Anfang Dezember am Hamburger Hauptbahnhof, noch immer kommen täglich Hunderte Flüchtlinge. Ehrenamtliche nehmen sie in Empfang. Beim Koordinierungspunkt liegen Zettel mit Informationen für die Migranten aus, auf Arabisch. Helfer, die diese Sprache beherrschen, sind jetzt nützlich und gefragt. Als sich aber im Herbst ein junger Mann bei Refugees Welcome Karoviertel meldete, wurde die Initiative aber stutzig. "Er bot uns auf unserer Facebook-Seite seine Unterstützung an", erzählt Christian Vogt, der Soziologie-Student übersetzt Formulare und hilft bei Behördengängen. Andere Helfer hätten darauf hingewiesen, dass ihnen genau diese Person schon einmal aufgefallen sei – im  Zusammenhang mit salafistischen Werbeaktionen vor einer Flüchtlingsunterkunft.

Im September hatten laut Hamburger Verfassungsschutz Mitglieder der verbotenen Organisation Hizb ut-Tahrir Kontakt zu Flüchtlingen gesucht. Vor den damals noch als Notunterkunft genutzten Messehallen verteilten sie Korane und Flyer. Auch Salafistinnen sollen sich vor Hamburger Asylunterkünften schon an der Anwerbung weiblicher Flüchtlinge versucht haben. 

Doch sind das bislang wohl noch Einzelfälle. Von einer gezielten Kampagne wollen die Sicherheitsbehörden jedenfalls nicht sprechen, gleichwohl: Nicht nur in Hamburg, sondern von Bayern bis Nordrhein-Westfalen starteten die Salafisten ähnliche Aktionen. Meldungen, die Gruppen würden Flüchtlinge massiv anwerben, nährten Gerüchte und boten vermeintlichen Asylkritikern ideologisches Futter. Kommen mit den Flüchtlingen Islamisten ins Land? Bilden sich hier neue Bündnisse, die Deutschlands Sicherheit bedrohen?

Jung, traumatisiert, gefährdet

André Taubert seufzt bei dieser Frage müde. Der Pädagoge leitet die Hamburger Beratungsstelle für "religiös begründete Radikalisierung", das Legato. Sein Team hilft unter anderem Eltern, die fürchten, ihre Kinder könnten heimlich nach Syrien abhauen, um dort für den "Islamischen Staat" (IS) zu kämpfen. "Es macht mir Sorgen, wenn Artikel erscheinen, die immer wieder dieses 'Anwerben' thematisieren", sagt er. "Das verkürzt die Problematik auf AfD-Niveau."

Grundsätzlich, das betont Taubert immer wieder, sei der Einstieg in die Szene komplex und die Anwerbungen oft ineffizient. Gefährdet sieht er allerdings eine Gruppe von Flüchtlingen: minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge. "Die kommen hier an, sind verunsichert, stecken in einer Krise."

Mindestens 20.000 Flüchtlinge werden dauerhaft in Hamburg bleiben, rund 1.600 sind minderjährig und allein hier. Die meisten Familien und Erwachsenen werden in Einrichtungen von Fördern und Wohnen betreut, für die Minderjährigen ist vor allem der Landesbetrieb Erziehung und Beratungzuständig. Von gezielten Anwerbeversuchen vor den Unterkünften sei nichts bekannt, teilt die Sozialbehörde mit. "Wir reagieren präventiv durch aufklärende Gespräche, im Falle von einer erkennbar umschwenkenden Haltung eines Jugendlichen mit direkter Ansprache und Unterstützung von spezialisierten Fachleuten." 

Ähnliche Auskunft gibt das Unternehmen Fördern und Wohnen, das für die Stadt die Unterbringung organisiert. Nur hin und wieder würden Flüchtlinge Flyer der Salafisten mitbringen, sagt Sprecherin Susanne Schwendtke. Um in solchen Situationen aufklären zu können, seien die Mitarbeiter jedoch erst kürzlich extra geschult worden.

Nachdem der Senat vergangenes Jahr ein Programm zur Prävention und Deradikalisierung auf den Weg brachte, hat sich in Hamburg ein weitverzweigtes Netzwerk gebildet. Mit dabei ist neben den Behörden unter anderem der Schura-Rat. Zu ihm gehört die Al-Nour-Moschee im Stadtteil St. Georg. Die Gemeinde hilft ebenfalls den Flüchtlingen. Viele der Migranten stünden nach ihren Erfahrungen Religionsgemeinschaften skeptisch gegenüber, sagt Pressesprecher Daniel Abdin, der auch Mitglied im Schura-Vorstand ist. "Wir wollen ihnen zeigen: Wir sind Hamburger Muslime, wir sind tolerant und liberal." Seelsorger kümmerten sich um die Flüchtlinge, in der Moschee, aber auch in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Zudem tausche man sich mit der Sozialbehörde und dem Legato aus. "Wir dürfen den Extremisten keinen Millimeter Platz lassen."