Manchmal hat es den Anschein, als würde Altona wieder von einer fremden Macht übernommen. Bis ins 19. Jahrhundert stand der Stadtteil gut 200 Jahre unter dänischer Flagge, jetzt wird über eine neue, von außen kommenden Größe diskutiert, ausdauernd und emotionsgeladen: über das Möbelhaus Ikea, das in der Großen Bergstraße eine Filiale eröffnet hat.   

Natürlich, im Unterschied zu damals geht es nicht mehr nur um eine Nation, sondern um einen global agierenden Konzern. Und der Konflikt entzündet sich nicht mehr am Expansionsdrang eines Königs, sondern an Stichworten wie Aufwertung, Mietspiegel und Verkehrsplanung. Trotzdem: Vielleicht lässt sich das Phänomen Ikea in Altona besser verstehen, wenn man es in einem historischen Kontext betrachtet.

Für Ikea ist die erste Innenstadt-Filiale ein betriebswirtschaftliches Experiment. Für die Hamburger Politik ein weiterer von vielen Versuchen, das ab 1956 aus der Not geborene städtebauliche Experiment "Neu-Altona" doch noch zu retten. Fest steht: An wenigen Orten hat sich der beständige Wandel so dramatisch eingeschrieben wie hier.

An diesem Wochenende feiert Altona mit einem Bürgerfest seinen 350. Geburtstag. Wie wechselvoll die Stadtteilgeschichte ist, das zeigt das Altonaer Museum in seiner Ausstellung 350 Jahre Altona. Sie beginnt bei der Verleihung der Stadtrechte 1664 und endet heute. 350 Jahre — schaut man sich an, wie stark sich Altona in diesem Zeitraum verändert hat, dann erscheint der blau-gelbe Ikea-Klotz als ein einschneidendes Ereignis unter vielen.  

Es gehört von Anfang an zu Altona, dass es sich immer wieder neu erfindet. Besonders das heute als Altona-Altstadt bezeichnete Quartier um die Große Bergstraße veränderte sein Gesicht im Lauf der Jahrhunderte mehrmals total. Wie wenig altüberliefert ist, erkennt man, wenn Touristen hierherkommen und sich fragen, wo sie denn eigentlich ist, die Altstadt. Schließlich gibt es hier nicht viel zu sehen außer Stahlbetonbauten und einer zugigen Fußgängerzone.      

Wissenschaftlich betrachtet liegt Altonas Altstadt auf St. Pauli

Die Geschichte der Großen Bergstraße beginnt im Jahr 1655, sie hieß damals nur Bergstraße und war nicht mehr als ein Landweg. Altona war noch ein kleiner Flecken vor den Toren Hamburgs mit etwa 3.000 Einwohnern. Keine Rede von einer Stadt. "Vor 1846 gab es die westliche Altstadt Altonas noch gar nicht", sagt die Historikerin Vanessa Hirsch, Kuratorin der Ausstellung 350 Jahre Altona. "Für mich als Wissenschaftlerin besteht die eigentliche Altstadt Altonas aus den beiden Siedlungskernen am Fischmarkt und an der Großen und Kleinen Freiheit im heutigen St. Pauli." Nur dort – und entlang der Palmaille und Königstraße – gab es bis dahin eine dichtere Besiedlung.