"Ach, sündig …!" Jacek Bystron lacht, als er aus seinem schlichten Büro zur Großen Freiheit blickt. "Bei uns", sagt der Pfarrer im weichen Klang seiner Heimat, "ist Alkohol 150 Meter um Kirchen herum verboten. Aber wir sind nun mal nicht in Polen." Hier, auf St. Pauli, wird dagegen bis vor das Kirchenportal gekotzt. Der Geistliche mit den Lausbubenaugen breitet seine Arme aus: "So ist das Leben!" Grelles Sonnenlicht taucht sein Gotteshaus in göttliche Farben. Bis aufs Vogelgezwitscher dringt kaum ein Laut durch die Mauern. Es herrscht himmlischer Frieden rings um St. Joseph. Sündig ist es hier nicht. Noch nicht

In wenigen Stunden nämlich werden Horden entfesselter Partygäste die Nacht davor zum Tage machen. Wie jedes Wochenende, Jahr für Jahr, ob schwül oder verschneit, so sicher wie das Amen in der Kirche, das hier in der St.-Josephs-Kirche anders klingt als in evangelischen Gemeinden. Leidenschaftlicher, ehrlicher, vor allem aber: vielstimmiger. St. Joseph ist ja nicht nur eine ungewöhnlich schöne Kirche an einem ungewöhnlichen Ort; der katholische Sakralbau ist das Herz der wohl gottesfürchtigsten Christen dieser säkularen Stadt. Jeden Sonntag trifft sich hier die polnische Exilgemeinde zur Heiligen Messe.

"Sünde!", mit diesem religiösen Urteil ließ sich in 5.000 Jahren Religionsgeschichte praktisch alles ausmerzen: Freie Liebe und freier Wille, Unbotmäßigkeit, Eigenentfaltung, Entertainment. Heute jedoch gelten höchstens Steuerbetrüger noch als Sünder und Geschiedene werden CDU-Chef – da haben's Katholiken schwer als letzte Hüter christlicher Moral. Gerade hier, unweit jener Straße, die bis heute als sündigste Meile der Welt gilt.

"Ein Stück Heimat" für 83.000 Hamburger polnischer Herkunft

Es ist halb acht in der Früh. Aus angrenzenden Clubs wummert unverdrossen der Bass durch die erlahmende Feierzone, als die ersten Gottesdienstgäste durchs Kirchenportal gehen. Demütig schlagen sie das Kreuz, während sich vorm Shooters schräg gegenüber zwei berauschte Kerle um eine blondierte Frau streiten. Es riecht nach Männerschweiß und Promille, schnapsdumpfer Gewalt. Gleich neben einem Flatrate-Bumms, der früher mal Starclub hieß und ziemlich berühmt war, liegt eine Lache Erbrochenes.

Die Gläubigen scheint das wenig zu kümmern. "Wir sind hier, weil wir Polen sehr religiös sind", sagt Margarete Lindner-Zielinski in akzentfreiem Deutsch. Und als klänge das zu fromm in modernen Zeiten, fügt die Ärztin aus der City hinzu: "Aber es ist auch ein Stück Heimat."