Jungen Flüchtlingen, die oft auf strapaziösen Routen aus Krisengebieten endlich Hamburg erreicht haben, kann in der Stadt eine unangenehme Untersuchung bevorstehen.  Und zwar dann, wenn Ausweispapiere fehlen und das angegebene Geburtsdatum von den Behörden bezweifelt wird. Sie können zu radiologischen Untersuchungen geschickt werden, um Röntgenaufnahmen des Kieferknochens, des Handskeletts, manchmal auch des Schlüsselbeins anzufertigen. Bei jungen Männern untersuchen Ärzte und Ärztinnen im Krankenhaus die Genitalien, bei weiblichen Teenagern inspizieren sie die Brustdrüsen. Die Mundhöhle betrachten sie, setzten dabei einen Holzspatel ein, dann hören sie die Personen vor sich mit einem Stethoskop ab. So soll ihr Alter sicher festgestellt werden.

Minderjährig unbegleitete Flüchtlinge müssen vom Staat besonders geschützt werden. Sie können nicht einfach abgeschoben werden und erhalten eine bessere Betreuung als andere Ausländer. Die Behörden prüfen das Alter deswegen besonders gründlich. Erstmals hat der Senat unlängst detaillierter geschildert, wie die Altersbestimmung abläuft. Eine kleine Anfrage der Abgeordneten Jennyfer Dutschke (FDP) hatte  das Verfahren an die Öffentlichkeit gebracht und eine Debatte über den Umgang mit jungen Flüchtlingen ausgelöst. "Die Rechtslage lässt die Röntgen- und die Genitaluntersuchung zu. Ich frage mich allerdings, ob wir beide Verfahren nebeneinander brauchen", kritisiert Dutschke. Die Bundesärztekammer lehnt solche Verfahren ab, ebenso Flüchtlingsorganisationen.

In Hamburg wird allerdings nicht zum ersten Mal über die Altersbestimmung gestritten. Beim sogenannten Piratenprozess vor dem Landgericht vor drei Jahren kritisierten die Anwälte mehrerer junger Seeräuber, wie willkürlich das Alter ihrer Mandanten festgelegt wurde. Sie führten an, dass es überhaupt keine Vergleichsgrundlage für somalische Männer bei der Ermittlung des Knochenalters gebe, die in ihrer Kindheit Hunger litten und dadurch Wachstumsschäden erlitten haben könnten. Ihr Knochenbau könne nicht mit Mitteleuropäern verglichen werden, die unter weitaus besseren Bedingungen aufgewachsen seien. 

Verwaltungsgerichtlich nicht infrage gestellt

Damals erhielten sie Zustimmung von Medizinern. Doch der Protest half nichts. Mehrere Angeklagte und später Verurteilte wurden als volljährig eingestuft.

Bei Flüchtlingen, die ohne Ausweispapiere Deutschland erreichen, läuft die Altersfeststellung ähnlich. Der Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) schickt junge Flüchtlinge, wenn Zweifel an den Geburtsdaten bestehen, zum Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Die ärztliche Untersuchung erfolge stets freiwillig, beteuert der Senat. "Dies gilt auch für die einzelnen Teile der Untersuchung. Eine Verweigerung der Untersuchung wird dokumentiert." Für volljährig kann der Flüchtling, der sich nicht untersuchen lassen will, dann trotzdem erklärt werden. "Das in Hamburg angewandte, medizinische Verfahren basiert auf wissenschaftlichen Standards zur Einschätzung des biologischen Alters", erklärt der Senat. "Das Verfahren selbst ist durch verwaltungsgerichtliche Entscheidungen nicht infrage gestellt worden."

Doch die Wissenschaftlichkeit des Verfahrens bezweifeln nicht nur Flüchtlingsorganisationen, auch Fachärzte. "Da es bisher keine wissenschaftliche Methode gibt, das aktuelle Lebensalter eines Menschen verlässlich festzustellen, kann es sich bei der Altersfestlegung nur um einen 'Näherungswert' handeln. Gerade während der Pubertät ist die Schätzung des Alters aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes nahezu unmöglich", stellt der Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge fest. "Die Altersfestsetzung muss auf der Grundlage ethisch und wissenschaftlich vertretbarer Methoden erfolgen. Das Verfahren der Altersfestsetzung muss zudem rechtsstaatlichen Grundsätzen genügen."