Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

 

eine Sache ist bislang total an mir vorbeigegangen, an Ihnen wahrscheinlich auch. Es gibt ihn, den ersten hiesigen Olympiasong. Saskia Leppin, die Helene Fischer von Hamburg-Bergedorf, hat ihn geschrieben. Sie ist, ach, "Feuer und Flamme" für Olympia. Kleiner Textauszug: "Es zählt jede Stimme in der schönsten Stadt der Welt. Im schönsten Hafen unterm Sternenzelt." Sie wollen mehr hören? Nur eine völlig unmaßgebliche Anmerkung: Die Synthie-Beats hätten schon bei der Olympiabewerbung im Jahr 2003 ziemlich nach 90er Jahren geklungen.

Olympia, deine Stunden sind gezählt

Damals bewarb sich die Hansestadt für die Olympischen Spiele 2012 – und verlor die Vorauswahl gegen Leipzig. Die Spiele landeten dann in London. Vielleicht erinnert sich noch jemand: Ole von Beust, der damalige Hamburger Bürgermeister, enthüllte eine Uhr, die die Stunden herunterzählte, bis der deutsche Bewerber um die Spiele feststand: Nicht Hamburg. Trotzdem eine nette Idee, dachte jetzt wohl Olaf Scholz. Gestern enthüllte er auf dem Rathausmarkt eine Uhr, die den Countdown bis zum Ende des Olympia-Referendums zählt. Ein schlechtes Omen? I wo – wer sagt denn, dass es sich um dieselbe Uhr handelt? Übrigens: Wer per Briefwahl abstimmen wollte und bestürzt feststellen musste, dass er zu den zehn Prozent ungültigen Stimmen gehörte, der hat eine zweite Chance. Ein Leser der Elbvertiefung wies darauf hin, dass man seinem Wahlamt sein Missgeschick schildern könne. Und dann gibt es, für eine Behörde erstaunlich unkompliziert, neue Unterlagen. (Nein: Die alten sind dann ungültig...)

Bürgerwille und Flüchtlingspläne

Jeder Politiker weiß: Will man irgendwo Flüchtlinge unterbringen, muss man die Anwohner "kommunikativ mitnehmen", wie der PR-Profi sagen würde. Manchmal hilft das auch nicht. Wie im Fall des Öjendorfer Sees im Stadtteil Billstedt. Am Dienstagabend beschloss die Bezirksversammlung Hamburg-Mitte, dass es dort 800 neue Wohneinheiten für mehr als 3000 Flüchtlinge geben wird. Politik und Verwaltung ernteten Schmäh- und Buhrufe, denn in Billstedt leben bereits fast 2000 Flüchtlinge. Anwohner fürchten ein Ghetto. Die Politik versucht, Verständnis zu zeigen. Aber irgendwo müssen die Flüchtlinge nun mal hin. Offenbar auch im Stadtteil Klein Borstel. Dort war eine Bürgerinitiative gegen eine geplante Unterkunft vor das Verwaltungsgericht gezogen – mit Erfolg; der Fall wanderte in die nächsthöhere Instanz. Nun, schreibt die "Welt", wolle der Senat einfach den Bebauungsplan ändern und den Baustopp umgehen. Zugegeben, "kommunikativ mitnehmen" wäre das nicht.

Allerhöchste Feuerwehr

Es gibt nicht nur Ärger zu vermeldenin Sachen Flüchtlinge. Hier mal ein paar gute Nachrichten: Die Feuerwehr, die über Personal- und Fahrzeugknappheit wegen der vielen neuen Einsätze in Flüchtlingsheimen klagte, bekommt zusätzliche Rettungswagen und Teams. Wann, da gibt es kein Vertun: ab Januar 2016. Wie viele, steht aber noch nicht fest. Egal: Wenigstens ein Anfang ist gemacht. Auch beim ersten Hamburger Marktplatz der Begegnungen. In der Handelskammer trafen gestern Firmen auf Flüchtlinge und umgekehrt. "Damit die Integration am Arbeitsmarkt erfolgen kann", formulierte Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz. Mehr als 500 Flüchtlinge kamen, um sich bei 50 Unternehmen über Beschäftigungsmöglichkeiten zu informieren. 1200 Firmen hätten Praktika und Arbeitsplätze versprochen. Und noch mehr good news: Das Bezirksparlament Hamburg-Mitte stellt 100.000 Euro für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer zur Verfügung. Echtes Geld also, nicht nur einen feuchten Händedruck. Damit solle "die Willkommenskultur und Integration" unterstützt werden. Wie – und wo? Ist am Tag eins nach der Entscheidung noch nicht ganz klar. "Aber", sagt die Sprecherin des Bezirksamtes Mitte, "das Geld soll dahin gehen, wo es brennt." Hoffentlich auch in die Flüchtlingsunterkünfte.

Innenbehörde wegen "Iris Schneider" verklagt

Ein Jahr ist es her, dass die angebliche queer-lesbische Aktivistin "Iris Schneider" als verdeckte Ermittlerin enttarnt wurde. Von 2001 bis 2006 war sie für das LKA undercover im Umfeld der Roten Flora unterwegs. Gegen die Beamtin läuft ein Disziplinarverfahren, hier die ganze Geschichte. Damals moderierte und plante die Frau, die sich Iris Schneider nannte, auch feministische Radiosendungen für den linken Radiosender FSK, Freies Sender Kombinat. Dessen Redaktion hat nun Klage gegen die Hamburger Innenbehörde eingereicht. Denn "dass eine Polizeibeamtin Einfluss im Hörfunk genommen hat, verletzt die Rundfunkfreiheit", sagt Werner Pomrehn vom Sender FSK. Was die Verklagten davon halten und ob eine Nicht-Ermittlerin womöglich anders geartete feministische Sendungen gemacht hätte, erfahren wir vielleicht noch. Heute tagt der Innenausschuss.

Besuch aus Lateinamerika

Falls an Ihnen heute Staatskarossen vorbeibrausen: Evo Morales ist in der Stadt, der bolivianische Präsident und ehemalige Coca-Bauer, den die UN-Generalversammlung 2009 zum "World Hero of Mother Earth" ernannte. In Berlin hat er ein neues Entwicklungsabkommen unterzeichnet. In Hamburg ist er bei der Tagung des Lateinamerikavereins. Außerdem auf dem  Protokoll: Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, Fahrt in der senatseigenen Barkasse durch den Hafen, an Bord: deutsches Essen (unter anderem Hamburger Pannfisch). Dann geht’s zum Containerterminal Altenwerder: in einem Wasserstoffbus. Hoffentlich ist der Platz des Präsidenten nicht ausgerechnet hinter den mit Werbung überklebten Fenstern. (Ob das wirklich so schlimm ist, steht in meinem "Warum funktioniert das nicht?" in der neuen ZEIT:Hamburg.)

Mittagstisch

Pasta im Verborgenen

Die Schanzenbäckerei gegenüber dem Gerhart-Hauptmann-Platz ist die Lösung für all diejenigen, die in der Mittagspause schnell was essen wollen und denen ein belegtes Brötchen nicht genügt. Im hinteren Teil verbirgt sich eine Pasta-Bar: acht Sorten Nudeln, acht Sorten Soßen, alle Kombinationen möglich. Einheitspreis 5 Euro. Zu empfehlen: Fettuccine mit Spinat-Gorgonzola-Soße. Die Pasta ist sogar bissfest, weil jede Portion frisch ins kochende Wasser geworfen wird. Tipp: Ein Stockwerk höher ist es etwas ruhiger und der Blick auf die Mönckebergstraße schöner. Schanzenbäckerei, Ida-Ehre-Platz 12, 7.30–20.30 Uhr.

Fannie Reinecke 

Was geht?

  • Muss ein männlicher Körper muskelbepackt sein, oder darf er weiche Züge haben? Damit beschäftigt sich das Stück "A Male Ant Has a Straight Antennae". Der Choreograf des Tanztheaters Mandeep Raikhy kommt aus Neu-Delhi. Kampnagel, 20 Uhr, Tickets 18 Euro.
  • Härter kann eine Plattenkritik wohl nicht ausfallen: In der Kneipe Komet werden heute Platten versteigert, bei 50 Cent liegt das Startgebot, ein Schnäppchen. Doch Vorsicht, wird für eine Platte überhaupt kein Gebot abgegeben, zerstört der Auktionator sie mit roher Gewalt an Ort und Stelle. Plattenretter in die Erichstraße 11, um 21 Uhr.
  • Nur noch eine Seite, bitte! Die Serie Vorgelesen bekommen stellt acht Neuerscheinungen vor. In der Pause: Wein, Prosecco, Wurst und Brot. Danach: ab ins Bett. Buchhandlung Lesesaal, Lappenbergsallee 36, 20 Uhr, Eintritt 5 Euro. Um Anmeldung wird gebeten.

Hamburger Schnack

In der Oper. Der Vorhang öffnet sich, das Publikum applaudiert. Ein Mann verschränkt die Arme, seine Frau guckt strafend.

Er: "Na ja, die sollen erst mal was leisten!"

Meine Stadt

»Nicht arrangiert, sondern genauso passiert.« © Achim Meier

Die Fotoredakteurin der Elbvertiefung schwärmte gestern wieder von Ihren eingesandten Fotos, die meins aus der ersten Ausgabe "mühelos in den Schatten" stellten. Ich kann nur sagen: Machen Sie weiter – schicken Sie uns Ihre Kunststücke, Schnappschüsse, Fotos von Hamburg. Vielleicht mit ein bisschen weniger Nebel ...?

Apropos: Demnächst wird der Blick auf Hamburgs berühmteste Kirche zur Abwechslung von einem großen, gelben Baukran getrübt. 350.000 Euro haben die Hamburger gespendet, damit im Michel zwei neue und endlich wieder zehn Glocken läuten; wie zum letzten Mal vor fast hundert Jahren. Der Glockenschlag, sagte Hauptpastor Alexander Röder, habe gerade für die älteren Anwohner etwas Beruhigendes, "nach dem Motto: Der Michel ist noch da". Kann man ja irgendwie verstehen.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Bis morgen, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gerne weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.