Wie ein Gebiss ragt das graue Betonskelett des alten Spiegel-Gebäudes in die Hamburger Altstadt. Gleich daneben steht ein weiteres Alt-Hochhaus leer: das IBM-Gebäude, teilweise hinter einer Folie verschwunden. Hier – eingeklemmt zwischen zehn Autospuren City-Highway – soll jetzt also "der Neustart des Jahres" entstehen? Schwer vorstellbar. Genau davon aber spricht Robert Bambach vom Baukonzern Hochtief. Hamburg Heights, so lautet der Titel seines Projektes. Ein Name, der deutlich macht, wie groß der Wunsch ist, dieser unwirtlichen Gegend internationalen Flair zu verpassen.

Immerhin stehen die beiden Hochhäuser auf für Hamburg vergleichsweise historischem Grund. Die Inseln, auf denen sich die südliche Altstadt Hamburgs einst befand, sind heute verschwunden. Nur noch Straßennamen erinnern an Cremon, Grimm und Reichenstraßeninsel. Die dazwischen verlaufenden Fleete wurden ab 1949 mit den Trümmern des Zweiten Weltkrieges zugeschüttet.  

Mit dem Wiederaufbau entstand an der Brandstwiete ein neues Eiland. Es wird nicht von Elbwasser umspült, sondern von dröhnenden Automassen. Die vier Spuren des Dovenfleets im Süden und die sechs der Willy-Brandt-Straße im Norden sind das Ergebnis einer Stadtplanung, die im Individualverkehr die Zukunft sah. Auf der auch "Spiegel-Insel" genannten Fläche dazwischen trotzen seit Ende der Sechzigerjahre das IBM-Hochhaus und die legendäre Zentrale des Nachrichtenmagazins den Fluten aus Blech. Seit dem Umzug der Spiegel-Redaktion an die Ericusspitze 2011 aber stehen beide Gebäude leer. 

Kontorhäuser waren in Deutschland unbekannt

Die Erwartungen an Hamburg Heights sind nicht eben klein. Die Digital-Start-ups, für die die neue Spiegel-Insel in erster Linie gedacht ist, erwartet eine Art hanseatisches Silicon Valley mit Campus-Charakter. Die bestehenden Häuser werden entkernt, auf modernen Stand gebracht und dann mit neuen Verbindungsgebäuden komplettiert. 

Auch Gastronomie und andere öffentlich zugängliche Bereiche sind geplant. Die Hamburger Stadtentwicklungsbehörde veranlasst das zu der Hoffnung, die neue Bebauung könne den Schneisencharakter der Ost-West-Straße mildern und das Gebiet von einer Asphaltwüste in eine Umgebung für Menschen verwandeln. Schließlich soll die südliche Altstadt zumindest ansatzweise wieder zu dem werden, was sie über Jahrhunderte war: Wohngebiet. Kürzlich erst entstand an der Katharinenkirche ein neues Quartier mit Wohnungen.

Das Spiegel-Hochhaus in Hamburg im Jahr 2006 © Alexander Hassenstein/Getty Images

Dass heute ausgerechnet auf dem Platz des ehemaligen Spiegel-Hauses versucht wird, die Auswüchse früherer Stadtplaner zu korrigieren, ist kurios. Gerade hier, wo die Verdrängung von Wohnraum und Kleinhandel aus der Innenstadt ihren Anfang nahm: An der Ecke Brandstwiete/Dovenfleet eröffnete am 1. Mai 1886 mit dem Dovenhof das erste Hamburger Kontorhaus überhaupt

Diesen damals in Deutschland noch unbekannten Gebäudetyp übernahm der Hamburger Architekt Martin Haller aus Nordamerika, wo er schon Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden war. Kontorhäuser brachten damals eine ungeheure Neuerung: Sie trennten Wohnen und Arbeiten und waren einzig für die Büros von Handelsunternehmen konzipiert. Die gehandelten Waren sollten woanders gelagert werden. Wobei sich das beim Dovenhof anfangs noch nicht umsetzen ließ, weil die seit 1883 entstehende Speicherstadt noch nicht fertig war. Er verfügte also noch über ein großes Lager.