesvorschlag sieht unter anderem vor, Werbung zu verbieten, die "sexuelle Anziehung als ausschließlichen Wert von Frauen darstellt oder Frauen auf einen Gegenstand zum sexuellen Gebrauch reduziert".

Um die prekäre finanzielle Lage von Pinkstinks aufzubessern, hält Schmiedel viele Vorträge. Sie spricht vor Gleichstellungsbeauftragten, in SPD-Ortsvereinen und Schulen, sitzt in Podiumsdiskussionen. Auch Juristin Völzmann hält Vorträge. Im Herbst 2014 wird sie auf die Bezirkskonferenz der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) Hessen-Süd eingeladen – die ASF ist die Frauenorganisation der SPD. Dort lernt Völzmann die Vorsitzende der ASF, Elke Ferner, kennen, die auch Parlamentarische Staatssekretärin im Frauenministerium ist. Sie ist sofort begeistert und fortan eine der Schlüsselpersonen für Pinkstinks in der SPD. "Wenn Frauen in der Werbung zum Sexobjekt degradiert oder auf längst überholte Rollenbilder festgelegt werden, hat das auch Auswirkungen auf das Frauenbild in der Gesellschaft", sagt Ferner.