Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

in genau einem Jahr, am 11. Januar 2017, soll das NDR Sinfonieorchester das Eröffnungskonzert in der Elbphilharmonie geben. Nicht nur für einen kleinen Kreis von Connaisseuren. "Bei den Eröffnungskonzerten wollen wir neben den geladenen Gästen auch möglichst vielen Hamburgern und Gästen aus dem In- und Ausland die Möglichkeit geben, das Konzerthaus kennenzulernen", so Kultursenatorin Barbara Kisseler.

Wir gehen jetzt mal, ungeachtet all dessen, was der Elbphilharmonie bisher völlig überraschend und unvorhersehbar zustieß, davon aus, dass es auch wirklich klappt mit der Eröffnung (und falls es regnet, kann man ja neben dem Gebäude immer noch ein Zirkuszelt errichten). Hamburg wird Berlin mit seinem Nieflughafen also eine riesige Nase drehen.

Nur ein paar passende Lieder wären gut: zum Beispiel Schuberts Sinfonie in h-Moll (weil unvollendet). Auch nett: "Tausend Mal berührt" (fürchterlicher Ohrwurm, aber schließlich ist tausend Mal nichts passiert). Oder irgendein Stück der ansonsten vergessenen Popband "Glashaus".  

Haben Sie auch Ideen, was das NDR Sinfonieorchester zur Eröffnung spielen sollte? Schreiben Sie anelbvertiefung@zeit.de.

Die Ruhe nach der Silversternacht

Innensenator Michael Neumann und Polizeipräsident Ralf Martin Meyer liefen in der Nacht zum Sonntag gemeinsam zwischen Leuchtreklamen und Partygängern über die Große Freiheit – dass Politiker und Amtsträger Präsenz zeigen, gehört klassischerweise zu den Konsequenzen einer Erschütterung, wie es die sexuellen Übergriffe auf Frauen samt Raub und Diebstählen in der Silvesternacht waren. Am ersten Wochenende nach Bekanntwerden der Vorfälle sollte die Polizei den Kiez sicherer machen: Um die 120 Beamte, Videokameras und Reiterstaffeln waren in jeder Nacht im Einsatz, 472 Menschen wurden überprüft – insgesamt blieb es ruhig, teilte die Polizei am Sonntag mit. "Die einzige Tat, die an organisierten Diebstahl in Verbindung mit sexualisierten Übergriffen erinnert, war die Belästigung einer Frau durch mehrere junge Männer am Jungfernstieg", so Sprecher Jörg Schröder. Die Polizei könne Einsätze wie den am Wochenende weiter durchführen. "Die endgültige Entscheidung darüber wird aber erst in der kommenden Woche getroffen", sagt Schröder. Derweil stieg die Zahl der Strafanzeigen von Frauen im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Silvesternacht auf 133.

Ist jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger? 

Die öffentliche Diskussion darüber, ob und auf welchem Weg Übergriffe wie in der Silvesternacht in Zukunft verhindert werden können, geht weiter. Und auch der Streit darüber, welche Äußerungen dazu an moralische Grenzen rühren. Michael Gwosdz, stellvertretender Vorsitzender der Grünen in Hamburg, schrieb in einer Direktnachricht auf Facebook: "Als Mann weiß ich: Jeder noch so gut erzogene und tolerante Mann ist ein potenzieller Vergewaltiger. Auch ich." Die Nachricht ging an eine Nutzerin, die Claudia Roths Äußerungen zu sexualisierter Gewalt kritisiert hatte. Worte mit Skandalpotenzial? Das "Hamburger Abendblatt" berichtete, Bürger hätten Strafanzeige wegen Beleidigung erstattet. Die Hamburger Grünen hingegen sprachen in einem Tweet von "viel Hysterie" wegen einer alten These. Neu ist der Satz tatsächlich nicht, er wird seit Jahrzehnten – und dabei häufig unbeachtet – im Diskurs um sexualisierte Gewalt genutzt. Gwosdz entschuldigte sich am Wochenende trotzdem auf Facebook für seine Äußerung "Es tut mir leid, wenn meine Aussage den Eindruck erweckt, ich wolle die schlimmen Gewalterfahrungen der Frauen in der Silvesternacht bagatellisieren." Auch tue es ihm leid, "wenn Männer sich durch meine Aussage persönlich angegriffen fühlen". Er habe nur deutlich machen wollen, "dass sexualisierte Gewalt und Grenzüberschreitungen traurige Realität sind – mit Tätern aus allen gesellschaftlichen Schichten und jeglicher Nationalität". Auf seiner Facebook-Seite gehen die Diskussionen derweil weiter, von Beschimpfungen bis zu Sympathiebekundungen ist alles dabei. Gwosdz war in der politischen Öffentlichkeit bisher kaum bekannt. Das hat sich für den Moment geändert.

Arbeitgeber zahlen zu wenig

Sie haben vielleicht auch schon nachgerechnet, wie viel Geld mehr Sie seit Anfang des Jahres für Ihre Krankenversicherung zahlen müssen: Die meisten der 123 gesetzlichen Krankenkassen haben ihre Beiträge erhöht. Im Schnitt steigen sie um 0,2 Prozentpunkte; im Mittel betragen die Sätze jetzt 15,7 Prozent vom Bruttoeinkommen: Aufs Jahr gerechnet, summieren sich die Extra-Belastungen pro Versicherten auf bis zu 305 Euro. Aber wird das auch fair verteilt? Eine Bundesratsinitiative von Hamburg und Rheinland-Pfalz will erreichen, dass sich Arbeitgeber zur Hälfte an den Krankenkassenbeiträgen beteiligen müssen. Deren Beitrag ist derzeit bei 7,3 Prozent festgeschrieben; die neuen Erhöhungen tragen die Arbeitnehmer alleine. "Wir reden hier nicht über Lappalien, schon gar nicht im Hinblick auf die weitere Entwicklung", sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks dem "Hamburger Abendblatt". Die Beschäftigten könnten die Folgen einer alternden Gesellschaft "nicht alleine schultern". Streit ist programmiert: Bei den Bundesparteien fordern neben der SPD auch Grüne und Linkspartei die stärkere Beteiligung der Arbeitgeber, die CDU bevorzugt aber das aktuelle Modell. Eine Bühne von großer Lebendigkeit Es war das erste Theater in Hamburg, das nach dem Zweiten Weltkrieg wiedereröffnet wurde: Die Kammerspiele feierten am 10. Dezember 1945 ihre Premiere mit dem Stück "Leuchtfeuer". Am Wochenende gedachte das Theater des 70. Jubiläums mit einer Matinee. Uns fasziniert besonders die Frau, die den Neuanfang nach Kriegsende möglich machte: die jüdische Schauspielerin, Regisseurin und Intendantin Ida Ehre, die ein Berufsverbot und einen Aufenthalt im Frauenlager Fuhlsbüttel hinter sich hatte. Unter ihrer Leitung wurde künstlerisch nachgeholt, was die Nazis verboten hatten: 1947 war die Uraufführung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" zu sehen, Ehre stellte dem Publikum aber auch Stücke von Sartre und Giraudoux vor und schuf eine Bühne von großer Lebendigkeit. "Wir waren hungrig, und unsere Herzen waren heiß", sagte Ehre, die die Kammerspiele bis zu ihrem Todesjahr 1989 führte. Den Reiz des Theaters beschrieb sie einmal so: "Redet nicht – sprecht miteinander; seht nicht – schaut."

Bleibtreu wird sich untreu

Jahrelang gab sich Moritz Bleibtreu, wenn er in Interviews für einen neuen Film warb, politikverdrossen. In der Gala 2013 anlässlich der Komödie "Vijay und ich" erklärte er zum Beispiel: "Ich war noch nie wählen!" Der Grund für die Enthaltsamkeit nach eigener Aussage: "Ich kann ja nicht sagen, ich gebe meine Stimme etwas, das ich zwar scheiße finde, aber besser als etwas, was ich noch mehr scheiße finde." Kann man so sehen. Sollte man aber vielleicht nicht. Demokratie funktioniert nicht, wenn keiner hingeht. Eine Erkenntnis, die jetzt auch Bleibtreu erreicht hat. Im aktuellen Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (Anlass: die Martin-Suter-Verfilmung "Die dunkle Seite des Mondes") deutete er an: "Wenn radikalere Kräfte sich in Deutschland über die Zehnprozentmarke mauscheln sollten, dann werde auch ich mich an die Urne stellen, um dagegenzuhalten." Wir gratulieren zur politischen Erweckung. Oder gar zur Persönlichkeitsveränderung? Darum, und um gefährliche Pilze, geht es nämlich in "Die dunkle Seite des Mondes". 

Mittagstisch

Seligmachendes aus dem Morgenland

Feinste libanesische Küche, wo man sie erst einmal nicht erwartet: Im schmucken Othmarschen, in dem traditionell eher die bürgerliche Küche zu Hause ist, verführt Mark Riad Lambert im Hala seine Gäste auch mittags mit den edlen Aromen des Morgenlandes. Wenn sich Herren mit randloser Brille über die hausgemachten Merguez mit Pinienkernen, Rucola-Walnuss-Salat und Thymian-Kartoffeln hermachen und Damen sich dem delikaten Doradenfilet auf Hummer-Estragon-Soße widmen, muss was dran sein an den Künsten Lamberts, der früher im Saliba kochte. Besonders Hungrige bestellen das dreigängige Mittagsmenü (14,90 Euro). Vegetariern stehen neben verschiedenen Vorspeisen drei Hauptgerichte zur Auswahl. Das unangefochtene Signature Dish aber ist der neunteilige Mezze-Teller (11,50 Euro). Wer darf, trinkt dazu einen kräftigen Rotwein aus dem Libanon. Seliger wird man an einem normalen Werktag nach der Mittagspause nicht an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Hauptgerichte zwischen 8,90 Euro und 10,90 Euro. Beselerplatz 11, 12–15 Uhr.

Maren Preiß

Was geht

Kino: In der vergangenen Nacht wurden die Golden Globes verliehen – gleich in zwei Kategorien nominiert war die schwedische Schauspielerin Alicia Vikander (27). (Ob sie auch ausgezeichnet wurde? Wir hoffen es!) Wer das großartige Spiel des Nachwuchsstars erleben will, dem empfehlen wir Vikanders Auftritt in dem Melodram "The Danish Girl". Originalfassung mit deutschen Untertiteln im Abaton, Allende-Platz 3, 20 Uhr

Handarbeit: Einen Knopf annähen können Sie zwar – wollen aber eigentlich am liebsten ein Abendkleid entwerfen? Nähanfänger mit Vorkenntnissen und Fortgeschrittene bekommen beim Kurs "Noch mehr Stiche" Tipps und Tricks verraten. Mitbringen müssen Sie Stoff, Nähgarn, Utensilien und – wenn bereits vorhanden – einen Schnitt. (Nein, nicht einen, der blutet. Aber wenn Sie das dachten, sollten Sie lieber doch nicht hingehen ...) Evangelische Familien-Bildungsstätte, Loogeplatz 14, 17.30 Uhr

Lachen: Von Politikern gefürchtet, vom Publikum geliebt: Jetzt lesen die "heute-show"-Humoristen Oliver Welke und Dietmar Wischmeyer aus einem Buch, in dem es unter anderem um Erderwärmung und Milchaufschäumer geht – und das nie erscheinen wird. Wieso nicht? Schmidts Tivoli, Spielbudenplatz 27, 20 Uhr

Was kommt

Sinnsuche für Kleine: Wer bin ich? Was macht mich glücklich? Große Fragen beschäftigen nicht nur Erwachsene. Die Reihe "Gedankenflieger" will Kindern Anregungen zum kreativen Mitdenken geben. In diesem Jahr beginnt die Reihe mit der Veranstaltung "Die Gedanken sind frei: Wozu Ideen gut sind". Miriam Holzapfel philosophiert für alle ab sechs Jahren mit dem Buch "Ich bin Henry Fink" von Alexis Deacon und Viviane Schwarz. Mittwoch, Literaturhaus, Schwanenwik 38, 14.30 Uhr

Islam in Europa – wie geht das? Der Islam steht gerade ganz besonders im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Aber schon seit 500 Jahren leben Muslime in Bosnien und Herzegowina – und zeichnen sich durch eine hohe Toleranz gegenüber Andersgläubigen aus. Könnte das ein Modell sein für einen europäischen Islam? Darüber diskutieren unter anderem Fikret Karcic, Präsident der islamischen Gemeinschaft von Bosnien und Herzegowina, und Abu Ahmed Yakobi, Dialogbeauftragter des Rats Islamischer Gemeinschaften in Hamburg. Eine Veranstaltung der Katholischen Akademie, des Zentrums für Mission und Ökumene und der Konrad-Adenauer-Stiftung. Donnerstag, Katholische Akademie, Herrengraben 4, 19 Uhr

Letzte Chance: Wer seine Wohnung noch mit einem anspruchsvollen, aber erschwinglichen Kunstwerk verschönern will: Beim Hamburger Kunstsupermarkt stellen Nachwuchstalente ihre Werke vor – die Aquarelle, Acryl- und Ölgemälde liegen in einer Preisklasse, in der man nicht endlos die Nullen vor dem Komma zählen muss. Bis zum 16. Januar, Gänsemarkt Passage, tägl. 11 bis 20 Uhr

Die Wahrheit liegt auf dem Platz 

Aimen Abdulaziz-Said, schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

"Der HSV hat sein erstes Spiel im neuen Jahr verloren: Im Trainingslager im türkischen Belek unterlagen die Hamburger Ajax Amsterdam am Samstag 1:3. Nicht dabei: Bakery Jatta. Der 17-jährige Gambier sorgte unter der Woche für Schlagzeilen, weil er als Flüchtling nach Deutschland kam, noch nie in einem Verein gespielt hat und nun plötzlich bei den HSV-Profis mittrainieren darf. HSV-Trainer Bruno Labbadia ist begeistert von dem Jungen. Auch Schalke 04 und Werder Bremen sollen an dem Talent interessiert sein. Laut dessen Berater will Jatta aber nur für den HSV spielen. Den Gesundheitscheck hat er auch schon absolviert."

Erik Hauth, bloggt auf ZEIT ONLINE über den FC St. Pauli

"Der Rauch der Silvesternacht hat sich kaum verzogen, da schießen rund um den FC St. Pauli schon Transfergerüchte ins Kraut. Der Kiezclub sucht angeblich Verstärkung im Sturm, was auf einen Transfer des letztjährigen Durchstarters, Lennart Thy, im Sommer hindeutet. Wahrscheinliches Ziel: Bremen. Offiziell herrscht geschäftige Ruhe seit dem Trainingsstart Anfang letzter Woche. Ewald Lienen hat über die Feiertage massenhaft Taktikzettel vollgeschrieben und freut sich drauf, "während der Vorbereitungszeit taktisch viel (zu) erarbeiten".

Mehr über Fußball von Aimen Abdulaziz-Said und Erik Hauth

Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche! Am Dienstag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr
Mark Spörrle

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