ZEIT ONLINE: Herr Kähler, im Jahrbuch der Hamburgischen Architektenkammer heißt es, die Stadt missachte bei den Flüchtlingsunterkünften architektonische Aspekte. Sehen Sie das auch so?

Gert Kähler: Für Flüchtlinge zu bauen, die aus einer traumatischen Situation und aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen, ist schwierig. Denn die Situation ist nicht planbar, allein schon von der Zahl der Flüchtlinge her. Eine gute Städteplanung geht normalerweise über Jahre. Aufgrund der aktuellen Lage müssen wir jedoch ganz schnell reagieren — und da ist so ein Container nicht einmal das Schlechteste. Der sieht zwar hässlich aus und ist in vielerlei Hinsicht völlig unbefriedigend. Aber: Er bietet ein Dach über dem Kopf. Er bietet ersten Schutz.

ZEIT ONLINE: Wie würde denn die optimale Lösung aussehen?

Kähler: Ein gutes Projekt waren vor einigen Jahren die Holzhäuser, die für Asylbewerber innerhalb der Stadt gebaut wurden. Das war gut, weil das einen dörflichen Charakter hatte, mit einem Gemeinschaftshaus und allem drum und dran. Und weil sie für eine begrenzte Zeit gebaut wurden, also an unterschiedliche Flüchtlingszahlen angepasst werden konnten. Ich hätte nichts dagegen, wenn man so etwas wieder einrichtet. Das ist jedoch eher eine Option, wenn man mehr Zeit für die Planung hat.

ZEIT ONLINE: Sie sind selbst Autor des Jahrbuchs — wie hat sich der Wohnungsbau allgemein in Hamburg entwickelt?

Kähler: Da ist deutlich was geschehen, schon in den letzten Jahren. Das ist zurückzuführen auf das Programm von Olaf Scholz und der SPD, jährlich 6.000 neue Wohnungen zu schaffen. Eigentlich eine sehr positive Geschichte. Inwieweit das allerdings zu einem sozial gerechten Wohnungsbau führt, ist eine andere Frage.

ZEIT ONLINE: Warum?

Kähler: Wir haben die angekündigten 2.000 Sozialbauwohnungen ungefähr erreicht, das ist sehr schön. Was bei dieser Gesamtrechnung jedoch immer außer Acht gelassen wird, ist die Tatsache, dass jährlich etwa 3.000 Wohnungen aus der Mietpreisbindung herausfallen. Sozialbauwohnungen sind ja immer nur Sozialbauwohnungen auf Zeit. Bei den heute fertiggestellten sind das 15 Jahre. Das ist nicht viel. Und die Bilanz zeigt: Es gibt immer weniger Sozialbauwohnungen.

ZEIT ONLINE: Gibt es Wohnbauprojekte, die Sie besonders kritisch sehen?

Kähler: Ja. Das Projekt in Pöseldorf, die Sophienterrassen. Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass reiche Menschen sich entsprechende Wohnungen bauen. Aber: Was da gebaut wurde, sind kleine Gated Communitys, also abgeschlossene Bezirke in der Stadt, entweder physisch oder per Überwachungskamera.

ZEIT ONLINE: Was genau ist daran schlimm?

Kähler: Als normaler Bürger da durchzulaufen – das würde sofort auffallen oder wird ohnehin durch Zäune und Tore verhindert. Ich habe eine ausgesprochene Aversion gegen solche Ghettos. Sie schneiden Bereiche aus der Stadt heraus, die eigentlich öffentlich sein könnten und sollten. Die Schere zwischen Arm und Reich geht bekanntlich immer mehr auseinander. Das dann auch im Stadtbild sichtbar zu machen, kann man für ehrlich halten, nach dem Motto "Eure Armut kotzt mich an". Allerdings trifft das umgekehrt ebenso zu.  

ZEIT ONLINE: Apropos öffentlich: Was halten Sie davon, dass sich Anwohner verstärkt an Neubauprozessen beteiligen, wie etwa auf dem Gelände der abgerissenen Esso-Hochhäuser?

Kähler: Ich bin grundsätzlich ein großer Fan von Bürgermitbestimmung. In meinen Augen ist solch ein Vorgehen durchaus ein gangbarer Weg — gerade in einem schwierigen Viertel wie St. Pauli, wo von vornherein mit Protesten gerechnet wird. Es gibt da aber eine Schwierigkeit: Wir müssen vor jeder Art von Mitbestimmung sagen, was genau die Leute mitbestimmen dürfen und ob das Ergebnis dann auch tatsächlich realisiert wird. Häufig funktioniert das eher so, dass man die Leute mit solchen Aktionen zu beschwichtigen versucht. Nach dem Prinzip: "Was wollt Ihr denn, Ihr durftet doch eure Meinung sagen, nun müsst Ihr ruhig sein."

ZEIT ONLINE: Auch die Planer, die den Bunker an der Feldstraße begrünen wollen, möchten die Anwohner mitreden und gestalten lassen. Was halten Sie von diesem Projekt?

Kähler: Wenn man diesen Bunker als Erinnerung an einen Krieg erhalten möchte und unter Denkmalschutz stellt, dann halte ich es für absolut unangemessen, den zu einer niedlichen Grünfläche zu machen. Nach dem Motto: "Seht mal, wie schön man die Relikte aus dem Krieg machen kann." Dass damit klimatisch irgendetwas verbessert werden soll, empfinde ich als Augenwischerei. Solche Grünflächen könnte ich genauso gut neben den Bunker legen, da ist Platz genug.