Einen Tag lang tüfteln an praktischen Antworten auf den Populismus. Mit dieser Aussicht steigen an einem Samstagmorgen im Februar etwa einhundert Menschen in Hamburg aus dem Bett. Es ist Save Democracy Hackday. Um 9 Uhr treffen sie im Betahaus ein, einem Co-Working-Space in der Eifflerstraße: Frauen wie Männer, mehrheitlich junge Berufstätige der sogenannten kreativen Branchen, darunter auffällig viele Journalisten, Studenten, vereinzelt auch Menschen über vierzig. Am Eingang liegen ein Edding und eine Rolle Kreppklebeband, damit sie ihre Namen auf der Brust tragen können. Sie kennen sich nicht, aber duzen sich.

Valentin Heyde ist Organisationsberater und einer der acht Gastgeber des Camps. "Viele der Anwesenden wären vor einem Jahr überhaupt nicht für solch eine Veranstaltung zu mobilisieren gewesen", sagt er. "Sie wurden, wie ich auch, von den Ereignissen des Jahres 2016 überrascht."

Fragt man die neuen Aktivisten nach ihrem Antrieb, bekommt man meist die gleiche Antwort: Erst war da der Schock durch den Erfolg von Lügen und Verzerrungen beim Brexit-Referendum und die damit verbundene Erkenntnis, dass es sich nicht um einen Einzelfall handeln muss. Am Ende stand der kaum für möglich gehaltene Unfall für alle Nichtpopulisten, Donald Trumps Sieg in der US-Wahl. "Ich habe den Brexit live in England erlebt", sagt Janina aus der Werbebranche. "Es war ein totaler Schock, auch für die Briten, mit denen ich lebte. Jetzt muss ich etwas tun, bevor Populisten auch bei uns Schäden anrichten oder die Macht übernehmen." Die Motivation ist bei allen Anwesenden ausgesprochen hoch. Save Democracy Hackday, dieser Titel wirkt großspurig – aber genau darum geht es den Menschen hier: Sie wollen die Demokratie retten.

"App gegen rechte Dösbaddel"

Nach dem ersten Kaffee werden Projektideen vorgestellt. Der Begriff Hackday entstammt der Programmiererszene, und will sagen, dass heute an Lösungsansätzen gearbeitet werden soll, möglichst mit einem konkreten Ergebnis am Ende des Tages. Also wagen sich sechsundzwanzig Ideengeber auf die Bühne und werben um Teilnehmer für ein- bis zweistündige Sessions am heutigen Tag. Ihre Ansätze, die Demokratie zu retten, sind ganz unterschiedlich.

Mehrere Ideen drehen sich um die Frage, wie man Filterblasen auflöst und mit Menschen, die anders denken, ins Gespräch kommt – und wie man Rechtspopulisten eventuell bekehren kann.

Die Journalistin Mareike (die auch für ZEIT ONLINE schreibt) etwa hat auf Facebook angekündigt, eine Jugendbewegung zu gründen. Dafür hat sie bereits zahlreiche Mitstreiter eingesammelt und will durch Deutschland reisen, um im Dialog etwas zu bewegen. Andere wollen protestieren: Kaja, Coach für Frauen, plant einen Sisters' March in Hamburg für "uneingeschränkte Gleichberechtigung und die Erhaltung der demokratischen Grundwerte". Drei Studenten, die vor wenigen Wochen eine Demo vor dem US-Konsulat auf die Beine gestellt haben, möchten ein Demo-Kit entwickeln, mit dem man spontan auf politische Ereignisse reagieren kann. Zwei aus Berlin Angereiste wollen eine "völlig neue Art von Partei" gründen, die immun gegen Korruption und Lobbyismus ist, und mit dieser zur Bundestagswahl antreten.

Christoph ist Autor und Berater, er hat ein Buch über die neue Rechte geschrieben und bietet heute zum gleichen Thema eine Informationsveranstaltung an. Hinter Trump und der AfD steckten Strategien, die man verstehen und auf die man reagieren könne, sagt er. Außerdem hat er eine praktische Idee vom letzten Save Democracy Hackday mitgebracht: eine App, die humorvoll und spielerisch helfen soll, argumentationssicher gegen rechte Parolen zu werden. Arbeitstitel: RINDER, die App gegen rechte Dösbaddel.