Das Schlimmste, sagt Elke Meier, seien die Trauerkerzen. Es fühle sich falsch an, Kerzen anzuzünden für Menschen, die vielleicht gar nicht tot sind. Menschen, die auch einfach nur ganz weit weg sein könnten. Untergetaucht vielleicht, entführt oder schlicht im Urlaub. Wer weiß das schon. Aber tot? "Das kann man doch mit solchen Kerzen nicht einfach behaupten, wenn es gar nicht feststeht", sagt Meier.

Seit einigen Wochen stehen die Kerzen vor dem Haus, in dem einst Familie Schulze wohnte. Angehörige haben sie aufgestellt, dazu ein Foto: Mutter Sylvia, Tochter Miriam, und oben rechts im Rahmen steckt ein Passbild von Vater Marco. Im Sommer ist Familie Schulze verschwunden. Die Geschichte machte bundesweit Schlagzeilen. 25 Ermittler waren in einer Sonderkommission für die Suche nach den Schulzes abgestellt. Heute besteht die Soko noch aus einem Polizisten, der sich um Hinweise kümmert, falls denn welche kommen.

Für die Öffentlichkeit scheint der Fall abgehakt. Für die Menschen, die in dem Dorf leben, ist er das nicht. Sie wohnen dort, wo eine Lücke klafft. Wo etwas geschehen ist, das niemand erklären kann. Sie müssen lernen, mit dem Verlust umzugehen – und mit der Unsicherheit, die bleibt.

Elke Meier und ihr Mann Ralf wohnen mit ihrer Tochter ganz in der Nähe des verlassenen Hauses der Schulzes. Die Meiers heißen eigentlich anders. Aber aus Sorge vor Hobbyermittlern, die inzwischen mit kruden Theorien im Dorf herumirren und die Schulzes suchen, wollen sie ihren echten Namen nicht in den Medien lesen. Sprechen wollen sie trotzdem. Zum ersten Mal reden sie mit einem Journalisten, um abzuschließen, wie sie es sagen. Um einmal alles loszuwerden.

Ihrer elfjährigen Tochter gehe es schlecht, erzählt das Ehepaar. Sie war die beste Freundin von Miriam Schulze, die beiden seien wie seelenverwandt gewesen. Seit Miriam weg ist, weine ihre Tochter viel, sie brauche eine Therapie. Auch die Erwachsenen lässt die Sache nicht los. Jedes Mal, wenn sie vor die Tür treten, schauen sie auf das Haus. Sie sehen die zugezogenen Vorhänge, die Siegel der Polizei an der Tür, die Trauerkerzen. Und jedes Mal, sagt Elke Meier, versetze es ihr einen Stich. "Alles ist dann wieder da", sagt sie.

Ende Juli verschwanden die Schulzes von einem Tag auf den anderen. Es gab keine Anzeichen, die Familie schien intakt, das sagen auch die Meiers. Und bis heute gibt es kaum Spuren. Mutter und Tochter sind immer noch verschwunden. Nur Marco Schulze, der Vater, wurde gefunden. Eine Woche nach der Vermisstenmeldung schwamm seine Leiche in der Elbe. Schulze hatte einen 25 Kilogramm schweren Betonklotz umgebunden, doch die Faulgase trieben seinen Körper an die Wasseroberfläche.

Im Juli und August kamen Fernsehteams und Reporter aus der gesamten Republik nach Drage, einem Dorf mit 4.200 Einwohnern in Niedersachsen. Hundertschaften der Polizei durchsuchten das Deichgebiet, Hubschrauber flogen über die Felder.