Billstedt ist ein Stadtteil, der leise aufbegehrt. St. Georg protestiert in der Bezirksversammlung für monatliche Sitzungen des Stadtteilbeirats, Billstedt trifft sich zwei Mal im Jahr zum Stadtteilforum. St. Pauli geht mit tausenden Demonstranten gegen Gentrifizierung auf die Straße, Billstedt wehrt sich mit Mahnwachen einiger hundert Bürger gegen den Bau von weiteren Spielhallen. Wilhelmsburg diskutiert die Risiken der Internationalen Bauausstellung und Gartenschau, Billstedt wünscht sich solche Großveranstaltungen im Stillen.

"Was Billstedt braucht, ist ein Leuchtturmprojekt. Ohne das werden wir unser Hinterhofimage nicht los", sagt Ralph Ziegenbalg, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Billstedt. Der 47-Jährige sitzt vor einer riesigen Bücherwand, die das Wohnzimmer seines Einfamilienhauses inmitten einer ruhigen Wohnsiedlung im Grünen schmückt. Orte wie dieser finden kaum Erwähnung, wenn es um das Bild des Stadtteils geht. Stattdessen dominieren die zahlreichen Hochhaussiedlungen die Außenwahrnehmung von Billstedt. Im Gegensatz zum Idyll des Häuschens mit Garten sind auf den Linoleumfluren der Plattenbauten kleine Bilder die einzige Dekoration. Kunst, die schon in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts hässlich war, vor Wohnungstüren, die mit jedem Jahrzehnt ein zusätzliches Schloss hinzugewinnen scheinen.

Billstedt ist ein Stadtteil voller Gegensätze, doch gerade das macht das Leben hier für viele attraktiv: "Es leben viele verschiedene Menschen in Billstedt, doch das ist nicht negativ, sondern ein Pluspunkt. Gerade deswegen wohne ich gerne hier", sagt Heike Dahlgaard, die nur wenige Straßen von Ralph Ziegenbalgs Haus in ihrem riesigen Garten auf einem Liegestuhl sitzt. Der Stadtteil entstand Ende der zwanziger Jahre durch den Zusammenschluss der drei Ortschaften Kirchsteinbek, Öjendorf und Schiffbek. In den Siebzigern kam die Großwohnsiedlung Mümmelmannsberg dazu.

"Die Politik hat das Potenzial nicht erkannt"

Als sie vor 17 Jahren in den Hamburger Osten gezogen ist, wurde sie von ihren Freunden noch gefragt, ob das ihr Ernst sei. "Das habe ich bis heute nicht verstanden", sagt Dahlgaard. Billstedt sei ein Stadtteil mit Licht und Schatten, mit Schwierigkeiten, die man aber auch in anderen Teilen der Stadt finde, trotz sozial problematischer Siedlungen wie das Hochhausviertel Mümmelmannsberg im Osten Billstedts. Die rund 80.000 Einwohner hätten vor allem ein Imageproblem, das auch durch die städtebauliche Entwicklung entstehe. "Man muss sich nur die Gestaltung der Billstedter Hauptstraße ansehen, wer in den Stadtteil kommt, muss ja den Eindruck erhalten er fahre in ein Ghetto", sagt Dahlgaard.

Dass sich daran in Zukunft etwas ändern wird, glaubt sie nicht. Es gebe zwar viele Initiativen, die sich über die Gestaltung des Stadtteils Gedanken machen, am Ende fehle aber immer das Geld. "Man lobt die Ideen immer, aber umgesetzt wird dann nichts", erklärt sie.

Das kritisiert auch Ralph Ziegenbalg: "Die Politik hat das Potential des Stadtteils noch nicht erkannt. Die Ideen zur Entwicklung des Hamburger Ostens hören meist in Horn auf." Daran werden aus Sicht des studierten Historikers auch die Pläne des Senats im Rahmen des Konzeptes "Stromaufwärts an Elbe und Bille" nichts ändern. Während es für Stadtteile wie Rothenburgsort sehr konkrete Ideen gebe, seien die Pläne für Billstedt unausgereift und zudem wenig attraktiv. "Im Moment sehe ich keine Weiterentwicklung. Die aktuellen Pläne werden nichts besser, aber auch nichts schlechter machen", sagt Ziegenbalg. Schließlich lebe man in Billstedt schon heute ganz gut, nur das miese Image sei störend.

Auch unter jüngeren Menschen ist der Stadtteil schon jetzt beliebt. Besonders die Lage und die Freizeitmöglichkeiten werden als Pluspunkt für Billstedt gewertet. "Die Innenstadt ist nur zwanzig Minuten von hier entfernt, aber gleichzeitig gibt es hier viele schöne Grünanlagen, die sich gut zum Radfahren, Wandern, Grillen, oder Fußballspielen eignen", begründet Djamil Safi sein positives Bild. Der 21-jährige Student wohnt schon sein ganzes Leben im Stadtteil und freut sich über den bunten Mix an Nationalitäten, der in Billstedt anzutreffen ist. So sieht es auch die 21-jährige Studentin Leila Al-Wehaily: "Es sind immer Menschen auf den Straßen und ich mag die kleinen Geschäfte und das bunte Treiben, das würde mir in ruhigeren Stadtteilen fehlen."