Eigentlich spricht nichts gegen diesen Traum. Den Traum, auf dem Wasser zu wohnen, dort vielleicht sogar alt zu werden. In Hamburg gibt es viele Wasserflächen und wenig Wohnraum — warum also nicht Wasser und Wohnen kombinieren?

Marlies Kornhuber sitzt in ihrem Wohnzimmer auf einem Campingstuhl und blickt durch die große Terrassentür auf das Wasser des Mittelkanals im Stadtteil Hammerbrook. Das Wohnzimmer ist noch nicht eingerichtet. Es fehlt noch an allem, Möbel, Lampen, ein Sofa, aber Marlies Kornhuber ist glücklich. Gerade ist die Sonne untergegangen, warmes Licht fällt in den Rohbau ihres Hausbootes, draußen zwitschern Vögel.

"Fast auf Augenhöhe mit dem Wasser zu sein, das hat etwas sehr, sehr Beruhigendes", sagt Marlies Kornhuber. Vorher hat sie mit ihrem Mann Heiner am Stadtrand im fernen Sasel gelebt, jetzt lockt dank des Hausbootes das Leben im Zentrum. "Zentral zu wohnen und dennoch solch eine Ruhe genießen zu können, ist für mich die perfekte Kombination", sagt sie. Und ihr Mann, ein passionierter Ruderer, erzählt: "Ich hatte immer diesen Traum, von meiner Wohnung aus direkt ins Wasser springen zu können. Jetzt kann ich das machen."

Warum sollte Hamburg nicht werden wie Amsterdam?

Doch nicht immer läuft es so glatt. Geld, Bürokratie und vergessene Weltkriegsbomben können Hausboot-Interessierte  schnell aufgeben lassen. Alles begann vor knapp zehn Jahren mit dem ambitionierten Senatsplan "Schwimmende Häuser". Er war das Ergebnis eines Bürgerwettbewerbs zum Thema Hamburg – Wachsende Stadt. Hamburg sollte wachsen, und zwar auf dem Wasser. Ein Pilotprojekt auf dem Eilbekkanal wurde angestoßen. In der Drucksache 18/3900 aus dem Jahr 2006 wies der Senat auf Karten hübsch und detailliert "Eignungsflächen für Hausboote und Schwimmende Häuser" aus.

Viel war in dieser Senatsmitteilung die Rede von "neuen Impulsen" und der "Aufwertung" benachteiligter Stadtteile, von großen Chancen für mittelständische Bootsbaubetriebe. Mehr noch: Die ganze Stadt solle profitieren, indem sie sich wieder einmal "unkonventionell" präsentiere, hieß es. 

Alles schien plötzlich möglich: Schon bald kursierten in den Medien Visionen von ganzen schwimmenden Stadtvierteln. Gut, die Binnen- und Außenalster wollte man nicht zubauen, um das Stadtbild nicht drastisch zu ändern. Aber gab es nicht genügend tideunabhängige Wasserflächen? In Harburg etwa oder Hammerbrook, Hamm-Süd, Wilhelmsburg und auf der Bille? Warum sollte Hamburg nicht das schaffen, wofür die Hausbootmetropole Amsterdam mit ihren rund 2.500 Liegeplätzen längst europaweit bewundert wird?

Erschließungskosten bis zu 120.000 Euro

Der Senat erwarte bis zu 1.000 neue Hausboote, hieß es in Zeitungsberichten bald begeistert. Doch der Enthusiasmus schlug schnell in Ernüchterung um. Zehn Jahre später sind im Bezirk Hamburg-Mitte, der als Zugpferd der Entwicklung galt, gerade einmal 34 Hausboote gebaut worden. In ganz Hamburg gibt es derzeit vermutlich nur 80, etliche davon eher halblegal und geduldet. Was also ist schiefgelaufen?

Antworten könnte Stadtplaner Wolfgang Volcilka geben. Doch er darf nicht. 2005 ist Volcilka zum Hausbootkoordinator des Bezirks Mitte ernannt worden, früher hat er oft mit Reportern geredet. "Das waren noch Zeiten!", schreibt er dazu auf eine Mail-Anfrage. "Zwar bin ich immer noch Hausbootkoordinator, doch Kollegen respektive Vorgesetzten ist das Pläsieren mit der Presse vorbehalten."

Der Bezirk Mitte gibt sich pressescheu

Ein Telefoninterview mit dem Hausbootexperten? Nicht möglich. Fragen müssen schriftlich gestellt und dann von der Behörde freigegeben werden. Das dauert geschlagene drei Monate. Das sei "ungewöhnlich lang", bedauert auch Volcilka. Man spürt, dass ihm die Sache unangenehm ist. Der Bezirk scheint nach einigen negativen Medienberichten über vermeintlich zu viel Bürokratie und verfehlte Ziele nervös geworden zu sein. Als die Antworten schließlich kommen, sind es gestanzte Formulierungen, die teilweise nur die acht Jahre alte Hausboot-Drucksache 18/3900 zitieren.

Dabei hat der Bezirk Mitte gar keinen Grund, sich derart pressescheu zu verhalten. Denn vieles ist einfach nur falsch verstanden worden. Da ist etwa diese immer wieder genannte Zahl von 1.000 Hausbooten, die es laut Senatsplan einmal geben sollte: Die Zahl stimmt nicht, sie hat sich irgendwie verselbstständigt, offiziell ist die Stadt immer nur von mehreren Hundert Hausbooten ausgegangen. Und dann ist da die Tatsache, dass große Wasserflächen nicht vom Bezirksamt, sondern der Hamburg Port Authority (HPA) verwaltet werden. Die HPA aber lässt das Wohnen auf Liegern im Hafengebiet, in Industrie- und in Gewerbegebieten sowie an Kleingartengebieten nicht zu.

"Das reduziert für uns deutlich feststellbar die Bereitschaft für Investitionen", klagt der Bezirk Mitte in seiner schriftlichen Antwort. "Zudem erhalten potenzielle Hausbootbesitzer von Kreditinstituten erfahrungsgemäß sehr oft keinen Kredit, weil dem Lieger kein Grundstück zugeordnet werden kann." Für Liegeplätze gibt es keinen Grundbucheintrag, theoretisch könnte man also mehrere Darlehen gleichzeitig beantragen oder sich mit seinem noch nicht abbezahlten Hausboot ins Ausland absetzen, so die Angst der Banken.

Hinzu kommt, dass die Hausbootbesitzer die sehr hohen Erschließungskosten — also Stromzugang, Abwasserentsorgung, Stege — aus eigener Kraft finanzieren müssen. Das kann zwischen 70.000 und 120.000 Euro kosten. "Viele Projekte werden wegen Geldmangel und falschen Finanzierungsvorstellungen aufgegeben", heißt es daher in dem Schreiben des Bezirks Mitte. Daran zumindest könnte die Stadt etwas ändern, indem sie unbegrenzte Liegegenehmigungen erteilt. Wer will schon hohe Erschließungskosten zahlen, ohne sicher sein zu können, dass er nicht irgendwann seinen Wohnort wechseln muss?

"Als Laie ist das allein kaum zu bewerkstelligen."

Amelie Rost kennt solche Probleme. Auch sie wünscht sich, dass die Stadt mehr Wasserflächen bereitstellt. Und dennoch ist sie optimistisch: Sie lebt schließlich selbst auf einem Hausboot auf dem Eilbekkanal. Und hat dort, zwei Hausboote weiter, auch ihr Büro, das sie zusammen mit ihrem Freund Jörg Niderehe führt. Es sei auch die Liebe zum Wasser, die das Paar zusammengeführt habe, sagt sie.

Rost und Niderehe haben einen gewaltigen Vorteil: Sie sind Architekten und Spezialisten. Sie kennen sich aus mit dem 41-seitigen, städtischen Genehmigungsleitfaden für Hausboote. Mit Schwimmfähigkeitszertifikaten, Kippstabilitätsnachweisen, Artenschutzgutachten und der "faunistischen Kartierung" für Muscheln und Vögel.

"Die Genehmigungsverfahren sind viel umfangreicher als beim normalen Hausbau", sagt Architekt Niderehe. Beim Haus brauche man nur einen Statiker. Beim Hausboot dagegen benötige man einen Statiker für den Rumpf, einen für den Holzbau und noch einen Energieberater. Man müsse sich viel mit Gewichten beschäftigen, könne beispielsweise den Heizungsboiler nicht einfach an jeder Stelle des Bootes einbauen. Und seine Partnerin Rost ergänzt: "Ein Hausboot kostet mit etwa 500.000 Euro inklusive Erschließungskosten ungefähr so viel wie ein Haus auf dem Land — doch es dauert doppelt so lange, es fertigzustellen." Mit etwa neun Monaten Planung und neun Monaten Bau sei zu rechnen — sobald der Liegeplatz von der Stadt genehmigt ist. Und das kann, je nach Engagement des zuständigen Bezirksamtes, dauern.

Die Behörde ist "verhalten optimistisch"

Auch Marlies und Heiner Kornhuber mussten viel Geduld aufbringen. Für ihre 85 Quadratmeter Wohnfläche galt es, insgesamt 120 Tonnen Gewicht zum Schwimmen zu bringen. Als sie im Frühjahr 2012 endlich die erhoffte Genehmigung in den Händen hielten, gab es gleich am ersten Tag einen Baustopp. Taucher entdeckten drei Fässer am Grund des Mittelkanals.

"Jetzt brach das Chaos los", erinnert sich Kornhuber. Wer war zuständig dafür? Hätten sich in den Fässern Kampfmittel befunden, wäre es der Bund gewesen, bei Nebelbomben aus dem Krieg die Stadt. Am Ende waren es nur drei Fässer voller Teer.

Im September 2012 dann konnte endlich der erste Stützpfeiler im Grund des Kanals versenkt werden. "Ohne die Hilfe unser Architekten wäre ich bei dem ganzen Behördenkrams schon nervös geworden", sagt Heiner Kornhuber. "Als Laie ist das allein kaum zu bewerkstelligen." Doch die Mühe habe sich gelohnt: Spätestens im Oktober wird das Paar in ihr Hausboot ziehen können.

Und der Bezirk Mitte? Man sei "für die nächsten Jahre verhalten optimistisch", heißt es von der Behörde. Derzeit verhandle man mit elf Bewerbern um einen Liegeplatz. Zumindest elf Hamburger dürfen also weiter vom Wohnen auf dem Wasser träumen.