Hamburgs Altbürgermeister und SPD-Mann Henning Voscherau hat fast zehn Jahre lang die Stadt Hamburg regiert – dabei war er in seiner Partei für manche Mitglieder durchaus umstritten. In seiner Regierungszeit koalierte er mit Ex-CDU-Leuten und als ihm sein Wahlergebnis nicht gut genug war, trat er einfach zurück. Für die Hamburger war Henning Voscherau die Verkörperung eines Hanseaten: überaus korrekt, ein wenig kühl und distanziert. Auf Oppositionspolitiker wirkte sein Auftreten durchaus auch arrogant.

"Als Großstadtbürgermeister braucht man Fleiß, Härte und Präzision" zitiert der Senat an diesem Mittwoch den ehemaligen Bürgermeister. Er ist im Alter von 75 Jahren in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch an den Folgen eines Hirntumors gestorben. Der Hansestadt hinterlässt Voscherau ein bedeutendes Erbe: den neuen Stadtteil HafenCity an der Elbe.

Das Haar silbrig weiß, helle Augen und auch als "Rentner" ein noch immer jugendliches Gesicht, so bleibt Voscherau in Erinnerung. Dass der promovierte Jurist 1997 einen Schlussstrich unter seine politische Karriere zog, hinderte ihn nicht, sich weiter einzumischen, mal mehr, mal weniger öffentlich – etwa in der Drogenpolitik, beim umstrittenen Kohlekraftwerk Moorburg oder für weitere Elbvertiefungen.

38 Prozent waren seine Schmerzgrenze

Die Bundesnotar-Ordnung nötigte den promovierten Juristen im Alter von 70 Jahren dazu, seinen geliebten Beruf 2011 aufzugeben. Natürlich kam das für den umtriebigen Sozialdemokraten zur Unzeit. "Plötzlich" musste er – seit 1974 Notar – sich eine neue Beschäftigung suchen. Er wechselte deshalb umgehend von seinem Notariat am Alstertor zur Bürogemeinschaft seines Sohnes, des Immobilienanwalts Carl Christian Voscherau, um dort als Berater im Grunde weiterzumachen, wie bisher.

Voscherau, der von 1982 bis 1997 die SPD-Fraktion in der Bürgerschaft führte, war 1988 ins Amt des Ersten Bürgermeisters gewählt worden und folgte auf den nicht minder hanseatischen Sozialdemokraten Klaus von Dohnanyi. Er nannte sich "eine Leihgabe der Notare an die Demokratie, und zwar eine befristete". In seine Regierungszeit fielen unter anderem die Übernahme von über 40.000 Wohnungen der Neuen Heimat und der Beschluss zur Einführung des kommunalen Wahlrechts für Ausländer.

Bei der Bürgerschaftswahl vom Juni 1991 fuhr er für seine Partei noch 48 Prozent der Stimmen ein. Später ging er eine Koalition mit der  Statt-Partei ein, einer Hamburger Wählervereinigung des ehemaligen CDU-Mitglieds Markus Wegner. Der Hamburger SPD-Parteivorstand wollte eigentlich eine rot-grüne Koalition. Als Voscherau bei der Bürgerschaftswahl 1997 mit 36,2 Prozent der Stimmen für die SPD das schlechteste Ergebnis der Sozialdemokraten in der Hansestadt nach Kriegsende hinnehmen musste, trat er zurück. 38 Prozent waren seine "Schmerzgrenze". In die SPD war der Spross einer Hamburger Schauspielerfamilie 1966 eingetreten. In der Partei nahmen Voscherau etliche die konsequente Haltung beim Rücktritt übel.

Wohl auch deshalb brachte er nicht wirklich einen Fuß auf den Boden, als er sich als "Joker" für die SPD- Spitzenkandidatur zur Bürgerschaftswahl 2008 anbot und so Zweifel schürte, ob das SPD-Personal in Hamburg für die Ablösung von CDU-Bürgermeister Ole von Beust tauge. Das Einverständnis seiner Familie vorausgesetzt, sei er bereit zur Kandidatur, erklärte der verheiratete Vater von drei Kindern damals.