Der Mann, auf dessen Aussage so viele warten, spricht nicht. Oskar Gröning sitzt da, blickt durch seine goldumrandete Brille in den Saal des Lüneburger Landgerichts und lässt seine Verteidigerin neben sich vorlesen. Mehr als zwei Monate läuft der Prozess gegen den 94 Jahre alten Rentner. An diesem Mittwochmorgen ist der zwölfte Verhandlungstag. Angeklagt ist er wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen.

Als Mitglied der Waffen-SS soll Gröning im Konzentrationslager Auschwitz geholfen haben, das Gepäck von Häftlingen wegzuschaffen. War er bloß der Buchhalter, der im Büro das entwendete Geld zählte? Oder schickte er regelmäßig Deportierte in den Tod, als Helfer an der Rampe, an der sie ankamen?

An den ersten zwei Tagen hat sich Gröning dazu geäußert. Zwei- bis dreimal habe er an dem Ort ausgeholfen, von dem aus das SS-Personal die Ankommenden entweder direkt in den Tod oder zunächst zur Zwangsarbeit schickte. Er fühle sich "moralisch mitschuldig", sagte er. Danach schwieg er lange Zeit.

Zahlreiche der über 60 Nebenkläger haben ausgesagt. Unter ihnen Holocaustüberlebende und Angehörige von Opfern. Sie schilderten das unendliche Leid, das ihnen widerfahren ist. Auch an diesem zwölften Prozesstag spricht eine Zeugin im Lüneburger Landgericht, sehr wahrscheinlich ist es die letzte. Irene Weiß ist aus den USA angereist und erzählt, wie sie mit ihren Eltern und ihren fünf Geschwistern in einem Viehwaggon aus Ungarn ins KZ Auschwitz transportiert wurde. Wie SS-Leute ihre Familie trennten. Wie sie davon erfuhr, dass bis auf eine Schwester alle ihrer direkten Angehörigen umgebracht wurden.

Während Weiß spricht, sind auf einer Leinwand vor ihr Fotos zu sehen, sie zeigen sie und zwei ihrer Brüder im Konzentrationslager. Die Bilder haben Angehörige der SS gemacht und im sogenannten Auschwitz-Album gesammelt.

Was lösen Aussagen wie die von Irene Weiß in Oskar Gröning aus? Bisher konnten Prozessbeobachter darüber nur spekulieren. Vor diesem Verhandlungstag aber nun gab seine Verteidigung an, ihr Mandant wolle sich ergänzend äußern.

Die Rechtsanwältin Susanne Frangenberg liest für Gröning eine Erklärung vor. Dass er nicht selbst spricht, kann an seiner angeschlagenen Gesundheit liegen. Es kann aber auch taktische Gründe haben. Vielleicht wollen seine Anwälte verhindern, dass er nun, so kurz vor den Schlussplädoyers, zu viel erzählt. Vieles jedenfalls, was Grönings Verteidigerin verliest, ist dem Gericht bereits bekannt. Der Angeklagte gibt an, mitgeholfen zu haben, das System Auschwitz am Laufen zu halten. Und er berichtet nochmals von seinen Versuchen, aus dem Konzentrationslager an die Front versetzt zu werden. Neu ist, dass er nicht mehr aussagt, etwa dreimal an der Rampe mitgearbeitet zu haben. Stattdessen wählt er die Formulierung "immer mal wieder".

Der Richter wünscht sich kurze Schlussplädoyers

Die Berichte der Zeugen hätten ihn "außerordentlich stark beeindruckt". Leid tue es ihm, dass er vor Gericht Formulierungen gebraucht hätte, wie sie "damals unter den SS-Angehörigen in Auschwitz gang und gäbe gewesen waren". Diese Äußerungen entsprächen seiner heutigen Auffassung in keiner Weise. Es sei nicht seine Absicht gewesen, Überlebende dadurch "zusätzlich zu verletzen".

Um Vergebung bittet Gröning an diesem Prozesstag ausdrücklich nicht. Angesichts der Dimension der in Auschwitz und anderswo verübten Verbrechen stehe ihm das nicht zu, lässt er mitteilen und fügt hinzu: "Um Vergebung kann ich nur meinen Herrgott bitten." Zum Auftakt des Prozesses hatte er das noch getan. Eine Nebenklägerin, die Überlebende Eva Kor, war später im Gerichtssaal auf ihn zugegangen und hatte dem alten Mann die Hand gereicht. Dutzende andere Auschwitz-Überlebende protestierten gegen ihre Geste der Vergebung, ein Streit entbrannte. 

Thomas Walther, der Anwalt einiger Nebenkläger, ist dennoch unzufrieden, dass Gröning sich nicht direkt an die Opfer wandte. "Die Erwartungen waren höher", sagt er. Er habe gehofft, dass Gröning die Opfer direkt anspreche und eine ausführliche Entschuldigung formulieren würde.

Walthers Hoffnung wird sich jetzt wohl nicht mehr erfüllen. Ein rasches Prozessende ist wahrscheinlich – obwohl einige Verhandlungstage ausgefallen sind, weil Gröning laut Ärzten nicht vernehmungsfähig war. Richter Franz Kompisch erklärt bereits, er sei optimistisch, noch im Juli ein Urteil zu sprechen. Er hätte nichts dagegen, wenn sich die Anwälte der Nebenkläger bei ihren Schlussplädoyers kurz halten würden, das deutet er an diesem Mittwochmorgen lächelnd an. Bevor es soweit ist, bekommen sie allerdings noch Gelegenheit, Nachfragen an Oskar Gröning zu stellen. Beantworten wird er sie wohl wieder schriftlich.