ZEIT ONLINE: Herr Taubert, die Zahl der Salafisten in Hamburg wächst konstant. Sie bauen für die Stadt gerade eine Beratungsstelle für Angehörige auf. Wie wollen Sie den Trend aufhalten?

André Taubert: Die Bewegung rekrutiert sich aus immer neuen Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren. Wir unterhalten uns mit den Eltern und versuchen, ihnen klarzumachen, dass es nicht weiter um den wahren und den weniger wahren Islam gehen darf – sondern um das wirkliche Problem.

ZEIT ONLINE: Was kann das sein?

Taubert: Alles Mögliche. Traumatisierungen, Gewalterfahrungen, ständige Misserfolge in der eigenen Biografie. Oft stecken Vater-Sohn-Konflikte dahinter. Oder aber ganz normale Prozesse der Pubertät. Die Jugendlichen geraten deshalb zunehmend in die Isolation, kapseln sich von Freunden ab, verbringen die meiste Zeit im Internet und zimmern sich so ihre Weltsicht zurecht. Sie suchen Halt in der Religion.

ZEIT ONLINE: Eine Suche, die für immer mehr junge Menschen im syrischen Krieg endet.

Taubert: Genau. Den Eltern, die sich an uns wenden, ist diese Gefahr vollkommen bewusst. Die haben einen hohen Leidensdruck und Angst um ihr Kind – sind aber bereits in der Falle, in die viele Eltern tappen: Sie gehen mit den Jugendlichen in die Diskussion. Das ist ja auch der Wahnsinn, wenn am Küchentisch ein Kind sitzt und sagt: Der Anschlag auf Charlie Hebdo war richtig. Da geht einem die Pumpe.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie den Eltern?

Taubert: Wir vermitteln ihnen: Bleiben Sie ruhig, rufen Sie im Notfall gern mich an, aber versuchen sie nicht, dagegen zu argumentieren.

ZEIT ONLINE: Warum sprechen Sie die Jugendlichen eigentlich nicht direkt an?

Taubert: Natürlich können sich die Jugendlichen auch direkt an uns wenden, das machen aber die wenigsten.  Denn sie warten nicht auf denjenigen, der ihnen erklärt, dass ihre Konstruktion einer besseren Welt die falsche ist. Wenn wir über Bande spielen und den Konflikt herausarbeiten, der die Ursache für die Radikalisierung ist, kommen wir weiter – und das geht am besten über die Familie. Dort müssen wir den Druck rausnehmen.

ZEIT ONLINE: Sie betreuen schon seit drei Jahren Hamburger Familien, in denen sich Kinder dem radikalen Salafismus zugewandt haben. Bisher allerdings aus Bremen, von wo aus Sie ganz Norddeutschland im Blick haben sollten. Das konnte doch gar nicht klappen, oder?

Taubert: Mehr als ein erstes Feuerlöschen war nicht möglich. Wir waren im Zweierteam Ansprechpartner, wenn sich besorgte Eltern aus Norddeutschland an die Notfall-Hotline des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge wandten. Wir fuhren in Bremen los und versuchten, zu helfen. Aber wir konnten niemals den Bedarf decken, der da notwendig gewesen wäre. Wir hatten Glück, dass wir dennoch so erfolgreich waren.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Taubert: Von den 75 Fällen, die wir bisher in Hamburg betreut haben, wissen wir, dass bis jetzt kein Kind nach Syrien abgehauen ist. Das ist für uns ein enorm großer Erfolg.