"Wir müssen wissen, was in den Moscheen gepredigt wird", hat kürzlich Emily Haber, Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, in einem Interview gesagt. Außerdem sei es wichtig zu wissen, "wer als Imam zu uns kommt und aus welchem Land". Habers Fazit: "Diese Szene darf nicht unbeobachtet, darf nicht unkontrolliert bleiben."

Rund 90 Moscheen beobachtet der Verfassungsschutz in Deutschland derzeit. Während die Observationen in religiösen Milieus heute motiviert sind durch die Furcht vor terroristischen Aktionen, befiel den Verfassungsschutz in den frühen 1980er Jahren eine ganz andere Angst. Damals fürchtete man sich vor gläubigen Friedensfreunden. Zumindest in Hamburg hielt das hiesige Landesamt für Verfassungsschutz sie für so gefährlich, dass die Behörde 1981 V-Leute in Vorbereitungstreffen für Protestaktionen zum 19. Evangelischen Kirchentag einschleuste.

Das mag leicht absurd klingen, doch der Historiker Stephan Linck hat entsprechende Dokumente gefunden, als er für den kürzlich erschienenen zweiten Teil seiner Studie Neue Anfänge? Der Umgang der Evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum. Die Landeskirchen in Nordelbien recherchierte. In der Forschungsarbeit geht es unter anderem um den "Antikommunismus als Relikt der NS-Vergangenheit", wie Linck sagt.

Am 16. Juni 1981, kurz vor Beginn des Kirchentages in Hamburg, erhielt der örtliche Landesbischof Hans-Otto Wölber einen 26-seitigen Bericht, betreffend "geplante Stör- und Protestaktionen anlässlich des Hamburger Kirchentages" sowie "Aktivitäten", die Friedensaktivisten während der Rede des damaligen Bundesverteidigungsministers Hans Apel vorgesehen hatten. Der Absender des Dossiers war Christian Lochte, seinerzeit Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz in Hamburg. 

Manche bekamen Probleme mit dem Beamtenverhältnis

Neben Interpretationen von Medienberichten enthielt das Schriftstück detaillierte Schilderungen von Vorbereitungstreffen — inklusive Listen der dort vertretenen Organisationen und Einzelpersonen. Elf kirchliche Gruppierungen, darunter Christen für die Abrüstung und Christen in der Verantwortung sind in dem Bericht aufgeführt, darüber hinaus mehr als 20 Pastorinnen und Pastoren. Das Dossier, sagt Linck, sei im Auftrag Wölbers entstanden, der von 1964 bis 1983 Bischof der damaligen Hamburgischen Landeskirche war.

Herausgefunden hat Linck dies im Auftrag der Nordkirche, die 2012 aus der Fusion der Nordelbischen Kirche – die das Bundesland Hamburg umfasste – mit der Landeskirche Mecklenburgs und der Pommerschen Kirche entstand. Mit anderen Worten: Nicht zuletzt dank Wölbers Nachfolgern ist Linck aufmerksam geworden auf die dunkle Episode in Wölbers Wirkungsgeschichte.

Unter den im Geheimdienstbericht erwähnten kirchlichen Aktivisten ist der damals 24-jährige Theo Christiansen. Das Mitglied der hiesigen Evangelischen Studentengemeinde meldete die Demonstration "Fürchtet Euch, der Atomtod bedroht uns alle" an und war presserechtlich verantwortlich für einen Demoaufruf, der in einer Auflage von 20.000 Exemplaren gedruckt wurde. Christiansen kennt das Verfassungsschutzdossier inzwischen. "Redewendungen im Anschreiben" deuteten darauf hin, dass sich Wölber öfter Berichte vom Geheimdienst liefern ließ, sagt er. Der mittlerweile 58-Jährige bezieht sich dabei auf die Formulierung "aktualisierter Bericht".

Christiansen leitet heute die Abteilung Diakonie und Bildung im Kirchenkreis Hamburg-Ost, der 116 Gemeinden angehören. "Einige Pastoren, die an der Vorbereitung der Kirchentagsproteste beteiligt waren, hatten hinterher veritable Schwierigkeiten, ins Beamtenverhältnis zu kommen", sagt er.

"Den Minister einfach auslachen"

Im Bericht, den Bischof Wölber vom hanseatischen Oberschlapphut Lochte bekam, sind verschiedene Vorbereitungstreffen erwähnt, die zwischen Februar und Anfang Juni 1981 stattfanden. Ein V-Mann listete von einer Veranstaltung die "ca. 60 anwesenden Personen" auf. Im Zusammenhang mit der geplanten Rede des damaligen Verteidigungsministers Apel sind diverse "Vorschläge" der Friedensaktivisten aufgeführt ("Den Minister einfach auslachen", "Einfach alle umfallen, wenn der Minister das Wort ‚Frieden‘ benutzt").

Der gewissenhafte Protokollant muss darob ziemlich erschrocken gewesen sein. Die Dokumente zeigten, wie angstvoll die "konservative Kirchenleitung" auf die Friedensbewegung geschaut habe, sagt Theo Christiansen. Schon bald darauf habe aber intern eine "Neubetrachtung der Friedensbewegung" stattgefunden. Als Spitzenpolitiker der SPD im Herbst 1981 bei der ersten großen Friedensdemo in Bonn "in der ersten Reihe mitmarschierten", sei die Evangelische Kirche "auf den Zug aufgesprungen".

Gewiß nicht mit aufgesprungen ist damals Hans-Otto Wölber – zumindest, wenn man einen Brief als Maßstab nimmt, den er nach Erhalt des Verfassungsschutzdossiers an einen Bischofskollegen schickte. "Am meisten" gab sich Wölber in dem Schreiben "bestürzt" darüber, "wie stark unsere Szene mit dem gesamten linken Spektrum in der Bundesrepublik in der einen oder anderen Weise verstrickt ist." Man könnte aus den Unterlagen auch völlig eindeutig den harten Kern derjenigen zusammenstellen, die ihre kirchliche Position und vermutlich auch kirchliche Mittel als Amtsträger verwenden, um ihre politischen Ziele zu erreichen.

Wenig verwundert über Wölbers Affinität zur Spionage zeigt sich heute Ulrich Hentschel, der mehr als 30 Jahre als Pastor in Hamburg und Umgebung gearbeitet hat und zuletzt als Studienleiter der Evangelischen Akademie in Altona tätig war. "Ich war skeptisch gegenüber Wölber und der auch mir gegenüber", sagt Hentschel, der, was Proteste gegen die Aufrüstung angehe, "immer an vorderster Front mit dabei gewesen" sei. Sein Name wird ebenfalls im Geheimdienstdokument erwähnt. Die Kooperation zwischen Kirchenleitung und Verfassungsschutz sei nicht erstaunlich gewesen, wenn man die "nationalprotestantische Tradition, den Staatsorganen mehr zu vertrauen als den eigenen Leuten", in Betracht ziehe, meint der 2015 pensionierte Hentschel.

"Wölber hätte nicht kooperieren dürfen"

Welche Haltung in den frühen 1980er Jahren in der evangelischen Kirche verbreitet war, bekam er selbst zu spüren. Im Herbst 1980 wurde Hentschel aus politischen Gründen als Gemeindepfarrer in Rellingen suspendiert. Was man ihm in Detail vorwarf, erfuhr Hentschel zunächst nicht – das änderte sich erst Monate später, als eine oppositionelle Kirchentagszeitung ein entsprechendes Geheimpapier veröffentlichte, das ihr ein Whistleblower zugespielt hatte.

Ihm als "alten Linken" sei "klar, dass der Verfassungsschutz nicht dazu da ist, die Verfassung zu schützen", sagt Hentschel. Skandalös sei aber, dass ein Bischof das schmutzige Spiel mitgespielt habe. "Wölber hätte nicht kooperieren dürfen, sondern die Betroffenen informieren und sie im offenen Gespräch damit konfrontieren müssen, was ihm an ihrer politischen Haltung missfällt. Das hat er aber nicht getan." Theo Christiansen argumentiert ähnlich. Der Bischof habe damals seine "explizite Fürsorgepflicht gegenüber Pastoren" missachtet.

Stephan Linck sagt, man müsse das Geheimdienstdossier von 1981 im Zusammenhang mit diversen Flugblattsammlungen sehen, die der Verfassungsschutz zwischen den 1960er und 1980er Jahren zusammengestellt habe. Die seien mittlerweile im Staatsarchiv Hamburg zugänglich, sagt er. Linck entdeckte dort, dass zum Beispiel über "den Fachschaftsrat Theologie an der Universität Hamburg sowie die Evangelische Studentengemeinde Hamburg über Jahre hinweg gesammelt wurde". Auch ein Bericht über den "Versuch eines nicht-repressiven Kinderlagers", 1969 von der Basisgruppe Kinderlager der Evangelischen Studentengemeinde organisiert, findet sich in der bemerkenswerten Sammlung.

"Die Verfassungsschutzakten erwecken den Eindruck, dass die Beteiligung am demokratischen Diskurs in der Gesellschaft ausreichte, vom Verfassungsschutz erfasst zu werden", schreibt Linck in seinem Buch leicht süffisant. Die Hauptverantwortlichen für die Spitzelei im Friedensfreunde-Milieu kann man dazu nicht mehr befragen. Bischof Wölber starb 1989, Verfassungsschutzchef Lochte zwei Jahre später. Dass leitende Kräfte der Kirche derartige Praktiken heute gutheißen könnten, hält Ulrich Hentschelm für ausgeschlossen. Für die gegenwärtigen Verantwortlichen könne er diesbezüglich seine "Hand ins Feuer legen", sagt Ulrich Hentschel. Ob das in zehn Jahren noch so sein werde, wisse er nicht. Der Nachwuchs, sinniert Hentschel, sei ja "eher konservativ orientiert".

Die Wanderausstellung "Neue Anfänge nach 1945?" läuft vom 3. bis 16. Juni in der Trinitatiskirche Altona und vom 23. Juni bis 6. Juli in der Christuskirche Pinneberg.