In den fünfziger Jahren war Marie Nejar ein Kinderstar. Obgleich bereits über zwanzig, sang sie mit Teddybär im Arm Schlager über süße Früchte, große Tiere und Mütterlein. Unter dem Künstlernamen Leila Negra tourte sie mit Sängern wie Peter Alexander durch Nachkriegsdeutschland.


Marie Nejar wurde 1930 als Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers geboren. Kurz vor Hitlers Machtergreifung. Sie wuchs bei ihrer Großmutter auf St. Pauli auf. Ihren Vater, einen Schiffssteward, sah sie nur, wenn er im Hafen festmachte. Als Marie Nejar zehn Jahre alt war, starb ihre Mutter. Sie verblutete, weil ihr nach einer verunglückten Abtreibung kein Krankenhaus helfen wollte.

Nach ihrer Schlagerkarriere, mit 27 Jahren, machte Marie Nejar in Rissen eine Ausbildung zur Krankenschwester. Bis zur Rente arbeitete sie in verschiedenen Häusern, zuletzt im Universitätskrankenhaus Eppendorf. Sie lebt heute in Eimsbüttel, unweit entfernt von jenem Stadtteil, in dem sie als dunkelhäutiges Kind den Rassenwahn der Nazis überlebte. An diesem Freitag, den 20. März, wird sie 85 Jahre alt.

ZEIT ONLINE: Frau Nejar, haben sich Menschen auf dem Kiez weniger vom Nationalsozialismus beeinflussen lassen als anderswo?

Marie Nejar: Ich glaube schon. Die Leute auf St. Pauli waren höchstwahrscheinlich etwas toleranter. Ausländer waren durch den Hafen bekannt. Man sah schwarze Matrosen, man sah Japaner, Chinesen. Und ich war ein kleines Kind. Das macht auch etwas aus. Ich habe überleben können, weil mich die Leute geschützt haben, besonders in meiner Schule.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich das gezeigt?

Nejar: Als die Kinder der Seilerstraße wegen den Bombenschäden zu uns in die Schule Taubenstraße evakuiert wurden, sollte ich einer Dame Unterlagen meiner Lehrerin bringen. Als diese mich sah, schrie sie sofort auf: "Was willst du hier? Hat deine Lehrerin keine andere Schülerin? Muss sie dich schicken?" Meine Lehrerin ist dann selber zu ihr gegangen und kehrte – knallrot im Gesicht – zurück.

ZEIT ONLINE: Was hat sie gesagt?

Nejar: Sie hat mich getröstet: Ich gehöre hierher, ich sei kein Mädchen, das Schande mache. Ich hatte Angst um die Lehrerin und natürlich auch um mich. Die Frau aus der Seilerstraße, die mich so hasste, hatte zu der Zeit ja Recht: In den Augen der Nazis gehörte ich einer "minderwertigen Rasse" an. Was, wenn die zum Direktor geht? Er hätte mich der Schule verweisen können. Das ist aber nicht passiert – und daran sehe ich, was für eine tolle Schule ich hatte.

ZEIT ONLINE: Wurde Ihnen im Alltag bewusst, welche Folgen die Rassengesetze der Nazis für sie haben könnten?

Nejar: Lange Zeit waren sie für mich abstrakt. Aber als ich an Scharlach erkrankt war, verstand ich, was sie bedeuteten. Eigentlich hätte ich ins Krankenhaus gemusst. Aber unser jüdischer Hausarzt Doktor Blumenthal warnte uns vor den Zwangssterilisationen, die mir dort hätten widerfahren können. Er kam stattdessen jeden Morgen und jeden Abend in unsere Wohnung, um nach mir zu sehen und mir Medikamente zu verabreichen. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Monate später war das Schild an seiner Haustüre abmontiert.

ZEIT ONLINE: Gab es weitere solche Situationen?

Nejar: Eine andere Sache war, dass mein Lehrer mir keinen Geigenunterricht mehr geben durfte. Er hatte mich und ein blondes Mädchen für eine Aufführung im Tropeninstitut in der heutigen Bernhard-Nocht-Straße ausgewählt. Es war Weihnachten, wir haben dort mit den Soldaten Lieder gesungen. Uns wurde dafür ein Mittagessen versprochen. Darauf haben wir uns unheimlich gefreut. Nach fast anderthalb Stunden haben uns die Professoren und Direktoren plötzlich rausgeschmissen. "Gerda, jetzt haben wir ja nur ein paar Kekse in der Hand, aber kein Mittagessen bekommen", sagte ich. Erst später haben wir erfahren, dass mein Lehrer Schwierigkeiten bekommen hatte, weil er uns beide zusammen hatte auftreten lassen.

ZEIT ONLINE: Gab es Anzeigen gegen Sie oder Ihre Großmutter?

Nejar: Ja, wir haben aber erst nach dem Krieg davon erfahren. Meine Großmutter war eine große Hitler-Gegnerin. Es gab Nachbarn, die meine Großmutter nicht nur deshalb ablehnten, sondern auch, weil sie einen schwarzen Mann gehabt hatte. Auch ich hatte immer wieder Schwierigkeiten. Ich brauchte nur eine andere Umgebung, dann ging es schon wieder los mit den Sprüchen über mein Aussehen.

ZEIT ONLINE: Warum haben die Anzeigen für Sie keine unmittelbaren Folgen gehabt?

Nejar: Ich hatte das Glück, dass die Polizisten auf der Davidwache mich von klein auf kannten. Sie haben entweder nur so getan, als würden sie die Anzeige aufnehmen oder die Akten einfach immer wieder nach unten gelegt.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das erfahren?

Nejar: Das hat mir meine Großmutter nach dem Krieg erzählt. Und sie wiederum hat es von einem Beamten erfahren. Manche der Polizisten haben meine Großmutter auch immer wieder gewarnt.