Der Syrer Mohamed A. hat eifrig Deutsch gelernt und als Flüchtling in Ahrensburg bei Hamburg völlig unauffällig gelebt. Am Dienstagmorgen wird der 26-Jährige in der wohlhabenden Kleinstadt vor den Toren Hamburgs als Terrorverdächtiger festgenommen, ebenso wie zwei Landsleute im Nachbarort Großhansdorf und in Reinfeld nahe Lübeck.

Am frühen Morgen schlagen 200 Kräfte von Bundespolizei, Bundeskriminalamt und mehreren Landespolizeien zu. Einige Stunden dauert der Einsatz, von dem der Kieler Innenminister Stefan Studt kurz vor 4 Uhr erfährt. Nach und nach machen sich die ersten Bewohner auf den Weg zur Arbeit. Familien bereiten ihre Kinder auf die Schule vor. Monatelange Ermittlungen waren vorausgegangen.

Ein paar Wochen nach den Gewalttaten in Bayern und Baden-Württemberg hat die Terrorangst in spätsommerlichen Kleinstadtidyllen hautnah auch den hohen Norden erreicht. Zumal sich eine größere Dimension auftut: Die festgenommenen Syrer hatten laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nach bisherigen Ermittlungen einen Bezug zu den Attentaten in Paris im November 2015. Innenminister Stefan Studt (SPD) betont mit Blick auf die Ereignisse in Schleswig-Holstein beruhigend: "Tatsächlich hat sich nichts ereignet."

Ahrensburgs Bürgermeister ist schockiert nach der Festnahme des 26-Jährigen in seiner 30.000-Einwohner-Stadt, in der rund 400 Flüchtlinge leben. Man könne nie ausschließen, dass Menschen mit "weniger edlen Motiven" nach Deutschland kämen, sagt Michael Sarach (SPD). "Besonders schwerwiegend ist aber, dass es bei diesem Mann keine Auffälligkeiten gegeben hat, er war sozusagen ein Vorzeigeflüchtling."

Der Mann habe offenkundig alle Anstrengungen unternommen, um in der Gesellschaft anzukommen, sagte Sarach der NDR 1 Welle Nord. Dabei könnte es sich allerdings auch um eine Strategie gehandelt haben, um nicht in Verdacht zu geraten. Nicht nur Sarach stellt sich die Frage, wie mutmaßliche Terroristen rechtzeitig erkannt und durchschaut werden können. "Was ist wahr und was ist nicht wahr, was ist Wirklichkeit und was ist nicht Wirklichkeit", sagte er dem Sender. Ebenso überrascht von der Anti-Terror-Razzia war der Bürgermeister der 9.000-Einwohner-Gemeinde Großhansdorf, Janhinnerk Voß (parteilos). Der hier Festgenommene galt nach Angaben einer Sprecherin einer örtlichen Hilfsorganisation ebenso als Vorzeigeflüchtling.

Sie sollen im IS-Auftrag gekommen sein

Auch in der "Karpfenstadt" Reinfeld ist der Schock groß. Ein Feuerwehrmann macht sich Sorgen um politische Folgen: "Ich habe Angst, dass das politische Klima noch dunkelbrauner wird", sagt er. Bisher gebe es in der Stadt im Hinblick auf die Flüchtlinge eine gute Stimmung, berichtet der Sprecher der Initiative Asyl in Reinfeld, Albrecht Werner. Für den Polizeieinsatz gegen den Terrorverdächtigen hätten auch die im gleichen Haus untergebrachten Flüchtlinge Verständnis gezeigt, sagt er der TV-Nachrichtenagentur Telenewsnetwork.

Allen drei in Schleswig-Holstein festgenommenen Syrern wirft die Bundesanwaltschaft vor, mit der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) im November 2015 nach Deutschland gekommen zu sein. Einer von ihnen, ein 17-Jähriger, soll sich vor einem Jahr im syrischen Rakka dem IS angeschlossen haben und dort im Umgang mit Waffen und Sprengstoff ausgebildet worden sein. Laut Bundesanwaltschaft reiste er dann mit den beiden anderen Beschuldigten mit falschen Pässen über die Türkei und Griechenland Mitte November 2015 nach Deutschland ein.

Sie wurden bereits längerer Zeit observiert, schildert wenige Stunden nach den Razzien Innenminister Studt in Kiel. Eigentlich wollte er die Presse über geplante Maßnahmen zur Stärkung der Polizei informieren, doch diese Pressekonferenz hat er wegen des Anti-Terror-Einsatzes kurzfristig abgesagt. Dieser habe ihn nicht schockiert – er sei eher erleichtert darüber, dass die Ermittlungsarbeit der Behörden funktioniere. Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) teilt das Lob: "In dem Moment, wo die Sicherheitsbörden ausreichend Information zusammen hatten, um zuzugreifen, haben sie schnell und professionell gehandelt."