In der Nacht auf den 22. August 1980 warfen Mitglieder der terroristischen Neonazivereinigung "Deutsche Aktionsgruppen" Brandsätze durch ein Fenster des Flüchtlingsheims. In dem mehrstöckigen Haus in der Halskestraße in Hamburg-Billwerder wohnten zu diesem Zeitpunkt rund 240 Menschen. Zwei von ihnen: der 22-jährige Nguyễn Ngọc Châu und der 18-jährige Đỗ Anh Lân. Sie lagen in ihren Metallbetten im Hochparterre, als um sie herum Flammen aufgingen. Beide erlagen kurz darauf ihren Brandverletzungen. Das neue Leben, das die zwei Vietnamesen in Hamburg begonnen hatten, wurde jäh beendet.

ZEIT ONLINE: Herr von Goldhammer, Frau von Goldhammer, Sie waren damals die Paten von Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân. Wie haben Sie von dem Anschlag auf die zwei jungen Männer erfahren?

Heribert von Goldammer: Ich nehme an über die Sozialbehörde.

Gisela von Goldammer: Und ich nehme an, durch die Bild-Zeitung. Die Namen der beiden standen ja gleich in der Presse. Ich war gerade auf Kur, habe sie aber gleich abgebrochen und bin zurück nach Hamburg.

ZEIT ONLINE: Was waren Ihre ersten Gedanken?

Gisela von Goldammer: Entsetzen, ich hatte furchtbare Alpträume. Es ist heute noch schwierig, darüber zu sprechen.

Heribert von Goldammer: Als wir in die Halskestraße gefahren sind, waren die Bewohner dort alle sehr bedrückt, aber über den Vorfall gesprochen haben sie nicht. Heute weiß ich über Thoi Trong Ngu, der damals als 20-Jähriger in der Halskestraße lebte und jetzt als U-Bahnfahrer in Hamburg arbeitet, dass ein Mann vergeblich versucht hatte, den beiden zu helfen, als sie sich aus dem brennenden Zimmer retten wollten. Er hätte die Arme des einen Opfers angefasst und dann nur die Haut in seinem Händen gehalten.

Die Rentner Gisela (81) und Heribert (73) von Goldammer haben seit 1980 über zehn vietnamesischen Flüchtlingen das Ankommen in Hamburg erleichtert. © Anke Schwarzer

Gisela von Goldammer: Sie haben damals nicht darüber geredet, genauso wenig wie sie über die Flucht gesprochen haben und was sie da alles Schreckliches erlebt haben. Das war für sie Vergangenheit.

ZEIT ONLINE: Nguyễn Ngọc Châu wurde vom Rettungsschiff "Cap Anamur" aus einem Boot im Südchinesischen Meer geborgen. Sein Zimmergenosse Đỗ Anh Lân hatte zwei Jahre  Flucht hinter sich, bevor er von Pulau Bidong nach Hamburg kam. Wie sind Sie zu den Paten der beiden geworden?

Heribert von Goldammer: Das Hamburger Abendblatt hatte damals dazu aufgerufen, Patenschaften für die Vietnamflüchtlinge zu übernehmen, weil die Sozialbehörde überlastet war. Wir haben uns dafür entschieden, nur eine Einzelperson zu unterstützen, wir waren beide im kaufmännischen Bereich berufstätig und es hieß, dass Familien viel Zeit erforderten. Die Sozialbehörde hat uns dann Nguyễn Ngọc Châu vermittelt.