"Krieg der Armen" steht auf dem Smartphone-Display des Manns aus Italien, der auf den Einlass in das Winternotprogramm für Obdachlose im Hamburger Münzviertel wartet. Eine Übersetzungsapp hat die Worte ausgespuckt. Das Gedränge hinter dem Bauzaun in der Münzstraße nahe des Hauptbahnhofs schüchtert ihn ein. Etwa 100 Obdachlose warten mit ihm darauf, in die Wohncontainer gelassen zu werden, die in drei Etagen auf dem Gelände der ehemaligen Gehörlosenschule aufeinander gestapelt wurden.

Die Stimmung ist gereizt. Hamza Senaoui ist mit seiner Frau Vincenza zum Arbeiten von Sizilien nach Hamburg gekommen. Eine Wohnung haben sie noch nicht gefunden, also wollen sie im gerade eröffneten Winternotprogramm der Stadt Unterschlupf finden. "Wir haben Angst", sagt Vincenza und meint die aggressiven Betrunkenen, die am Bauzaun rütteln.

Die Menge beruhigt sich erst wieder, als klar ist, dass jeder von ihnen hier in der Nacht einen Schlafplatz bekommen wird. Dieses Versprechen hat die Stadt in den vergangenen Wintern immer eingehalten: Niemand wird abgewiesen. Egal wie alt. Egal woher. In diesem Jahr stellt die Sozialbehörde 890 zusätzliche Notunterkunftsplätze zur Verfügung. So viele wie nie – und mehr als in allen anderen Städten. Sie befinden sich im Münzviertel und in einem ehemaligen Verlagsgebäude in der Nähe des Michels, sowie in einzelnen Containern bei Kirchengemeinden in der ganzen Stadt.

Auch Wanderarbeiter nutzen das Winternotprogramm

Das beeindruckt sogar Dirk Hauer, Leiter des Fachbereichs Existenzsicherung bei der Hamburger Diakonie. Und das, obwohl er zu den profiliertesten Kritikern der Hamburger Sozialpolitik gehört. "Wir haben bislang immer beklagt, dass die Stadt zu spät und viel zu unzureichend reagiert", sagt er. "Das tut sie dieses Mal nicht." Beim Winternotprogramm gebe es in diesem Jahr "relativ wenig zu meckern".

Warum aber muss es überhaupt in jedem Jahr mehr Plätze im Winternotprogramm geben? Sozialverbände gehen von einer drastisch gestiegenen Zahl Obdachloser aus. Wurden 2009 noch 1.029 obdachlose Hamburger gezählt, sollen es nun 2.000 sein. Eine Schätzung, denn genaue Zahlen gibt es nicht. Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde, hat noch eine andere Erklärung. "Es nutzen immer mehr Menschen das Winternotprogramm, die den Sommer über in prekären Wohnverhältnissen leben", sagt er. Damit meint er Wanderarbeiter aus anderen europäischen Ländern, die in der warmen Jahreszeit in völlig überbelegten Bruchbuden, in Zelten oder Hütten leben.

400 Obdachlose bringt die Behörde allein im Münzviertel unter – nur etwa drei mal so viele Menschen wohnen hier regulär. "Das Verhältnis ist natürlich extrem", sagt Günter Westphal. Der Künstler ist Mitglied in der dortigen Stadtteilinitiative und hat sein Atelier 100 Meter neben den Wohncontainern. Im Viertel sind sie es gewohnt, Obdachlose in der Nachbarschaft zu haben. "Die gehören bei uns zum Quartier", sagt Westphal. Man sei solidarisch.

Gleich um die Ecke ist eine Tagesaufenthaltsstätte für Obdachlose und das Winternotprogramm war auch schon einmal in der Nähe, damals noch mit 240 Plätzen. Auch der Drogenkonsumraum Drob Inn ist in Sichtweite. "Wir sind ein Viertel, das sehr viele gesamtstädtische Aufgaben übernimmt", sagt der Künstler Westphal. Die Bevölkerung hilft an vielen Stellen aus, kritisiert aber auch häufig den Senat.

Der aktuelle Vorwurf lautet, er betreibe eine "kopflose und nicht nachhaltige Feuerwehrpolitik": Er habe ohne Beteiligung der Anwohner einfach die Container für die Obdachlosen ins Viertel gestellt. Wäre es nicht sinnvoll, die Obdachlosen in kleineren Unterkünften in der Stadt zu verteilen? "Wenn man mehr Flächen und Sozialarbeiter hätte, könnte man das machen", sagt Marcel Schweitzer. An beidem mangele es derzeit aber.