"Schrittempo – Unseren Kindern zu Liebe" steht auf einem Schild am Beginn der Sackgasse. Die Fahrer der vielen BMW und Mercedes halten sich daran, steuern ihre SUVs gemächlich an den üppigen Einfamilienhäusern vorbei. Zwischen Golfplatz, Ganztagsschule und Kindertagesstätte führen Hausfrauen ihre Terrier spazieren. Am Dorfrand von Escheburg, gleich hinter der Stadtgrenze im Hamburger Osten lebt, wer es sich leisten kann, dem Großstadtlärm zu entfliehen.

Doch die Idylle trügt, die Nachbarschaft ist gespalten. Wenigstens seit drei Wochen. In Escheburg ist ein Graben entstanden, und er verläuft auch mitten durch die Sackgasse am Ortsrand. Die Stimmung unter den Anwohnern ist angespannt. Da sind die, die sich in einer Initiative zusammengeschlossen haben, um Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft willkommen zu heißen. Und da sind die, die sich zur Aufgabe gemacht haben, die Unterbringung von sechs Irakern mitten unter ihnen zu verhindern. Einer von ihnen ging einen Schritt zu weit, mindestens.

Die Staatsanwaltschaft sagt, der Finanzbeamte aus der Nachbarschaft habe am 9. Februar einen Kanister mit brennbarer Flüssigkeit durch ein Fenster des noch unbewohnten Hauses geworfen. Vor dem Fenster fanden Ermittler neben der Verschlusskappe des Kanisters auch ein abgebranntes Streichholz. Daran entdeckte die Spurensicherung die DNA des Familienvaters aus der Sackgasse, der sich schon vorher besonders aggressiv gegen die geplante Flüchtlingsunterkunft ausgesprochen haben soll. Er ist inzwischen geständig.

Von dem Brandanschlag redet erst mal niemand laut

Ob das die Tat eines einzelnen oder ein Komplott besorgter Nachbarn war, ist nicht ganz klar. Die Ermittler sagen, sie hätten keine Hinweise auf eine gemeinsame Tatvorbereitung. Fest steht aber, dass der Beschuldigte unter denen war, die kurz vor der Tat der Verwaltung des zuständigen Amts Hohe Elbgeest einen äußerst unfreundlichen Besuch abgestattet hatten. Amtsvorsteherin Martina Falkenberg spricht von "dem Überfall", als sie vom Sturm auf ihr Büro berichtet. "Da sind 15 Menschen in mein Büro gestürmt und zwei Stunden später wird ein Brandanschlag verübt", sagt sie im Escheburger Gemeindezentrum. "Das macht auch mir Angst."

Escheburgs Bürgermeister Rainer Bork auf der Versammlung © Benjamin Laufer

Die Verwaltung hatte am Montagabend zu einer Informationsveranstaltung in den Rotklinkerbau gleich neben der freiwilligen Feuerwehr eingeladen. Der Saal bietet Sitzplätze für vielleicht 150 Menschen, gekommen sind mehr als 250 – immerhin fast 10 Prozent der gut 3.000 Einwohner. Von dem Brandanschlag redet hier erst mal niemand laut. "Wir haben Ärger gehabt", sagt Escheburgs Bürgermeister Rainer Bork durch ein rotes Megafon, denn Mikrofone gibt es im Saal nicht. "Aber wir wollen auch zeigen, dass wir Flüchtlinge in Escheburg willkommen heißen."

Und tatsächlich sind hier diejenigen in der Überzahl, die sich für ein Engagement für Flüchtlinge aussprechen. Ein junger Mann sagt: "Ich möchte alle bitten, offen auf die Flüchtlinge zuzugehen und dabei zu lernen, dass es ganz normale Menschen sind, vor denen man keine Angst haben muss." Er bekommt dafür lauten Applaus.

Doch die Männer, die da aus dem Irak in die Straße am Golfplatz kommen sollten, machen manchen Angst, auch heute noch. Eine Handvoll Escheburger sitzt skeptisch bis grimmig in der vierten Reihe und applaudiert nur dann, wenn den Gemeindevertretern aus dem Publikum Vorwürfe gemacht werden. "Ich habe Angst um meine Kinder", sagt ein Nachbar des Hauses, in das die Flüchtlinge einziehen sollten. Er betont, selbst Ausländer zu sein. "Nur, weil ich nicht möchte, dass alleinstehende Männer in dieses Haus einziehen, bin ich nicht rechts." Alleinstehende Frauen wären ihm lieber, sagt er. "Am Golfplatz wohnen nur Familien mit kleinen Kindern. Wie sollen sich die Männer da integrieren?"