Vor zwei Jahren kam ich zum ersten Mal nach Wilhelmsburg. Bis dahin hatte mich nie etwas auf die Hamburger Elbinsel gezogen. Was will man schon in einem Viertel, an dem lange das Image der "Bronx von Hamburg" klebte und in dem es vor einiger Zeit angeblich noch Bandenkriege gab?

Doch auf einmal hieß es, Wilhelmsburg sei schwer im Kommen, das Quartier mit seinen vielen Migranten und Zuzüglern werde "die nächste Schanze", das Hamburger Ausgehviertel schlechthin: ein wilder, aufregender Ort nicht weit vom Zentrum, wo neue Cafés, Kneipen und Geschäfte entstünden, wo es noch kreative Freiräume und billige Wohnungen gebe, und wo es nicht so glatt, distanziert und hip zugehe wie in Eppendorf, Winterhude – oder eben auch im einst gleichfalls verschrienen Schanzenviertel.

Tatsächlich bietet Wilhelmsburg einiges davon. Die Menschen dort sind dank des hohen Ausländer-, Migranten- und Arbeiteranteils weniger zugeknöpft als sonstige Hanseaten, es geht rauer, aber auch herzhafter zu als nördlich der Elbe. Und es besteht eine bunte Mischung an Lebensräumen – von brachliegenden Gewerbeflächen am Hafen, heruntergekommenen wie sanierten Gründerzeithäusern, einem alten Dorfkern in Kirchdorf bis zur Hochhaussiedlung gegenüber in Kirchdorf-Süd und Wiesen mit Kühen hinterm Deich. Dazu die neuen IBA-Bauten und viel, viel Wasser.

Zu wenig Geld zum essen gehen

Kurz entschlossen mietete ich mit meinem Sohn ein Lokal im Reiherstiegviertel, dem angeblichen Zentrum des "neuen" Wilhelmsburg, und wir beschlossen, dort eine gastronomische Anlaufstelle für all diejenigen einzurichten, die schon bald wie wir, den "Sprung über die Elbe" wagen würden, den der Senat vor Jahren ausgerufen hatte.

Der große Zustrom, den die einen erhofften und andere befürchteten, blieb jedoch aus. Im Viertel und damit auch in unserem Bistro wie in anderen Kneipen, Cafés und neuen Läden, die dort ihr Glück versuchten oder schon wieder aufgegeben haben. Denn die Studenten und andere jungen Leute, die wegen der noch geringeren Mieten nach Wilhelmsburg gelockt werden, ziehen zum Feiern weiterhin lieber auf den Kiez oder in die Schanze, weil dort mehr los ist und sich viele ihrer Freunde weigern, den großen Strom zu überqueren – eine sehr hanseatische Ängstlichkeit. Und die meisten Migranten, die noch immer fast Dreiviertel der Bewohner stellen, bevorzugen weiter ihre türkischen, portugiesischen, bulgarischen oder italienischen Lokale und Geschäfte. Eine Vermischung, auf die die Stadt gesetzt hatte, findet wenig statt.

Viele Wilhelmsburger, ob zugewandert oder nicht, können es sich auch schlicht gar nicht leisten, regelmäßig essen oder in eine Kneipe zu gehen. Sie haben keine oder schlecht bezahlte Arbeit, leben von Hartz IV oder kleinen Aufträgen, und holen sich ihr Bier an einem der vielen Kioske und das Essen an einer der Dönerbuden. Wenn überhaupt.  

Der große Verdrängungsprozess im Viertel, die von manchen Initiativen schon länger prophezeite Gentrifizierung auch dieses Viertels, findet jedenfalls bislang kaum statt. Dafür fehlt offenkundig die kritische Masse, und es fehlen auch große, attraktive Wohnungen mit Balkonen und bislang eine größere Kneipen- und Kulturszene, die ähnlich wie im Karoviertel oder der Schanze jüngere, kaufkräftige, unternehmenslustige Menschen hierher ziehen würde.

Die wenigen Anzeichen der Veränderungen fallen deshalb auch kaum ins Gewicht, und manche verschwinden gerade wieder: Cafés, ein Musikclub und einige der neuen Läden, die erst vor ein, zwei Jahren aufgemacht haben, schließen wegen wirtschaftlicher Probleme, genauso wie  angestammte Geschäfte. Übrig bleiben Ein-Euro-Shops und sonstige Billigläden. Und viel Leerstand.

Das merkwürdige ist, dass sich darüber kaum jemand aufregt. Im Gegenteil: Die große Mehrheit der Wilhelmsburger scheint zufrieden, wenn sich in ihrem Viertel möglichst wenig ändert. Zwar klagen viele, wenn man mit ihnen privat spricht, über Armut, Dreck und Gewalt auf den Straßen. Aber vor dem Gedanken, dass dies auch mit der sehr einseitigen sozialen Mischung in ihrer Umgebung zu tun haben könnte, verschließen sie die Augen.