Die Fälle, in denen sich Bewohner wohlhabender Stadtteile Hamburgs gegen Flüchtlingsunterkünfte in ihrer Nachbarschaft wehren, häufen sich. Kürzlich erst hat das Oberverwaltungsgericht entschieden, dass in das ehemalige Kreiswehrersatzamt im noblen Harvestehude keine 220 Flüchtlinge einziehen dürfen, weil es sich laut Bebauungsplan um ein "besonders geschütztes Wohngebiet" handele. Einige Nachbarn befürchteten eine "Veränderung des Gebietscharakters", sollten die Asylbewerber kommen, und das Gericht gab ihnen recht. Das zentrale Argument: die Größe der Unterkunft.

Im vornehmen Blankenese will die Stadt gerade am Björnsonweg 192 Menschen unterbringen – und unter den Anwohnern regt sich Protest. Das Gleiche am Poppenbütteler Berg im Hamburger Norden, wo zunächst 500 Flüchtlinge in eilig aufgestellte Container einziehen sollen. Nach zwei bis drei Jahren sollen auf der Fläche dann 170 Sozialwohnungen entstehen, in die auch Flüchtlinge einziehen könnten. Tenor der "besorgten Anwohner" ist stets: Wir haben nichts gegen Flüchtlinge in der Nachbarschaft, aber müssen es gleich so viele sein?

Dabei sind die Unterkünfte, die für Harvestehude, Blankenese und Poppenbüttel geplant sind, gar nicht außergewöhnlich groß. Jedenfalls dann nicht, wenn man sie mit anderen Einrichtungen vergleicht. In einem durchschnittlichen Hamburger Flüchtlingsheim leben aktuell 190 Menschen. Nimmt man die Zentralen Erstaufnahmen hinzu, sind es 230.

In Harvestehude wollte man ein Exempel statuieren

Und die größten Einrichtungen stehen nicht dort, wo Hamburgs Gutbetuchte wohnen. In einem Billstedter Gewerbegebiet leben in direkter Nachbarschaft fast 1.400 Flüchtlinge. 600 waren dort erst im Januar durch die neuen Modulhäuser an der Berzeliusstraße hinzugekommen. Am Curslacker Neuen Deich in Bergedorf leben 780 Flüchtlinge, in der Farmsener August-Krogmann-Straße sind es 520. Zahlreiche andere Unterkünfte beherbergen mehr als 300 Menschen.

Eine der größten Flüchtlingsunterkünfte entsteht gerade im Zentrum von Wilhelmsburg. Dort erweitert die Innenbehörde die bereits bestehende Erstaufnahmestelle auf 1.300 Plätze. Allein an den ersten drei Junitagen seien mehr als 500 Flüchtlinge in Hamburg angekommen, heißt es zur Begründung. Der Druck ist hoch: In Hamburg sind im ersten Halbjahr  mit 12.536 Menschen in etwa genauso viele Flüchtlinge in die Stadt gekommen wie im gesamten Jahr zuvor, sagte Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) am Dienstag. Um zu verhindern, dass neu ankommende Flüchtlinge unter freiem Himmel schlafen müssen, hat die Innenbehörde sie in Wilhelmsburg nun provisorisch in Zelten untergebracht. 

Bislang war es strikte Linie von Hamburgs Sozialdemokraten, die neuen Unterkünfte durchzusetzen – im Notfall auch ohne Beteiligung der Bezirksparlamente und gegen den Widerstand aus der Nachbarschaft. Gerade in Harvestehude wollten sie ein Exempel statuieren, dass auch Wohlhabende in ihrer Nachbarschaft Flüchtlingsunterkünfte zu dulden hätten. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) betonte das immer wieder. Und derzeit lässt der zuständige sozialdemokratische Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke eigens den Bebauungsplan ändern, um die geplante Unterkunft im ehemaligen Kreiswehrersatzamt trotz Gerichtsentscheidung eröffnen zu können – wenn auch ein Jahr später als geplant.