Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

saßen Sie gestern Abend auch so überrascht vor dem Fernseher wie ich? Es war ein Ergebnis, mit dem wohl viele nicht gerechnet hatten: Die Hamburger wollen keine Olympischen Spiele 2024. 

Entgegen allen Prognosen sprachen sich beim Referendum laut vorläufigem Endergebnis 51,6 Prozent gegen Sommerspiele an der Elbe aus. Insgesamt nahmen rund 650 000 der 1,3 Millionen wahlberechtigten Bürger teil. Etwas mehr als ein Viertel der Hamburger haben also Olympia eine Abfuhr erteilt.  

Sieg für NOlympia 

Erst hatte Olaf Scholz schon um 19.30 sprechen wollen, dann wurde es doch 21 Uhr, bis er im Rathaus vor die Kameras trat und gefasst das "Nein" zu Olympia verkündete. Eine Entscheidung, die man akzeptieren müsse und werde, das sagte der Erste Bürgermeister den Abend über mehrmals, "die ich mir aber anders gewünscht hätte". 

"Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich sehr enttäuscht bin", bekannte Katharina Fegebank, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin (Grüne). 

"Es scheint so, dass der olympische Gedanke und Deutschland im Moment nicht zusammenpassen", quetschte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes heraus, er wirkte reichlich benommen. 

Tatsächlich sah es lange Zeit so aus, als sei das Referendum für die Spiele-Befürworter eine sichere Sache. Noch im September hatten sich bei einer repräsentativen Umfrage 63 Prozent für die Spiele ausgesprochen, zehn Tage vor dem Referendum waren es zwar schon weniger, mit 56 Prozent aber immer noch die Mehrheit. 

Was nun endgültig den Ausschlag für die Ablehnung gab, das lässt sich noch schwer sagen: Die durch die Anschläge von Paris in den Fokus gerückte Terrorgefahr, die noch ungeklärte Finanzierung, die Herausforderungen der Flüchtlingsunterbringung in Hamburg, der allgemeine Frust über die Korruption im Spitzensport? "Die Entscheidung soll man akzeptieren und nicht irgendwie interpretieren", sagte Scholz. Er hatte Olympia als wichtigstes Projekt des rot-grünen Senats ausgegeben, das die Entwicklung Hamburgs bis 2024 auf einen Stand bringen sollte, der nun 20 bis 30 Jahre in Anspruch nehmen wird. Er, bekennender Fan direkter Demokratie, hatte selber das Referendum zu Olympia haben wollen.

Und so fragte gestern Abend Herbert Schalthoff, Moderator beim Fernsehsender Hamburg 1, den Bürgermeister, ob er an politische Konsequenzen denke, vielleicht auch ihn betreffend. Das wäre "völliger Blödsinn", erwiderte Scholz, wieder ganz bei sich. 

Wie aufgeregt die Debatte zuletzt in Hamburg lief, haben auch wir mitbekommen: Es trafen jede Menge Mails ein, die uns vorwarfen, unverhohlene Werbung für die Spiele zu machen. Und genauso viele warfen uns Stimmungsmache gegen Olympia vor. Eines jedenfalls kann ich versprechen: In Zukunft werden Sie hier sehr viel weniger über Olympia lesen. 

In Kiel übrigens stimmten die Menschen für die Austragung der Spiele. Aber ohne Hamburg wird das mit dem olympischen Segeln dort auch nichts. 

Überraschungen zuhauf bei der Elbtunnel-Sanierung

Ob sich Hamburg im Falle Olympias wirklich an die höchstens geplanten Ausgaben von insgesamt 11,2 Milliarden Euro gehalten hätte, ist vielleicht doch zu Recht fraglich. Siehe Elbphilharmonie. Oder aktuell: alter Elbtunnel. Es ist immer das gleiche Spiel: Politik und Verwaltung schätzen Baukosten und Bauzeit zu niedrig. Dann wird sukzessive nach oben korrigiert. Bei der Präsentation der (teil-)restaurierten Oströhre des Elbtunnels jedenfalls kam am Freitag heraus, dass die Sanierung noch nicht abgeschlossen ist. Und – Überraschung! – teurer wird als geplant. Inzwischen werden die Kosten auf insgesamt 59,7 Millionen Euro geschätzt, nur für die Oströhre. Irgendwann lagen sie mal bei 17 Millionen für den gesamten Tunnel. Während der Sanierungsarbeiten stießen der Geschäftsführer der Hamburger Hafenbehörde Wolfgang Hurtienne und sein Team nämlich auf einige Überraschungen. Im Boden tauchten plötzlich Eisenbarren auf, der Beton erwies sich als härter als von Beton gemeinhin vermutet, es gibt undichte Bleidichtungen und giftige Chemikalien im Bodenbelag. Die Eröffnung der Oströhre wurde auf 2018 verschoben. Die Sanierung des Weströhre beginnt – vermutlich – 2017. Geschätzte Kosten – ach, lassen wir das ...

Unser Mann (fast) in Havanna

Kuba öffnet sich langsam, für Touristen, für die Wirtschaft und nun auch für Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos). Seit Samstag ist er als erster Senator Hamburgs offiziell zu Besuch auf der Karibikinsel. Mit dabei hat er eine 40-köpfige Wirtschaftsdelegation. Hamburg habe viele Kompetenzen, die für Kuba wichtig sein könnten, sagte Horch vor seiner Abreise, "Transport, Hafenlogistik und Teile der maritimen Wirtschaft" oder "Energiewirtschaft". Hamburg könne Kuba auch helfen, den Tourismus auszubauen; etwa durch Kreuzfahrten, vermutlich nach Kuba. Interessant für den Wirtschaftssenator und dessen Tross ist auch der Hafen von Mariel; in der dortigen Sonderwirtschaftszone will Kuba ausländische Firmen ansiedeln. Bisher ist die Rolle Kubas für die Hamburger Wirtschaft relativ bescheiden, aber in letzter Zeit stark im Wachsen begriffen: Wurden 2013 noch 124.000 Tonnen Waren und Handelsgüter über den Hamburger Hafen nach Kuba verschifft, waren es 2014 schon 275.000. 

Im Anschluss macht Horch übrigens noch einen Abstecher nach Miami. Natürlich nur um dort den Reedern den Standort Hamburg schmackhaft zu machen.

Politischer Marion Dönhoff Preis

Feierlich war die Stimmung gestern bei der Verleihung des Marion Dönhoff Preises im voll besetzten Schauspielhaus. Aber da war noch mehr: Dieses Jahr, betonte auch Matthias Naß, Jury-Vorsitzender und Internationaler Korrespondent der ZEIT, ist der Preis "so politisch und aktuell" wie selten. Die Preisträgerin Laura Poitras, amerikanische Journalistin und Dokumentarfilmerin, behandelt in ihrer Arbeit das Thema Sicherheit und Bürgerrechte, unter anderem mit ihrem Dokumentarfilm "Citizenfour" (2013) über den Whistleblower Edward Snowden und die Überwachung der Bürger durch den Staat. Der Verein Barada Syrienhilfe des syrischen Arztes Marwan Khoury, der den Förderpreis erhielt, setzt sich für Leidtragende des syrischen Bürgerkriegs ein und hilft so, Fluchtursachen zu bekämpfen. 

Mathias Naß erwähnte in seiner Rede die Absage von Kanzlerin Angela Merkel an eine Obergrenze für Flüchtlinge: Diese Haltung hätte Marion Dönhoff sicher gefallen. Auf die frühere Herausgeberin der ZEIT bezogen sich auch die beiden Preisträger in ihrer Dankesrede: Sie könnten sich sehr mit Dönhoffs pragmatischer Haltung identifizieren, Probleme zu benennen und Lösungen zu finden, "jenseits von Ideologie"

Anders als sonst sind in diesem Jahr beide Preise der von der ZEIT, der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und der Marion-Dönhoff-Stiftung vergebenen Ehrung mit jeweils 20.000 Euro dotiert, um die Preisträger bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Der langjährige Außenminister, Vizekanzler und FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher nahm gestern nachträglich seinen Preis für 2014 entgegen. In einer teilweise sehr emotional vorgetragenen Rede kritisierte er die nationale Abschottung innerhalb Europas und forderte: "Europa muss sich neu gründen." Das Publikum war sichtlich bewegt.

Ist dieser ESC überhaupt so wichtig?

Was als Shitstorm im Netz begann, weitet sich nun auf analoge Plattformen aus: Am Sonnabend verkündeten 121 Künstler in einer Anzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ihre Solidarität mit dem Musiker Xavier Naidoo. Darunter waren Prominente wie Mario Adorf, die Grünen-Politikerin Antje Vollmer sowie die Hamburger Jan Delay, Til Schweiger und Tim Mälzer. Aufgegeben hat die Anzeige der Konzertveranstalter Marek Lieberberg, der auch Konzerte von Naidoo organisiert und sich jetzt über viel Aufmerksamkeit freuen kann.

Falls Sie gerade erst in die Debatte einstiegen: Zuerst gab es Empörung darüber, dass der NDR Naidoo ohne öffentliches Casting nominierte, Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) zu vertreten. Dann zog der NDR die Nominierung zurück. Wieder Empörung. Nun gibt es eine repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Danach, das ist nicht so überraschend, halten 52 Prozent der Befragten einen ESC-Vorentscheid mit mehreren Künstlern für wichtig. Nicht so wichtig hingegen scheint für die Befragten der ESC selbst: 51 Prozent beantworteten die Frage "Wie finden Sie den ESC?" mit einem "schlecht"

Mittagstisch

Essen und lesen

Die große Zeitschriftenauswahl ist ein genauso guter Grund, ins Café unter den Linden, nein, nicht nach Berlin, sondern ins Schanzenviertel zu kommen, wie die täglich wechselnde Speisekarte. Immer dabei: Suppen, Salat und Pasta, dazu zwei bis drei Hauptgerichte, mit und ohne Fleisch. Und wer in dem gemütlichen Café beim Lesen die Zeit vergisst, für den gibt es noch ein Stück hausgemachten Kuchen. Da kann die Arbeit noch ein bisschen warten.

Café unter den Linden, Juliusstraße 16, geöffnet ab 9.30 Uhr, Tageskarte wochentags ab 12.00 Uhr.

Marie Reifrock


Was geht

Klassik: Wer sich in Weihnachtstimmung bringen will, dem sei das Barocke Weihnachtskonzert mit Werken italienischer Komponisten wie Vivaldi, Corelli und Paisiello empfohlen. Es spielt das Kammerensemble I Musici di Roma mit dem israelischen Star-Mandolinisten Avi Avital. Hauptkirche St. Michaelis, Englische Planke 1 a, Beginn 19.30 Uhr

Film: Gemütlich im Warmen sitzen und dabei wilde Abenteuer in der Natur erleben. Das geht bei der European Outdoor Film Tour, auf der wagemutige Sportler ihre Kurzfilme zeigen und die Zuschauer mitnehmen auf Baukräne, verschneite Bergkuppen und quer durch die USA. Cinemaxx Dammtor, Dammtordamm 1, 20 Uhr

Sport: Fußball geht auch auf 1,20 x 68 cm. Beim F + K Kickerturnier können sich alle Tischfußballbegeisterten messen. Freundlich + Kompetent, Hamburger Straße 13, Warm-up ab 17 Uhr, Turnierbeginn 19 Uhr, Anmeldung am Trese

Was kommt

Buchpräsentation und Verlosung: Helmut Schmidt lebt in Wort und Schrift weiter, zum Beispiel in seinem Briefwechsel mit Willy Brandt. Bürgermeister Olaf Scholz präsentiert in der Bucerius Law School das Buch "Willy Brandt/ Helmut Schmidt: Partner und Rivalen. Der Briefwechsel (1958–1992)", erschienen bei Dietz in Bonn. Auf dem Podium sitzen Buch-Herausgeber  und Historiker Meik Woyke, Axel Schildt von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte der Universität Hamburg sowie der Helmut-Schmidt-Biograf Thomas Karlauf. Die Moderation übernimmt ZEIT-Autor Gunter Hofmann.

Mittwoch, 2. Dezember, Heinz-Nixdorf-Hörsaal der Bucerius Law School, Jungiusstraße 6, 14.30 Uhr, Anmeldungen dazu bitte noch heute über info@willy-brandt.de

Für Leser der Elbvertiefung verlost die Willy Brandt Stiftung drei Exemplare des Buches. Bitte einfach bis Dienstag, 13 Uhr, eine Mail schicken an: elbvertiefung@zeit.de

Konzert: Das Hamburger Frauen-Duo Schnipo Schranke macht "HipHop-Chanson-Fuck" ("Intro") und hat ein ziemlich erfolgreiches Jahr hinter sich, vorige Woche gab es zum Beispiel den Hamburger Musikpreis Hans. Das muss gefeiert werden, natürlich mit einem Konzert.
Freitag, 4. Dezember, Uebel & Gefährlich, Feldstraße 66, 20 Uhr

Konzert: Was für eine Stimme! Die britische Sängerin Adele ist endlich zurück und schmettert wie eh und je. Zwei Konzerte gibt sie im kommenden Jahr in Hamburg, und da muss man sich bestimmt schnell die Karten sichern – obwohl wir davon ausgehen, dass man sie ohnehin in der ganzen Stadt hören wird. Dienstag 10.5. und Mittwoch 11.5.2016, Barclaycard Arena (ehemals O2 World), Sylvesterallee 1

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Aimen Abdulaziz-Said, schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

Der HSV gewann nach knapp sieben Jahren endlich wieder ein Bundesligaspiel beim Erzrivalen Werder Bremen. 3:1 hieß am Ende für die Hamburger. Damit klettert der HSV in der Tabelle weiter nach oben. Einziger Wermutstropfen: Stürmer Pierre-Michel Lasogga, der zuletzt immer besser in Form kam, kugelte sich die Schulter aus, und wird dem HSV wahrscheinlich mehrere Wochen lang fehlen. Torwart René Adler bleibt trotzdem optimistisch: "Ich schaue tendenziell eher nach oben als nach unten", sagte er nach dem Spiel, auf die aktuelle Tabellensituation angesprochen. Besonders schön: Diesmal haben die wahren Fußballfans sich durchgesetzt – es kam wider Erwarten zu keinen Ausschreitungen. Das gab es schon lange nicht mehr.

Erik Hauth, bloggt auf ZEIT ONLINE über den FC St. Pauli

St. Pauli läuft am Millerntor in Retroshirts auf und rennt in vier Konter. Nürnberg gewinnt verdient 4:0 – wie in alten Zeiten.

Mehr über Fußball von Aimen Abdulaziz-Said und Erik Hauth auf www.zeit.de/hamburg/fussball

Meine Stadt

»Immer diese schwierigen Entscheidungen...« © andreahh04 via Instagram

Zum Schluss noch ein kurzer Geburtstagsgruß: Der HVV wurde am Sonntag 50 Jahre alt. Als er 1965 als erster Verkehrsverbund weltweit gegründet wurde (Vorteil: Man konnte von da an Hamburg mit nur einem Ticket durchqueren), hatte man noch Sorge, ein neuer unheimlicher Trend namens Fernsehen könnte dazu führen, dass immer weniger Menschen ihr Haus verlassen. Mittlerweile kamen noch das Internet und diverse Pizzalieferdienste dazu, aber trotzdem: die Passagierzahlen steigen immer weiter.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr
Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.