Sehr emotional nehmen die als kühl geltenden Hanseaten Abschied von "ihrem" Bundeskanzler Helmut Schmidt. Vor dem Rathaus reihen sie sich am Mittwoch in lange Schlangen ein, um sich ins Kondolenzbuch einzutragen. Viele kommen aber auch zum Haus des im Alter von 96 Jahren gestorbenen SPD-Politikers im Hamburger Norden und legen am Gartenzaun Blumen nieder oder zünden Kerzen an – oft mit Tränen in den Augen.

"Das war ein toller Mann", sagt Barbara Piel unter Schluchzen. Sie hat auf dem Fahrrad-Kindersitz ihren anderthalbjährigen Sohn mitgebracht. Zusammen haben sie einen Teddybären ausgesucht, den sie vor den Zaun des Grundstücks gelegt haben. Die 38-Jährige war ein großer Fan von dem "Hamburger Jung", wie sie Schmidt bezeichnet.

"Ich bin kein Sozi", bekennt ein 76 Jahre alter Nachbar. Aber seine Bewunderung für Schmidt ist ebenfalls groß: "Was er gemacht hat, hatte Hand und Fuß", sagt er. Wie viele andere Langenhorner traf er Helmut Schmidt und seine Frau Loki oft beim Spazierengehen oder beim Einkaufen. "Wir hatten denselben Friseur."

In Langenhorn lebten Arbeiter und Flüchtlinge

Die Biologielehrerin Barbara Paulsen ist vor Beginn des Unterrichts noch schnell gekommen, um einen Strauß roter Rosen niederzulegen. Sie kann sich erinnern, wie die Terroranschläge der RAF Deutschland erschütterten. "Ich habe verfolgt, wie Helmut Schmidt damit umgegangen ist." Er habe viel für unser Land erreicht, meint sie.

Helmut Schmidt hatte aber auch Kritiker und Gegner, wie durch ein Schriftstück in Klarsichthülle am Zaun deutlich wird. Fein säuberlich hat jemand die Dienstränge des ehemaligen Wehrmachtssoldaten aufgelistet und an positive Beurteilungen durch Vorgesetzte in der NS-Zeit erinnert. Daneben ist ein Bild des Uniformierten zu sehen. Niemand nimmt die Zettel weg. Aber es zeigt sich auch niemand davon beeindruckt. "Er ist damals ein ganz junger Mann gewesen", sagt Paulsen. "Das schmälert seine Verdienste nicht."

Ralf Heine erinnert daran, dass Langenhorn nach dem Krieg ein Stadtteil mit Arbeitern und Flüchtlingen war. Der 55-Jährige ist selbst in einer sogenannten Nissenhütte aufgewachsen. Als Schüler brachte er den Schmidts täglich die Zeitung. Zu Weihnachten klingelte er am Haus, um den Weihnachtskalender des Hamburger Abendblatts abzugeben. "Ich habe dann von Loki immer fünf Mark Trinkgeld bekommen", erinnert er sich. Der ehemalige Zeitungsjunge ist heute selbstständiger Spediteur. Er hat sich extra freigenommen, um vor dem Haus der Schmidts einen Brief niederzulegen. "Sie als Mensch, als Langenhorner, werden immer in meinem Herzen bleiben", hat er dem Verstorbenen geschrieben. "Ich verneige mich vor Ihnen."

Die Chinesin Jiayi Li wohnt seit 20 Jahren in Deutschland und radelt täglich auf dem Weg zur Arbeit an dem Haus vorbei. Dass der Altkanzler in einem einfachen Reihenhaus gelebt hat, kann sie gar nicht fassen. "Das ist wirklich sehr unglaublich." Li ist in Peking aufgewachsen, Enkelkinder des Reformers Deng Xiaoping gingen auf ihre Schule. Sie wisse, wie gut die geschützt werden. "Ist das wirklich nur ein Reihenhaus, oder zwei oder drei Häuser?", fragt sie mit Blick auf das Grundstück der Schmidts.