Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

wetten, dass ich Ihre guten Vorsätze für das nächste Jahr weiß? Mehr Sport, weniger Stress, gesündere Ernährung, mehr Zeit für die Familie – vielleicht noch Abnehmen, Tabak- oder Alkoholverzicht, Fernseh- und Handy-Entzug, stimmt’s? Woher ich das weiß? Einer Forsa-Umfrage zufolge wiederholt sich diese Hitliste jedes Jahr aufs Neue. Weil, Sie haben völlig recht, es kaum jemand schafft, diese hehren Ziele auf Dauer zu verwirklichen. Denken Sie nur an all die neuen Läufer, die Sie im Januar wieder in den Hamburger Parks treffen werden – und nur im Januar. Bemerkenswert ist allerdings, wessen Rat wir bei der Auswahl unserer guten Vorsätze am meisten schätzen: Auch die Hamburger hören da lieber auf den Arzt als auf ihren Partner. Lesen Sie dazu unsere vierte Meldung...

Taylers Tod: Viele Fragen, kaum Antworten

Nach dem Tod des einjährigen Tayler sind noch viele Fragen offen. Wie berichtet, vermutet die Polizei, dass das Kind starb, weil es zuvor stark geschüttelt wurde. Die Obduktionsergebnisse lagen gestern noch nicht öffentlich vor. Oberstaatsanwalt Carsten Rinio zufolge laufen Ermittlungen gegen die 22-jährige Mutter des Kindes und ihren 26 Jahre alten Lebensgefährten. Der Mann – er ist nicht Taylers leiblicher Vater – reiste laut Staatsanwaltschaft zwei Tage nach dem Tod des Jungen nach Spanien. Das scheinen alle Beteiligten für in Ordnung zu halten. Die Reise sei schon länger geplant, der Mann kehre Anfang 2016 zurück, sagt Rinio. Die Familie, in der Tayler lebte, stand bereits länger unter Aufsicht des Jugendamts. Im August war bei dem Kind ein Schlüsselbeinbruch festgestellt worden, es kam in eine Pflegefamilie. Medienberichten zufolge hatte die Mutter erklärt, sie sei mit dem Baby vom Trampolin gefallen. Im Oktober kam das Kind zurück zur Familie, am 12. Dezember wurde Tayler ins Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) eingeliefert. Vorher soll eine Sozialarbeiterin blaue Flecken bei dem Jungen festgestellt, aber keine anderen Stellen informiert haben.

Taylers tragischer Tod entfacht nun eine politische Debatte: FDP und CDU wollen die Rückgabe von Kindern aus Pflegefamilien an die leiblichen Eltern überprüfen. Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) forderte Aufklärung und verwies auf die bestehenden Vorgaben: Bei Verletzungen müsse ein unter Aufsicht stehendes Kind beim Kinderkompetenzzentrum des UKE vorgestellt werden. Am Montag hatte sie angedeutet, es gebe beim Fall Tayler Parallelen zu früheren Fällen.

Wohnungsbau-Express

Anfang Oktober beschloss der Senat den Bau von 5600 sogenannten "Expresswohnungen" für Flüchtlinge bis Ende 2016. Jetzt scheint fraglich, ob das klappen wird. Eine Umfrage des "Hamburger Abendblatts" in den sieben Bezirken ergab: "Nirgendwo sind die Vorbereitungen für die Wohnungsbauprojekte so weit gediehen, dass in einem Jahr eine große Zahl an Flüchtlingen dort einziehen kann." Bisher fehlten Baugenehmigungen, und Bürgerinitiativen lehnten die Großsiedlungen ab." Dass wir das nicht schaffen, ist Blödsinn", sagt Dirk Kienscherf (SPD), Fachsprecher für Stadtentwicklung. Natürlich sei das Projekt ambitioniert – aber realisierbar. Zuerst habe der Senat die Finanzierung sichergestellt. Nun könnten Grundstücke besorgt werden. Die Baugenehmigungen kämen im ersten Quartal 2016. Und  Bürgerinitiativen müssten die Konsequenzen bedenken: "Wenn wir keine Wohnungen für Flüchtlinge bauen, sind irgendwann alle Turnhallen voll. Dann wird kein Kind mehr Sportunterricht haben – und es beschweren sich dieselben Leute, die jetzt gegen unsere Pläne wettern." Die CDU behauptet unterdessen, die zugrunde liegenden Zahlen stimmten nicht. Die SPD hatte von einem Bedarf für rund 80.000 Flüchtlinge gesprochen. CDU-Fraktionsvize Karin Prien sagte zum "Abendblatt", dabei seien "Rückführungen" ebenso wenig berücksichtigt wie die beabsichtigte Reduzierung der Zuwanderung. Prognosen seien bisher stets falsch gewesen, erwidert SPD-Mitglied Kienscherf. Und egal, wie viele Flüchtlinge kämen, es stelle sich immer wieder die Frage: "Wo sollen die Menschen denn hin?".

Gefahr für den Schierlingswasser-Fenchel 

Sie wissen es: Die geplante neue Elbvertiefung (die andere) ist seit Jahren ein Streitthema. Hafenbehörde, Hamburger Senat und Unternehmen wollen die Vertiefung – Umweltschützer warnen vor den Folgen für die Natur. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht im Herbst die Pläne zur Elbvertiefung kritisiert hatte, ergänzten Stadt und Bund die beanstandeten Punkte. Bis zum 23. Dezember haben die Umweltverbände noch Zeit, Einwände vorzubringen. "Die Frist war extrem knapp bemessen", kritisiert Beatrice Claus vom WWF. Dieser und die Mitstreiter des Aktionsbündnisses Lebendige Tiedeelbe von BUND und NABU kamen zu dem Schluss, die neuen Unterlagen gäben "wenige neue Antworten auf die vom Gericht aufgetragenen Hausaufgaben". So werde von den Planungsbehörden einfach abgestritten, dass die geplante Elbvertiefung eine Verschlechterung im Sinne des Wasserrechts darstelle und zum Beispiel Wasserstand und Strömungsgeschwindigkeit beeinflusse. Diese "Bagatellisierung" sei "nicht nachvollziehbar". Verkannt würde auch, dass die Ausbaggerei die Lebensbedingungen für geschützte Fischarten wie etwa die Finte beeinträchtige. Die weltweit nur noch an der Tideelbe vorkommende Pflanze Schierlingswasser-Fenchel sei ebenfalls in Gefahr: "Noch 2014 ging Hamburg gegenüber der EU-Kommission davon aus, dass neuer Lebensraum für mehr als 2300 Exemplare der vom Aussterben bedrohten Pflanze geschaffen wird. Nach den neuen Planunterlagen sind es jetzt nur noch 200." Die Umweltverbände kommen zu dem Ergebnis, die meisten angemahnten Maßnahmen zum Erhalt der Natur müssten auch unabhängig von der Elbvertiefung umgesetzt werden: Es sei höchste Zeit, den Zustand des Flusses zu verbessern.  

Stille Nacht, traurige Nacht

Weihnachten, Fest der Familie? Von wegen: Weihnachten, Zeit der Streits, Krisen und Trennungen. Das beobachtet die Hamburger Paartherapeutin Eva Seimer jedes Jahr aufs Neue. Nach dem Fest bitten besonders viele Paare bei ihr um einen Termin. "Weihnachten sind die Gefühle viel greifbarer als im Büroalltag", erklärt sie. Fast jeder verbinde das Fest mit tiefen Emotionen. "Entweder wird es dadurch besonders schön oder besonders kriselig", sagt Seimer. Könne einer der Partner den viel zu hohen Erwartungen nicht genügen, heiße es oft: "Siehste, mit dir klappt das nicht." Nach Erfahrung von Paartherapeut Enno Heyken trennen sich Paare nach Weihnachten häufig, weil sie das Fest völlig überfrachtet haben. "Zu viele Gäste, zu viele Reisen, zu viele Geschenke", sagt der Hamburger. Er rät, an Weihnachten lieber mal zu sich selbst zu kommen, Zeit zu zweit einzuplanen. "Das bereichert eine Beziehung mehr, als das große Glück unterm Tannenbaum zu suchen." Sagen Sie das ruhig Ihren Nachbarn, wenn Sie sie dieses Jahr brüllen hören.

Mittagstisch

Bistro Bella Italia

Schon beim ersten Bissen in die Focaccia mit Strauchtomaten und grobem Salz fühlt man sich in eine Trattoria in Ligurien versetzt. Auch die auf den Punkt al dente gekochten Nudeln, knackige Salate mit cremigem Balsamico und das Tiramisu bringen die Geschmackssinne auf Hochtouren. Dass nur italienisch gesprochen wird, unterstützt die Reise im Kopf in unser liebstes Urlaubsland. Wer im Caffè I Vigneri Alimentari einen normalen "Kaffee" bestellt, bekommt natürlich einen kleinen, starken Espresso serviert. All das zu fairen Preisen: Einen Teller Nudeln gibt es ab 8 Euro, der "Kaffee" kostet keine 2 Euro. Caffè I Vigneri Alimentari, Kleine Johannisstraße 17, 20457 Hamburg.

Angela Broer und Steffi Wilde

Was geht

Cool auf Platt: Hip-Hop lebt, Plattdeutsch erst recht. De fofftig Pens, eine Bremer Band mit drei jungschen Nordlichtern, starteten 2003 mit "P.I.M.P.". Sie liehen dem 50-Cent-Hit nicht nur die Sprache ihrer Großeltern, sondern sich selbst auch gleich den Namen des Gangsters. Op Platt, klar. Seitdem rappen die Bremer erfolgreich gegen das Aussterben der Minderheitensprache an. Heute auch: Molotow, Nobistor 14, 20 Uhr

Made in Germany: Spätestens seit 1942 gehörten Zwangsarbeiter zum Alltag im nationalsozialistischen Deutschland. Den über 20 Millionen geknechteten Männern, Frauen und Kindern aus ganz Europa widmet das Museum der Arbeit jetzt eine Ausstellung: "Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg". Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, ab 10 Uhr

Kunst gegen Bares: Heute haben sieben Bühnenkünstler je sieben Minuten Zeit, um euch von sich zu überzeugen. Dabei sind Talente aus Theater, Musik, Varieté, Literatur, Pantomime oder Stand-up. Am Ende des Abends spendet ihr nach persönlichem Ermessen – der Kandidat mit den meisten Groschen wird zum Kapitalistenschwein gekürt. Seid großzügig, es weihnachtet sehr. Haus 73, Schulterblatt 73, 20 Uhr

Hamburger Schnack

Meine Zweijährige heute beim Frühstück:

"Mama, der Tisch ist kaputt." Ich: "Wieso, der ist doch heil?!" Sie: "Der ist kaputt. Weil ich ihn reparieren möchte." Ich: "Ach so. Was brauchst du denn dafür?" Sie: "Ein Paket!" Ich: "Und was ist da drin?" Sie: "Na ein neuer Tisch."

Gehört von Anna Heidelberg-Stein

Meine Stadt

»Plötzlich war sie vor meiner Linse – quasi eine achtbeinige Photobomb!« © dancsiki via Instagram

Zum Schluss kommen wir noch mal auf Weihnachten zu sprechen. Manche Menschen empfinden das Fest der Liebe heutzutage als viel zu modern und "schrill". Was uns allerdings überrascht, ist, dass dazu ausgerechnet auch Glitzer-Fee Olivia Jones gehört. Die Dragqueen flieht dieses Jahr vor dem Fest in eine Strandvilla nach Vietnam. Um dann, wenn alles vorbei ist, zurückzukommen und das ganze Jahr durch ihre Heimat zu staksen, schillernd und leuchtend wie ein – genau: wie ein Weihnachtsbaum...

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Haben Sie tollen Schnack oder Fotos, oder wissen Sie, was man mit unbotmäßigen Meteorologen tut?

Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen! 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.