Es ist eines der größten Bauprojekte, die auf Hamburg in nächster Zeit zukommen: Gemeinsam mit der Bahn hat die Stadt beschlossen, den Fernbahnhof Altona zu verlegen. Ab 2023 sollen Fahrgäste etwa zwei Kilometer weiter nördlich ein- und aussteigen. Dort, wo sich heute die Schienen in den westlich gelegenen Bezirk schlängeln, sollen etwa 3.500 neue Wohnungen entstehen. 

Mit Mitte Altona entsteht ein vollkommen neuer Stadtteil. Er nimmt dem alten Kopfbahnhof seine Lebensadern — und macht ihn zu einem historischen Kapitel Altonas. Einem Kapitel, das nicht wirklich neu ist.      

So spektakulär und umwälzend die zunächst Pläne erscheinen: Den Umstand, dass Bahnhöfe umgebaut, abgerissen oder neu errichtet werden, ist Altona historisch betrachtet gewohnt, wie kein anderer Bezirk Hamburgs. Seine Geschichte ist zu einem guten Teil eben auch Eisenbahngeschichte.

Drehscheibe. Ringlokschuppen. Bekohlungsanlage. Begriffe aus einer heute versunkenen Welt, in Altona-Ottensen gehörten sie über Jahrzehnte ganz selbstverständlich zum Alltag. Ein Vokabular, das den Stadtteil und seine Bewohner geprägt hat.

Bis 1997 existierte hier Hamburgs zweitgrößter Güterbahnhof – auf einer Fläche so groß wie 50 Fußballfelder. Die Erinnerung an ihn ist schon jetzt verblasst. Nun verlässt auch bald das Bahnbetriebswerk Altona seinen bisherigen Standort, nur die S-Bahn bleibt zurück. Die Wohnungen und Parks des neuen Stadtteils Mitte Altona werden in einigen Jahren die Lücke schließen, die es hinterlässt. Und wieder wird sich ein intensiv genutztes Fleckchen Erde inmitten der Stadt in einem sehr kurzen Zeitraum bis zur Unkenntlichkeit verwandelt haben.

1844 noch war die Fläche um den heutigen Bahnhof offenes Gelände am Rande des Dorfes Ottensen, das auf dänischem Herrschaftsgebiet lag. Der daneben verlaufende Rainweg bildete die Grenze zur Stadt Altona, deren erster Bahnhof damals noch ganz woanders lag: an der Palmaille, im heutigen Rathaus. Hier bestiegen Reisende die König-Christian-VIII-Ostseebahn  nach Kiel. Altona war damals die zweitgrößte Stadt des dänischen Königreiches und sollte dem übermächtigen Hamburg Konkurrenz machen. Dementsprechend repräsentativ gab sich das klassizistische Empfangsgebäude, für das sich sein Architekt Heinrich Oswald Winkler an den Villen reicher Kaufleute an der Elbchaussee orientierte. 

Mit der Ostseebahn konnte man in zweieinhalb Stunden nach Kiel gelangen, statt sich wie zuvor zwölf Stunden lang in einer Kutsche durchschütteln zu lassen. Schon damals spielte auch der Güterverkehr eine wichtige Rolle. Mit der Hafenbahn  konnten die Produkte des Altonaer Hafens zum Bahnhof und von dort weiter transportiert werden — zunächst per Seilaufzug über die sogenannte Schiefe Ebene, später durch den Schellfischtunnel.