Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

wann waren Sie das letzte Mal auf einer Messe? Lange her? Bei mir auch. So geht es den meisten. Und das bekommt die Hamburg Messe und Congress zu spüren: Zu den drei traditionsreichsten Messen kommen im Vergleich zum Jahr 2005 mittlerweile 87 000 Besucher weniger. Welche Messen das sind? Die Reisen Hamburg, die Wassersportmesse Hanseboot und die Hansepferd. Könnte das womöglich daran liegen, dass der Bedarf an Luxusreisen, Luxusbooten und -pferden heutzutage doch etwas geringer ist? Offenbar nimmt  auch die Zahl der Eskapisten ab, der Leute, die sich nie eine Jacht kaufen werden, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit aber trotzdem fachmännisch im Lederfauteuil einer Kapitänskajüte Maß nehmen.

Eine Messe allerdings, die sehr gut läuft, ist die WindEnergy Hamburg. Die geht ja auch auf einen Trend ein, Nachhaltigkeit. Okay, wenn das so einfach ist, hätten wir da gleich noch ein paar Vorschläge für attraktive Messen am Puls der Zeit: MySabbatical, DrohnenDeLuxe, WohncontainerToGo – aber Moment: so etwas gab es schon, Anfang August. Da wurde innerhalb kürzester Zeit eine Halle zur Notunterkunft für Flüchtlinge und eine zweite zur größten Kleiderkammer Hamburgs. Besucher – nein, Helfer: bis zu 1200 am Tag. Kann eine Messe noch erfolgreicher sein?

Wohnen ist teurer geworden

Für Wohnungssuchende ist das keine Überraschung, aber jetzt ist es auch offiziell: Wohnen in Hamburg, zeigt der neue Mietspiegel, ist mal wieder teurer geworden. In den letzten zwei Jahren stiegen die Mieten um 6,1 Prozent. Mieter müssen im Monat durchschnittlich 8,02 Euro pro Quadratmeter zahlen, in jenen hochattraktiven Lagen, in denen man für den Weg zur U-Bahn oder zum nächsten Bäcker nicht unbedingt gleich das Auto braucht, noch viel mehr. Verglichen mit anderen Großstädten, liegt Hamburg trotzdem im Mittelfeld. Besonders teuer ist München (10,73 Euro/m²), besonders günstig Berlin (5,84 Euro/m²). "Wir stehen vor der Herausforderung", sagte Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) gestern, "auch zukünftig für mehr bezahlbaren Wohnraum in Hamburg zu sorgen." Da hat sie mal recht. Immerhin, die Stadt will pro Jahr mindestens 6000 Wohnungen fertigstellen und hoffentlich auch die dazugehörende Infrastruktur. Übrigens: ob bei den Mieten nun die zum 1. Juli 2015 eingeführte Mietpreisbremse wirkt oder nicht, das werden wir erst wissen, wenn in zwei Jahren der nächste Mietspiegel kommt.

Zieht die Holsten-Brauerei nach Hamburg, nein: nach Harburg?

Die Holsten-Brauerei will weg aus Altona, wo sie 1879 gegründet wurde. Weil Bierbrauen ziemlich riecht, darf sie nicht rund um die Uhr arbeiten, logistisch gibt es kaum eine ungünstigere Lage (immer dieser Stau auf der Stresemannstraße!), und außerdem ist das Gelände an der Holstenstraße inzwischen zu groß geworden. "Wir suchen ausschließlich innerhalb der Stadtgrenzen", hatte Sebastian Holtz  kürzlich versichert, er ist Deutschlandchef der Carlsberg-Gruppe, zu der Holsten heute gehört. "Ein regionales Bier wie Holsten muss aus Hamburg kommen." Jetzt scheint es so, als hätte man einen neuen Standort gefunden – in Harburg. Es laufen Gespräche zwischen dem Konzern Carlsberg Deutschland und der Hamburger Wirtschaftsbehörde über eine fünf Hektar große Fläche im Gewerbegebiet Heykenaukamp, direkt an der A 7. "Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen, aber wir reden seit einem halben Jahr konkret über diese Fläche", sagt uns Behördensprecherin Susanne Meinecke. "Und beide Seiten können sich das sehr gut vorstellen." 

Nach Harburg? In jene Ecke also, aus der die Autokorrektur des Computers lieber schnell wieder "Hamburg" macht? Unser Kollege Oliver Hollenstein hat für die Hamburg-Seiten in der neuen ZEIT den Stadtteil an der Südelbe besucht. Und hat festgestellt, dass die Harburger ihr Image gern aufpolieren würden, ihnen der Hamburger Senat aber immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht – mit Flüchtlingsschiffen, geschlossenen Jugendhilfeprojekten und Hotels, die Strandbars vertreiben.                                 

Ohne Lotsen müssen die Schiffe warten

In Hamburg fehlen Lotsen. Dass das zum Problem für die ganze Stadt werden kann, zeigte sich zum ersten Mal vor einem Jahr, als ein Binnenschiff die Süderelbbrücke rammte, weil ein Lotse die Höhe der Brücke falsch eingeschätzt hatte. Der Mann war 75 Jahre alt. Ab Montag soll die Sanierung abgeschlossen und die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der A 1 aufgehoben werden. Doch das Problem bleibt. 277 Lotsen sind derzeit im Einsatz, das bedeutet: schon jetzt 100 Mann zu wenig. In der neuen ZEIT:Hamburg warnt Ben Lodemann von der Lotsenbrüderschaft Elbe im Gespräch mit ZEIT:Hamburg-Chefin Charlotte Parnack, wegen des Lotsenmangels müssten in Zukunft vielleicht sogar Schiffe warten. Und spricht über die Gründe für den Mangel: einmal die lange Ausbildungszeit, aber das viel größere Problem ist für Lodemann, dass die Ausgebildeten die obligatorischen Praxiserfahrungen nicht sammeln können, weil sie keine Anstellung mehr finden. "Nicht einmal Berufsanfänger mit hoch qualifiziertem Studium werden als zweiter oder dritter Steuermann genommen. Selbst auf Schiffen aus Liberia oder Antigua und Barbuda nicht – weil die Deutschen zu teuer sind."

Neuer Investor für den HSV? 

Der Hamburger SV hat angeblich einen dritten Investor. "Bild" und "Hamburger Abendblatt" berichten beide, dass es sich dabei um den ehemaligen Hawesko-Chef Alexander Margaritoff handeln soll. Bereits Ende August soll die Kapitalerhöhung beschlossen und zum 31. Oktober im Handelsregister eingetragen worden sein. Zwei Investoren hat der HSV bereits, den Milliardär Klaus-Michael Kühne (18,75 Millionen Euro für 7,5 Prozent) und Helmut Bohnhorst (4 Millionen Euro für 1,5 Prozent). Die sind dringend nötig, weil der Verein in der Saison 2014/15 nach Informationen des Radiosenders NDR 90,3 schon zum fünften Mal ein Minus erwirtschaftet hat, das letzte Mal sogar im zweistelligen Millionenbereich. Beim HSV selbst wollte sich dazu gestern niemand gegenüber der Elbvertiefung äußern. Eine Gegendarstellung hat der Verein bisher allerdings auch nicht erwirkt.

ESC-Eklat: Eine Runde geht noch ...

Alles zurück auf null: Der NDR überlegt, nun doch wieder das Publikum entscheiden zu lassen, wer im nächsten Jahr zum Eurovision Song Contest nach Stockholm fährt. "Der NDR hat einen Fehler gemacht", sagte der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor gestern. Er selbst habe die Wucht der Reaktionen auf die Nominierung des Sängers Xavier Naidoo, 44, unterschätzt. Doch wer jetzt denkt, damit würde beim NDR Ruhe einkehren, der hat sich geirrt. Denn Herbert Grönemeyer, 59, hat nun offensichtlich die Rolle von Til Schweiger (ist der jetzt im Urlaub oder mit seinem "Tatort" beschäftigt?) übernommen. "Der NDR konnte sich glücklich schätzen, so ein Kaliber wie Xavier für seine Eurovision gewonnen und überredet zu haben", schimpfte Grönemeyer auf seiner Facebook-Seite über die Absage an Naidoo. "Was jetzt auf seinem Rücken für ein absurdes Theater abgefertigt wird, ist unverständlich."

Mittagstisch

Pasta statt Brot

Versteckt zwischen Polizei, Feuerwehr und Wohnhäusern, liegt ein Eckhaus in Altona, in dem es dem Anschein nach vor allem eins gibt: Draußen hängt ein Schild mit der spröden Aufschrift "Ital Brot", drinnen liegen hinter der Theke Panini, Ciabatte und Pagnotte. Doch rechts daneben servieren die Besitzer an zehn niedrigen Bistrotischen zwei täglich wechselnde Gerichte, meistens sind Nudeln dabei, heute gibt es aber zum Beispiel Carne di Manzo, Rindfleisch in Tomatensauce, für 6,50 Euro. Wem das nicht schmeckt, kann sich jeden Tag für ganz klassisch al dente zubereitete Pasta Napoli mit Mozzarella für 5,50 Euro entscheiden. Das gute Brot wird eh zu jedem Gericht gereicht. Das Publikum besteht vor allem aus Nachbarn und Stammkunden. Wie viele davon Ihnen das Leben retten oder Handschellen anlegen könnten, haben wir nicht getestet. Montag bis Freitag 7–16.30 Uhr. Elmenhorststraße 10.

Fannie Reinecke


Was geht

Premiere: Kürzlich hat Regisseurin Jette Steckel den Theaterpreis Der Faust für ihre Inszenierung von "Romeo und Julia" bekommen, heute hat ihr neues Stück Premiere. Für "Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen" hat sie zwei Liebesgeschichten von Ödön von Horváth miteinander verwoben. Doch in ihrer Version trennt sich Karoline von Kasimir, als er seine Arbeit verliert. Liebe in Zeiten des Krisenkapitalismus. Thalia Theater, Alstertor, 20 Uhr. An drei von Ihnen, liebe Leser, konnten wir ja schon jeweils zwei Premierenkarten weitergeben. Ihnen wünschen wir besonders viel Vergnügen.

Ausstellung: In den 1960ern war Sarah Moon Laufstegmodel in London und Paris. Die Legende besagt, dass sie nur für einen ausgefallenen Fotografen einspringen sollte. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Modefotografinnen der Welt, hat Kampagnen für Dior, Issey Miyake und Comme des Garçons kreiert. Mit 350 Fotos und fünf Filmen zeigen die Deichtorhallen die weltweit bisher größte Retrospektive. Heute Abend ist Eröffnung und der Eintritt deshalb frei. Haus der Photographie, Deichtorstraße 1–2, ab 19 Uhr

Spiele: Lust auf einen Spieleabend, aber keiner Ihrer Freunde hat Zeit? Oder Lust auf einen Spieleabend, aber keine Idee außer "Siedler" und "Risiko"? Die Lösung sind chinesische Brettspiele wie "Xiangqi" (die chinesische Schach-Variante), "Weiqi" und das japanische "Shogi". Ausprobieren können Sie die beim Schnupper- und Spieleabend klassisch im chinesischen Teehaus. Yu Garden, Feldbrunnenstraße 67, 19–21 Uhr           

Hamburger Schnack

Zwei Mädchen um die 13 Jahre steigen in den M5-Bus und drängeln. Eine Dame: "Immer mit der Ruhe, eine alte Frau ist doch kein D-Zug!"

Als die Frau außer Hörweite ist, flüstert ein Mädchen: "Weißt du, was ein D-Zug ist?"

Gehört von Hansjürgen Menzel-Prachner

Meine Stadt

»Männer im Strom« © Jens Nommel

Es werde Licht: Heute um 17 Uhr knipst die deutsche Weihnachtsbaumkönigin die 1300 Lichter der Alstertanne an. Es gibt eine deutsche Weihnachtsbaumkönigin? O ja, seit Ende Oktober: die 26-jährige Saskia Blümel aus Moisburg. Gewählt wurde sie für zwei Jahre von einer Expertenjury des Verbandes der Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger. Ganz zufällig hat es die Bankkauffrau aber nicht getroffen. Ihren Eltern gehört eine Baumschule, die im Jahr rund 40 000 Weihnachtsbäume verkauft. Und was macht so eine Weihnachtsbaumkönigin eigentlich den ganzen Tag? Na: siehe oben …

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Haben Sie Fotos, die wir zeigen sollten? Oder – Schnack?

Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

PS: Gestern ist uns ausgerechnet in unserem Stück über die (andere) Elbvertiefung ein Fehler unterlaufen: Laut der Recherche des NDR ist natürlich nicht, wie wir irrtümlich schrieben, die Flussseeschwalbe vom Aussterben bedroht, sondern vielmehr die Lachseeschwalbe, bekannt für ihren höhnisch lachenden Alarmruf, der ihr in diesem Fall leider auch nicht hilft. Wir entschuldigen uns für diese Verwechslung! 

PPS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.