Die jungen Prostituierten, die im "Sperrgebiet" Rat suchen, nennen sich nicht "Sexarbeiterinnen". Selbst Prostituierte nennen sie sich nicht. Sie müssen einfach hier und jetzt an Geld herankommen. Sie fürchten von alten Schulfreundinnen erkannt zu werden. Und sie wollen schon gar nicht in den Medien erwähnt werden. Denn irgendwann werden sie ein anderes Leben führen, glauben sie, was auch immer das sein mag.

Die Sozialpädagogin Beatrice Hennig leitet die Beratungsstelle "Sperrgebiet" in Hamburg St. Georg. Sie liegt, wie der Name sagt, im Sperrgebiet und richtet sich ausschließlich an junge Frauen. Hennig sagt, Hamburg sei ziemlich gut ausgestattet mit Beratungsstellen für die verschiedenen Gruppen von Prostituierten. Sie haben sich spezialisiert, etwa auf die Hilfe für Zwangsprostituierte, für drogensüchtige erwachsene Frauen oder auch für männliche Stricher.

Sie erzählt, viele der Mädchen, die sie berät, sind einfach auf dem Straßenstrich gelandet, nachdem sie Sex hatten als Gegenleistung für einen Schlafplatz, ein Abendessen oder den Besuch auf dem Dom. Warum also nicht Geld dafür nehmen? Andere haben sich in sogenannte Loverboys verliebt – nette junge Männer, die Liebe vorspielen und die Mädchen dann überreden, auf den Strich zu gehen. "Aber eigentlich gibt es für zehn Mädchen zehn Wege zur Prostitution", sagt Hennig.

Gemeinsam haben die Straßenstrich-Prostituierten, die im" Sperrgebiet" Hilfe suchen, dass sie meist aus ungebildeten Familien stammen, die auf engstem Raum zusammenleben, in denen die Eltern geschlagen oder getrunken haben. Manche haben früh zu viel Verantwortung übernehmen müssen für kleine Geschwister. Sie sind in Heimen gelandet und irgendwann abgehauen. Sie haben keine Wohnung, keinen Schulabschluss und keinen Rückhalt in der Familie.

Erschöpfung und kein Vertrauen

Beatrice Hennig sagt, diese jungen Frauen seien vor allem erschöpft: weil sie jeden Tag neu organisieren müssten, wo sie die nächste Nacht schlafen, weil sie verhindern müssen, krank zu werden – denn schon eine Krankenversicherung zu organisieren, überfordert viele. Sie versuchen ihre Schulden zu kontrollieren, aber wissen nicht, wie man einen Hartz-IV-Antrag ausfüllt. Sie haben zu niemandem Vertrauen. Sie haben nie gelernt alleine zu wohnen, zu kochen, einzukaufen. Es sei schon ein großer Erfolg, wenn sie ihre Post öffnen und beantworten.

Prostituierte werden in den Medien oft in zwei Schubladen abgelegt. Repräsentantin der einen Gruppe ist die selbstbestimmte eloquente Frau, die Sexarbeiterin – sie empfindet Alice Schwarzers Aktionen gegen Prostitution eher als diskriminierend denn als Schutz, weil Schwarzer alle Prostituierten zu Opfern erklärt. Zur anderen Gruppe gehören die wirklichen Opfer: Zwangsprostituierte, Sklavinnen, die erst mit falschen Versprechungen, dann mit Gewalt und Schulden gezwungen werden, ihre Körper zu verkaufen.

Doch die jungen Frauen, die Beatrice Hennig betreut, gehören zur wesentlich größeren Gruppe von Prostituierten, die weder das eine noch das andere sind. Sie haben sich nicht ausgesucht, was sie tun, aber sie werden auch nicht versklavt. Diese Arbeit ermöglicht ihnen zwar oft nur schlecht für sich selbst zu sorgen – aber sie sorgen immerhin für sich und es ist ihnen wichtig, sich nicht als Opfer zu fühlen. Und das sei schon ein Erfolg, sagt Hennig.

Ihre Arbeit bestehe nicht darin, einen Termin für eine halbe Stunde zu vereinbaren. Sie sagt, Gespräche und die konkrete Beratung liefen oft über Jahre. Und die jungen Frauen gehen nur ganz kleine Schritte. Erst wenn sie eine Krankenversicherung, regelmäßig etwas zu essen und einen Ort zum Wohnen haben und sich dort zurechtfinden, kommt die Frage auf: Wo kann es mit meinem Leben sonst noch hingehen?