Und dann sagt Dominik Schönemann ihn doch, den peinlichsten Satz regionaler Selbstüberschätzung, vier Wörter nur: "Schönste Stadt der Welt." Hamburg!

Hamburg?

Die Stadt hat ihren Reiz, keine Frage: Den Hafen samt Speicherstadt, baumgesäumte Gründerzeitpracht im Norden, dazu ein Rathaus mit Seeblick – schon schön, aber am schönsten? Gäbe es eine Miss-Wahl der Metropolen, hätte Hamburg dank mitteleuropäischer Randlage ohne Brandenburger Tor oder Meeresbrandung klar Standortnachteile. Nur: Davon wollen ihre Fremdenführer meist nichts hören, geschweige denn sagen. Berufskrankheit, Standesbewusstsein, wer weiß. Das Erstaunliche ist, dass man Dominik Schönemann die lokalpatriotische Phrase trotzdem verzeiht.

Dominik Schönemann, 32 Jahre alt, beige-graues Outfit, ist einer von einigen Hundert Fremdenführern, die in diesem hochkomplexen Ballungsraum unterwegs sind, um ihn für Zugereiste aufs vermeintlich Wesentliche zu verdichten. Und er ist einer der Wenigen, die vor den Gästen nicht nur schwärmen.

Elbtunnel, City, Alster, Kiez, Speicherstadt, Michel

Schönemann, ein Jura-Student, der sich bei seinen Führungen duzen lässt, zeigt die Stadt, wie sie ist, nicht wie Marketingstrategen sie sich ausmalen. Genau wie Daniell, blaue Haare, der mit Fluppe und Astra den Touristen die Schattenseiten St. Paulis zeigt. Zwei junge Männer, die sehr unterschiedlich daherkommen und doch in einer Mission unterwegs sind.

Über sechs Millionen Touristen übernachteten vergangenes Jahr in der Stadt – stiegen sie in einen der Doppeldecker-Busse, bekamen sie oft die immer gleiche Posterwelt präsentiert. Vom Alten Elbtunnel gen City, dann um die Alster zum Kiez, weiter durch die Speicherstadt und zum Michel, fertig.

Und dann betritt dieser unscheinbare Hamburger Jung seine Bühne – und der Sound wird rauer. "Augen rechts!", befiehlt Dominik mit Blick zur Stadthausbrücke. Ein Dutzend Augenpaare auf dem Oberdeck leistet Folge und staunt hörbar angesichts der napoleonischen Pracht. So stellen sich Gäste die Stadt eben vor: kaufmannsstolz, aber nicht protzig. Und immerzu Wasser, überall.

Dominik Schönemann, Stadtführer in Hamburg © Florian Schüppel

Der einfache Weg wäre es nun, das Schwärmen zu befeuern. Dominik aber wählt einen anderen: "Achtung, alles Fassade!", haut er in den Bus der gelben Doppeldecker GmbH. Innen entkernen, außen verputzen, so gehe Denkmalschutz in Hamburg, erklärt er den Gästen.

"Ich darf den Leuten von einer Stadt erzählen, die ich wirklich liebe", das hat Dominik kurz zuvor gesagt, als er seine Besucher vor Landungsbrücke 4 an Bord koberte. Aber sie mache es ihm nicht immer leicht. Warum, das erläutert er jetzt. Wenn man Hamburg unbeirrt die steinerne Identität aus dem Baubestand reiße oder pastellfarben verputze, dann könne er nicht auf eitel Sonnenschein machen, sagt der Barmbeker, der von der Tourismusbehörde als Stadtführer anerkannt wurde, nachdem er einen "Riesenhaufen Broschüren" durchgearbeitet hatte.