Sanierter Altbau in Altona, dritter Stock. Der Blick aus der hellen Küche fällt auf einen mit Bäumen bewachsenen Innenhof. "Grundsätzlich kann ich mir vorstellen, mal alleine zu wohnen," sagt Mina Esfandiari, 29 Jahre alt. Noch aber ist sie nicht soweit: Sie teilt sich ihre 60-Quadratmeter-Wohnung mit zwei jungen Männern, einem Studenten und einem Berufstätigen. Zusammen zahlen sie 1.200 Euro.

Mina Esfandiari arbeitet als Grafik- und Fotodesignerin, lebt aber wie eine Studentin. Damit ist sie Teil eines Trends: Es leben zunehmend auch Berufstätige in WGs. Das zumindest belegen Zahlen des Immobilienportals wg-gesucht.de. Die Plattform hat Alter und Wohnungsart seiner Inserenten in ganz Deutschland verglichen. Ergebnis: Innerhalb von drei Jahren ist der Anteil an WGs mit mindestens einem Berufstätigen um sechs Prozent gestiegen – von 28,4 im Jahr 2012 auf 34,2 in diesem Jahr. Spitzenreiter mit 40 Prozent: Hamburg.

Warum entscheiden sich gerade hier so viele junge Menschen mit Job fürs WG-Leben? Eine nüchterne Antwort gibt Thomas Krüger, Professor für Stadtentwicklung an der HafenCity Universität: "Die Mieten sind im Gegensatz zu Berlin hoch, so dass sich viele nicht leisten können, alleine zu wohnen." Dazu seien Vermieter in Hamburg WGs gegenüber eher aufgeschlossen als in München oder Frankfurt. Vielfältigere Antworten bekommt man dagegen, wenn man sich direkt in den Wohngemeinschaften umhört. 

Mina Esfandiari sagt, sie habe sich bewusst für das Leben in einer WG entschieden, da sie sich gerne mit Menschen umgebe: "Ich arbeite viel von Zuhause aus, da ist es schön, abends jemanden da zu haben." Sie gibt aber auch zu, dass für sie als Freiberufliche die niedrigen Mietkosten eine Rolle spielten. Momentan führt Mina Esfandiari eine Fernbeziehung, ihr Freund wohnt im Ausland. Sollte er in ihre Nähe ziehen, wolle sie aber weiter in einer WG leben. Schön wäre es allerdings, wenn er allein wohnen würde, damit sie zusammen einen Rückzugsort hätten.

In ihrer Wohnung in Altona wohnt die gebürtige Hamburgerin, seit sie nach ihrem Studium in München wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist. "Mein Tagesablauf als Freiberuflerin ist aber ähnlich geblieben", sagt sie und grinst dabei. Neu sei für sie nur, dass sie und ihre Mitbewohner mehr Rücksicht aufeinander nehmen und sich im Bad morgens besser abstimmen würden, als sie es aus Unizeiten gewohnt sei. Für die Atmosphäre sei es dennoch wichtig, dass in der Wohnung auch ein Student wohne. "Wenn alle Vollzeit arbeiten, lebt man eher in einer Zweck-WG", glaubt sie.

Das sieht Lutz Braf ganz anders. Der Erzieher lebt mit zwei berufstätigen Freunden zusammen und findet: "Es ist praktisch, wenn man nach Feierabend nirgendwohin fahren muss, um noch ein Bierchen zu trinken oder zusammen zu kochen." Mit seinen Mitbewohnern geht der Dithmarscher auch ins Stadion und auf Konzerte, guckt Serien, diskutiert. "Mit Freunden zusammenwohnen ist toll", sagt der 30-Jährige.

Ihre 104 Quadratmeter große Wohnung in Eimsbüttel haben sie liebevoll aufgepeppt: Im Flur hängen Fahrräder vor einer Steinwand, in zwei der Schlafzimmer thronen selbstgebaute Hochbetten. Die Miete für die Wohnung beträgt 1.800 Euro. Nicht gerade wenig. Dafür gibt es in der Küche eine Sitzecke und in jedem der Schlafzimmer noch genug Platz für die eigene Couch. Und eine innenstadtnahe Lage.

Als Single kommt es für Lutz Braf nicht infrage, alleine zu wohnen. Eingeengt fühle er sich nicht. "Wer abends seine Ruhe braucht, macht einfach die Zimmertür zu", sagt er. Nur selten freue er sich, nach Hause zu kommen und keinen seiner Mitbewohner anzutreffen. Ansonsten sei es ihm wichtig, dass alle denselben Rhythmus hätten, morgens gemeinsam frühstückten und zur gleichen Zeit von der Arbeit kämen.

Die gegensätzliche Strategie bevorzugt Ilias Oikonomou: Er sucht sich Mitbewohner aus, die einen anderen Tagesablauf als er haben. Der gebürtige Grieche lebt seit zehn Jahren in seiner Wohnung in Altona-Nord, momentan zu dritt. 1.100 Euro Miete für 77 Quadratmeter Fläche. Eine bewusste Zweck-WG.

Von seinen Mitbewohnern erwartet der Tanzlehrer für argentinischen Tango nicht viel – außer, dass jeder mal tanzen müsse. Er geht erst um 17 Uhr zur Arbeit, dann, wenn die anderen gerade wiederkommen. Kehrt er spätnachts zurück, sind sie schon im Bett. Es stört ihn nicht. Die Abläufe klappten auch so. Jeder merke intuitiv, wenn das Klopapier alle sei. "Ich bin aus finanziellen Gründen in die WG gezogen und kann mir auch vorstellen, wieder alleine zu wohnen", sagt Ilias Oikonomou.