Natürlich ist Berend Breitenstein heute wieder um 4 Uhr 30 aufgestanden, um seinen Körper zu stählen, so wie in den vergangenen Jahrzehnten: eine Tasse schwarzer Kaffee, um den Stoffwechsel in Gang zu bringen, und dann ab in den Kraftraum, 75 Minuten Training auf nüchternen Magen. Jeden Tag ist eine andere Muskelgruppe dran, heute sind es die Brustmuskeln. Breitenstein beginnt mit Schrägbankdrücken mit der Langhantel, 90 Kilogramm, insgesamt 15 Mal.

Sein Herz pumpt, der 50-Jährige geht an seine Grenzen. Ohne eiserne Disziplin, ohne "die rote Zone", den Schmerz, gehe es nicht, wird er später sagen. Aber er weiß, dass sein Körper jetzt, nüchtern, am effektivsten Fettreserven verbrennen und Muskeln aufbauen kann — begünstigt durch das Koffein aus dem Kaffee und dem morgendlich hohen Testosteron-Spiegel.

Drei Stunden danach sitzt Breitenstein, Hamburgs wohl bekanntester Bodybuilder, entspannt in einem noch ziemlich leeren Café in Bahrenfeld, die durchdefinierten Muskeln unter einem grobgestrickten Pullover und einer bequemen, grauen Stoffhose versteckt. Was nach übler Schinderei und falschem Ehrgeiz klingen mag, war für ihn ein völlig normaler Morgen. "Das Training hat für mich fast etwas Meditatives, es reinigt Körper und Geist."

Batman war sein Vorbild

Breitenstein ist diplomierter Ernährungswissenschaftler, ein reflektierter Mensch, der darüber nachdenkt, wie er seinen immens hohen Bedarf an tierischen Eiweißen decken kann, ohne zu sehr die industrielle Massentierhaltung zu unterstützen. Es geht ihm um viel mehr als stumpfen Muskelaufbau. Bodybuilding ist für ihn ein Lebensgefühl, ein "ganzheitliches Konzept", gesund für Körper und Seele. Der Erfolg hänge zu 70 Prozent von der Ernährung ab.

Es sind Sätze, die so gar nicht zu dem Image dieser Sportart passen wollen, und Breitenstein redet sich jetzt richtig in Fahrt. 20 Bücher hat er zu dem Thema Natural Bodybuilding geschrieben, jener Szene, die sich strikt der Muskelzucht ohne Chemie verschrieben hat. 2003 hat der Hamburger dafür einen eigenen Verband gegründet, die German Natural Bodybuilding & Fitness Federation, die mit drastischen Maßnahmen verlorenes Vertrauen zurückgewinnen möchte: Bis vor Kurzem unterzogen sich die Athleten bei Wettkämpfen des Verbands neben Urinproben auch einem 90-minütigen Lügendetektor-Test; inzwischen haben Haaranalysen und Blutproben den nicht immer sicheren Wahrheitstest ersetzt.

Das Breitenstein heute Präsident dieses Verbandes und ein erfolgreicher Athlet ist, hat er im Grunde Batman zu verdanken, neben Spiderman der Held seiner Kindheit. "Da gab es einen Comic, in dem Batman mit Hanteln trainierte", erzählt Breitenstein. "Bis dahin habe ich mich immer gefragt: Woher nehmen diese Comicfiguren all ihre Superkräfte? Dann wusste ich es!"

Berend Breitenstein 2014 bei der Natural Bodybuilding Masters-WM in der Slowakei © Berend Breitenstein

13 Jahre war er damals alt, und weil er etwas zur Fettleibigkeit tendierte, blieb es nicht bei der naiven Tagträumerei. Zusammen mit seinem Vater suchte Breitenstein in Hamburg nach einem Studio, vor 37 Jahren ein fast unmögliches Unterfangen. "Komm wieder, wenn du 16 bist!", hörte er meist. Nur ein Studio wagte es, den Teenager aufzunehmen, nachdem sein Vater die Verantwortung für alle Risiken übernommen hatte.

Fußball, Tennis — alles Mögliche hatte er vorher ausprobiert, doch erst jetzt merkte er: Das ist mein Sport! "Der Erfolg liegt allein in meinen Händen, das hat mich wahnsinnig motiviert." Nach einer Weile erkannte er aber, dass der Erfolg auch von anderen Faktoren abhing: Da gab es Trainingskollegen, die ständig starkes Nasenbluten hatten, denen eine ausgeprägte Akne auf dem Rücken wucherte, die plötzlich eine fast weibliche Brustschwellung hatten. Zeichen für Anabolika.

"Als ich anfing, war ich mir der Dopingproblematik überhaupt nicht bewusst", erzählt Breitenstein. Seine Großmutter, eine Ärztin, warnte ihn dann vor den Gefahren und in einem Fachmagazin las er einen Artikel, deren Überschrift, sich in seine Erinnerung eingebrannt hat: "Begrabt mich — aber bitte mit Muskeln!" Das alles sei so abschreckend gewesen, dass er nie etwas genommen habe. Selbst dann nicht, als ihn ein Konkurrent ins Gesicht sagte: "Ohne Doping wirst du nie Mr. Hamburg Junior werden" – und auch nicht, als sich abzeichnete, dass dieser damit Recht behalten würde.