Im Prozess gegen die Eltern der getöteten Yagmur aus Hamburg-Billstedt haben gegenseitige Beschuldigungen die Angeklagten sichtlich aufgewühlt. Als die Richter am Mittwoch im Landgericht Hamburg Protokolle früherer Vernehmungen der Eheleute sowie Briefe verlasen, brach die 27 Jahre alte Mutter in Tränen aus. Der Vater konnte seinen Ärger über Aussagen, die seine Frau einst vor dem Haftrichter gemacht hatte, nur mühsam unterdrücken.

Es war das erste Mal in dem Prozess, dass die Zuhörer Einblick in die unterschiedlichen Versionen der Eheleute über die Geschehnisse bekamen. Denn bislang schweigen beide vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter Mord aus Hass auf ihre Tochter vor. Der Vater soll tatenlos mitangesehen haben, wie seine Frau die Dreijährige immer wieder misshandelte. In den ersten Monaten nach der Tat hatte zunächst der Ehemann als Hauptverdächtiger gegolten. Doch Aussagen von Zeugen und die Auswertung von Handy-Mitteilungen änderten die Meinung der Anklagebehörde.

Yagmur war am 18. Dezember 2013 in der Wohnung der Familie zusammengebrochen und starb an inneren Blutungen in Folge eines Leberrisses. Sie lebte erst seit wenigen Monaten bei ihren Eltern, zuvor war sie bei einer Pflegemutter und in einem Kinderschutzhaus untergebracht. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft will derzeit aufklären, wie es passieren konnte, dass das Jugendamt den Eltern ihre Tochter zurückgab – obwohl schon damals Misshandlungsvorwürfe bekannt waren.

Bislang hatte die Mutter eher teilnahmslos gewirkt

Bei Befragungen nach ihrer Festnahme beteuerten die Beschuldigten, ihre Tochter nie verprügelt zu haben. Gleichzeitig zeichneten beide ein schreckliches Bild von ihrem Ehepartner. "Er schlug mich, schubste mich gegen die Wand, wenn er getrunken hatte", berichtete die Mutter damals. "Er hat auch meine Tochter geschlagen." Ihr Mann habe nie ein Kind gewollt, zweimal habe sie deshalb abgetrieben.

Als sie 2010 mit Yagmur schwanger war, habe sie das lange verheimlicht, sagte die Frau laut Protokoll. Als ihr Mann davon erfuhr, habe er ihr in den Bauch getreten. Er habe die Tochter immer wieder misshandelt. Aus Angst vor ihm habe sie die Blutergüsse mit Schminke überdeckt, damit niemand etwas merkte. Mehrmals äußerte der mitangeklagte Vater mit Zwischenrufen seinen Unmut über diese Schilderungen.

"Sie ist psychisch krank", hatte er bei einer Vernehmung im Februar über seine Frau gesagt. Die 27-Jährige sei gegen ihn immer sehr aggressiv gewesen und habe ihn sogar mit einem Obstmesser bedroht. Prügelattacken gegen die gemeinsame Tochter habe er nie selbst gesehen. Es seien ihm jedoch ab und zu Kratzer und Beulen an dem Kind aufgefallen. "Meine Frau hatte immer eine Erklärung dafür, ich habe ihr geglaubt", betonte er.

An den bisherigen Verhandlungstagen hatte die Mutter eher teilnahmslos gewirkt – auch als der Vorsitzende Richter Fotos der Leiche hochhielt. Doch an diesem dritten Verhandlungstag zeigte sie Emotionen. Während der Richter einen ihrer Briefe aus der Untersuchungshaft verlas, in dem sie sich für unschuldig erklärte, begann sie zu weinen. Die Verhandlung wurde kurz unterbrochen.

Die Mordanklage gegen die Mutter stützt sich unter anderem auf einen Chat-Verkehr zwischen den Eheleuten, den die Ermittler auf einem Handy gefunden hatten. Ihr Mann habe ihr das Mobiltelefon weggenommen und diese Nachrichten fingiert, um den Verdacht auf sie zu lenken, sagte die Frau bei einer Vernehmung im März.