Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

die Betreiber der öffentlichen Verkehrsmittel in Hamburg haben gar keine schlechten Ideen. Eben erst führte ja Hansa-Taxi eine Art Kreditkarte ein, die gleich zwei virulente Probleme der Heranwachsenden löst: dass sie nachts nie Geld fürs Taxi haben und dass man sie ständig zu Kindergeburtstagen in fernen Stadtteilen chauffieren muss – das erledigt nun der Taxifahrer, Übergabe und Gequengel inklusive. 

Und nun kommen wieder die "Paketbusse" des HVV. Zwei Busse, die in der City an den Adventssamstagen herumstehen, gegenüber dem Levantehaus und vor Karstadt, und in denen man seine sperrigen Einkäufe deponieren kann, um dann weiterzushoppen. Und das Beste: Kommt man zurück, sind die Busse noch da.

Wir warten nun sehnlichst darauf, dass dieses Konzept ausgeweitet wird. Auf werktags. Damit man, wenn man aus der Mittagspause ins Büro zurückhetzt, die Einkaufstüten nicht mehr unterm Mantel verstecken muss.

Elbvertiefung (die andere) gefährdet Seeschwalben

Unsere ausdrücklich nicht mit uns verwandte Namensvetterin sorgt erneut für Unmut: Seit Jahren streiten sich Befürworter und Gegner über die Elbvertiefung. Nachdem das Aktionsbündnis "Tideelbe" beim Bundesverwaltungsgericht geklagt hat, wird nun geprüft, ob die Planungen eine EU-Richtlinie zum Schutz von Gewässern ausreichend berücksichtigen. Vor zehn Tagen haben Stadt und Bund eine Ergänzung der Vertiefungspläne um mehrere Hundert Seiten an die Umweltverbände geschickt. Durch die hat sich bis jetzt offenbar noch niemand hindurchgekämpft. Aber mit dem Film "45 Min: Elbvertiefung – was riskieren wir?" ist plötzlich der NDR in die Diskussion eingestiegen: Eine vom Aussterben bedrohte Vogelart sei bisher überhaupt nicht beachtet worden: 36 Paare Flussseeschwalben gebe es am Neufelderkoog, "quasi die letzten ihrer Art in ganz Europa". Ornithologen befürchten, dass sich die Vögel nicht mehr ernähren können, wenn, wie geplant, die sogenannte Medemrinne – eine Vertiefung in der Elbmündung neben der eigentlichen Fahrrinne – aufgefüllt wird. Denn dann drohen die Priele zu versanden, in denen die Stinte leben. Kleine Fische, die erstaunlicherweise nach Gurke riechen und die für die Seeschwalben am Neufelderkoog die Hauptnahrungsquelle sind. Ohne sie, glauben die Vogelexperten, könne auch die Flussseeschwalbenkolonie so nicht mehr existieren.

Die Recherchen des NDR waren selbst für die Umweltverbände neu. Doch gestern Nachmittag ließ das Aktionsbündnis "Tideelbe" nach langer Abstimmung verlauten: "Das Risiko, dass der Bestand einer hoch bedrohten Vogelart in Europa erlischt, wenn für die Elbvertiefung die Medemrinne zugeschüttet wird, ist ein weiteres Argument gegen die Elbvertiefung. Weitere unerkannte Risiken sind anzunehmen."

Lücke am Stephansplatz ist endlich gefüllt

"Das Umdenken kam spät. Nicht zu spät, aber doch beschämend spät. Erst 2002 wurden die Urteile der Militärgerichte gegen Deserteure der Wehrmacht aufgehoben." Mit diesen Worten eröffnete Bürgermeister Olaf Scholz gestern das neue Denkmal für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz auf dem Stephansplatz. Es stammt von dem Hamburger Künstler Volker Lang und ist ein begehbares Dreieck. Zwei Wände bestehen aus Bronzegittern mit den Buchstaben des Gedichtes "Deutschland 44" von Helmut Heißenbüttel. Im Inneren ist auf Knopfdruck zu hören, wie der Dichter sein Gedicht liest. Auch das Denkmal kam spät, einige würden sagen: zu spät. Lange klaffte eine seltsame Lücke neben dem umstrittenen "Kriegsklotz" für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges, der während der Nazizeit errichtet wurde. Jetzt ist der vakante Platz endlich besetzt. Mehr als ein positiver Nebeneffekt: Rechte, die sich in Zukunft vor dem "Kriegsklotz" versammeln wollen, haben weniger Platz – und immer auch die Würdigung der Opfer der NS-Justiz vor Augen.

Olympia? Nur keine Eile…?

Die Finanzierungsfrage für Olympia ist immer noch nicht geklärt, das Bundesinnenministerium verkündete gerade, dass noch wichtige Unterlagen fehlten. Unter anderem sei noch nicht klar, welche Kostenbestandteile der Kalkulation der allgemeinen Stadtentwicklung dienen und welche ausschließlich Olympia-Projekten zuzuordnen sind. Man gibt sich aber entspannt: "Die Entscheidung braucht einfach Zeit, wir sammeln die Informationen und führen weiterhin gute Gespräche mit Hamburg", sagte uns eine Sprecherin.

So viel Zeit haben die Hamburger nicht mehr für ihre Entscheidung. Das Olympia-Referendum endet am 29. November. Für alle, die immer noch zaudern, gibt es ab morgen in der neuen ZEIT:Hamburg den ultimativen Entscheidungsbaum. Auf nur einer Seite, okay, einer ZEIT-Seite, haben unsere Kollegen Frank Drieschner und Jelka Lerche in einer Grafik alle Argumente mit einbezogen, von Umweltschutz bis Korruption. So wird Ihr Weg zum "Ja" oder "Nein" plötzlich ganz einfach: nur den Pfeilen folgen.

St. Pauli verkauft jetzt St.-Pauli-Fanartikel

Geschafft! Der FC St. Pauli verkauft vom 1. Januar 2016 an seine eigenen Fanartikel. Moment, werden Sie jetzt vielleicht denken: Sind die Mützen und  Trainingsjacken mit den Totenköpfen und dem braun-weiß-roten Logo nicht seit Jahren so beliebt, dass sich sogar Stuttgarter damit schmücken? Richtig. Doch bisher floss fast der gesamte Erlös an die Vermarktungsfirma upsolut. Die machte etwa im Geschäftsjahr 2015 einen Gewinn von 500.000 Euro – an den Verein gingen davon aber nur 50.000 Euro. Das liegt daran, dass upsolut im Jahr 2004 vom damals komplett bankrotten FC St. Pauli für die Dauer von 30 Jahren (nein, kein Schreibfehler) 90 Prozent der Merchandise-Rechte kaufte. Ein wahrlich schlechter Deal. Das befand das OLG Hamburg denn auch. Die Klage ging weiter an den Bundesgerichtshof und gestern ist es zu einer außergerichtlichen Einigung gekommen. St. Pauli zahlt 1,265 Millionen Euro für die fehlenden 90 Prozent der Anteile von upsolut und kauft damit den Vermarkter. "Unser Ziel ist es, die verschiedenen Geschäftsbereiche wieder in der eigenen Hand zu haben, damit wir in Zukunft unabhängig agieren können", sagte Präsident Oke Göttlich. Und fügte hinzu, nun sei sein Verein endlich das, wofür ihn so manche Stuttgarter vermutlich sowieso schon längst halten: "Endlich sind wir auch eine Modemarke!" Vor allem auf dem internationalen Markt wolle man sich ab jetzt konzentrieren. Also werden wir wohl bald auch in Asien und den USA Menschen mit Totenkopf-Mützen begegnen.

Zwei Hänse sind besser als einer

Und alle so: Yeah! Gestern Abend wurde der Hamburger Musikpreis Hans verliehen, und die Hip-Hop- und Elektrocombo Deichkind bekam gleich zwei Preise, in den Kategorien "Hamburger Künstler des Jahres" und bei "Album des Jahres", für ihr Studioalbum "Niveau Weshalb Warum". Den Preis vergibt seit 2009 die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft e. V. (IHM).

Weitere Gewinner: Das Frauen-Duo Boy und Team bekamen den Hans für die "Hamburger Künstlerentwicklung des Jahres". Die Electro-Künstlerin Helena Hauff, unter anderem Resident im Golden Pudel Club, wurde "Hamburger Nachwuchs des Jahres", der Jazz-Trompeter Nils Wülker "Hamburger Musiker des Jahres". Und raten Sie mal: Wer machte den "Hamburger Song des Jahres"? Die Newcomer Schnipo Schranke (Daniela Reis und Fritzi Ernst) mit ihrem Lied "Pisse"...

Wir kommen jetzt ganz schnell zum Wetter, nein, zum Mittagstisch.

Mittagstisch

Ein griechisches Restaurant auf der Schanze. Der Kellner kommt zum Tisch, räumt aber nicht ab. Das Spiel ist interessanter: Auf dem TV-Bildschirm unter der Decke zerlegt der FC Bayern München wieder mal einen Gegner. Es steht mindestens 7 : 0.

Der Kellner schüttelt den Kopf. "In Deutschland gibt es nur eineinhalb Mannschaften. Die eine Mannschaft ist Bayern. Die halbe Mannschaft ist Dortmund. Die wäre ’ne ganze, aber die Bayern kaufen immer gleich die Hälfte weg."

Gehört von Francesco Giammarco

Haben auch Sie Schnack aufgeschnappt? Wir freuen uns darüber: elbvertiefung@zeit.de, Stichwort: Schnack*.


Was geht

Konzert: "Futuredeutschewelle" heißt das Debütalbum der Musikerin Lary, ihre Musik ist deutscher Pop der besten Art, gemischt mit Blues, Soul, Rock und Elektro. Molotow, Nobistor 14, 21 Uhr

Lesung: Ein Isländer, der mal in München war, kommt nach Hamburg. Hallgrímur Helgason liest aus seinem absurd-lustigen Roman "Seekrank in München", über einen angehenden Künstler mit einer seltsamen Gabe. Literaturhaus, Schwanenwik 38, 20.30 Uhr

Diskussion: "Heimat bauen oder: Wie viel Abriss braucht die Stadt?" Um diese Frage dreht sich die neueste Runde der ZEIT-Debattenreihe "Zur Sache, Hamburg". Auf dem Podium diskutieren Professor Volkwin Marg, die Kulturwissenschaftlerin und Vizepräsidentin der HafenCity Universität Hamburg, Gesa Ziemer, und der ZEIT:Hamburg-Reporter Christoph Twickel. Es moderiert Patrik Schwarz von der ZEIT. Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, 20 Uhr

Was kommt

Gespräch "Bridging the Gap: Die Zukunft der Vergangenheit – Wie geht es weiter mit Deutschland und Israel nach 50 Jahren?" Diese Frage behandelt eine Gesprächsrunde im Thalia-Theater, u. a. mit: Fania Oz-Salzberger, Publizistin, Historikerin und Tochter von Amos Oz, Shimon Stein, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, Kerstin Griese, MdB und stellv. Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe, und Christian Sievers, ehemaliger Israel-Korrespondent und leitender Moderator des "heute-journals" im ZDF. Auch junge Israelis und junge Deutsche nehmen an dem Gespräch teil. Leser der Elbvertiefung können 3 x 2 Karten gewinnen, schreiben Sie unbedingt heute noch eine Mail an: elbvertiefung@zeit.de, Stichwort "Bridge the Gap". Mehr Infos hier.

Hamburger Schnack

Ein griechisches Restaurant auf der Schanze. Der Kellner kommt zum Tisch, räumt aber nicht ab. Das Spiel ist interessanter: Auf dem TV-Bildschirm unter der Decke zerlegt der FC Bayern München wieder mal einen Gegner. Es steht mindestens 7 : 0.

Der Kellner schüttelt den Kopf. "In Deutschland gibt es nur eineinhalb Mannschaften. Die eine Mannschaft ist Bayern. Die halbe Mannschaft ist Dortmund. Die wäre ’ne ganze, aber die Bayern kaufen immer gleich die Hälfte weg."

Gehört von Francesco Giammarco

Haben auch Sie Schnack aufgeschnappt? Wir freuen uns darüber: elbvertiefung@zeit.de, Stichwort: Schnack*.


Meine Stadt

Werbung wirkt. Oder warum steht jetzt genau da ein Polizeiwagen? © Andreas Weinberger

 

Ein letzter Gruß: Zwei Wochen nach seinem Tod ist Helmut Schmidt gestern, einen Tag nach dem Staatsakt und den Trauerfeierlichkeiten, auf dem Friedhof Ohlsdorf in aller Stille bestattet worden.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Haben Sie Schnack oder ein Foto für uns? Schreiben Sie an elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen.

Ihr

Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.