Vor der Tankstelle an der Feldstraße sitzen zwei Männer und trinken Wein. Auf dem Kiez klappern Punks mit Kleingeld im Plastikbecher. In der Ottensener Fußgängerzone kniet ein Mann auf dem nassen Pflaster. Wer durch Hamburg läuft, begegnet Obdachlosigkeit. Jeden Tag, in jedem Stadtteil der Innenstadt.

Vor fünf Jahren wurde letztmals offiziell nachgezählt: 1.029 Menschen lebten damals in Hamburg auf der Straße. Heute dürften es weitaus mehr sein, was unter anderem mit der wachsenden Zahl an Flüchtlingen, der EU-Osterweiterung und steigenden Mietpreisen zusammenhängt. Die Politik kommt nicht hinterher, dauerhaften Wohnraum für jeden zu schaffen. In diesem Winter organisiert die Stadt mit 850 Schlafplätzen das größte Notprogramm aller Zeiten.

Jeden Morgen stehen die Obdachlosen dann wieder auf dem Bürgersteig. Menschen eilen an ihnen vorbei und viele schauen angestrengt in eine andere Richtung. Es gibt aber auch einige Hamburger, die sich für sie einsetzen. Die ihnen abseits städtischer und kirchlicher Projekte helfen.

Projekt 1: Der Mann mit der Gulaschkanone

Volker Schmidt ist ein fröhlicher Mensch. "Wehe, du isst vorher was", droht er, wenn man sich mit ihm an seiner mobilen Suppenküche verabredet. Dann lacht er schallend. Der Mann mit dem weißen Rauschebart verteilt auf dem Hansaplatz in St. Georg kostenlos warme Mahlzeiten. An zwei Tagen in der Woche darf er hier zur Mittagszeit stehen, jeden Montag und Mittwoch. Dann holt er mit dem großen Holzlöffel bis zu 120 Portionen Suppe aus der karminroten Gulaschkanone.

Dabei hat Volker Schmidt selbst nicht viel. Er habe zwar mal ein Haus besessen, sei dann aber "abgestürzt". Heute beziehe er Hartz IV. Engagieren will er sich trotzdem. Im März 2013 kam ihm die Idee mit der mobilen Suppenküche. "Ich wollte dort hingehen können, wo die Leute hungrig sind und ihnen helfen", sagt er. Schmidt recherchierte im Internet und kam in Kontakt mit einem Ex-Offizier in Dresden, dem er kurz darauf die ehemalige Feldküche abkaufte. Von seinem privaten Geld.

"Das ist hier alles noch Original DDR", sagt Schmidt und klopft mit der Faust auf die rot lackierte Stahlkonstruktion. Ein großer Kessel, geschweißt auf einen modernen Autoanhänger, beheizbar mit Feuerholz. Ein rostiger Schornstein reckt sich in den Himmel. Den Ofen aber darf er nicht benutzen. Der Suppenmann muss sein Essen mit einem Gaskocher warmhalten. Auflage der Behörde.

Schmidts Einsatz ging eine lange Debatte voraus. Nachdem er seine Feldküche gekauft hatte, sprach er mit der Stadt über sein Anliegen — und traf vor allem auf Ablehnung. Anwohner, Gewerbetreibende und Politiker befürchteten, dass mit der Suppenküche noch mehr Obdachlose zum Hansaplatz kommen würden und er weiter verwahrlose.

Volker Schmidt nahm ihnen nach und nach die Angst. "Ich wohne seit 14 Jahren an der Ecke. Ich kenne die Leute. Ich trinke hier oft selbst mein Bier. Ich weiß, wie man mit denen umgehen muss", sagt er.

Schließlich war die Stadt einverstanden — und gewährte sogar finanzielle Unterstützung. Zunächst allerdings nur für den vergangenen Winter. "Die Leute haben auch im Sommer Hunger", wandte Volker Schmidt ein. Er musste erst einen neuen Antrag stellen und darauf warten, dass der Ausschuss erneut tagte. Lange passierte nichts. Schmidt verwies auf seine Rechte. Er schrieb die Hamburger Verfassung per Hand ab, weil sein Drucker nicht funktioniert, und legte sie im Bezirksamt Mitte vor.

Als er Erfolg hatte, war der Sommer vorbei. Aber immerhin: Für den aktuellen Winter hält er eine neue Genehmigung in den Händen. Ein Etappensieg. Schmidt möchte gerne an mehr als zwei Tagen sein Essen verteilen dürfen. Und er will auch im Sommer vor Ort sein. Dafür kämpft er. "Nicht, dass meine Suppenküche wieder ein halbes Jahr vor meiner Haustür steht und vor sich hin rostet. Das wäre doch wirklich zu schade."

Es ist 13 Uhr. Schmidt rührt im Kessel, damit die Suppe nicht ansetzt. Heute gibt es einen Eintopf aus Tomaten, Brokkoli, Spargel und Reis. Die ersten Abnehmer schlendern herbei. Sie lesen, was auf seiner Tafel steht. "Alles umsonst", sagt Schmidt. Bekannte grüßt er im Vorbeigehen. "Moin." "Hallo." "Moin." Die Suppenküche macht nicht nur die Essenden, sondern auch ihn glücklich.