Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

schon vor einiger Zeit erreichte mich die bohrende Frage, warum in einem unserer Texte denn von Samstag die Rede sei statt von Sonnabend – und ob der, der das verbrochen habe ("Sie nicht, Herr Spörrle, ich sehe Sie seit Jahren beim Segeln"!), etwa ein Zugezogener sei. Und entweder, der Betreffende lerne, sich so auszudrücken, wie es sich in Hamburg gehöre, oder er gehe wieder dorthin, wo er hergekommen sei.

Gestern mailte ein deutlich netterer Leser namens Carsten, wir hätten die Redewendung "auf der Schanze" gebraucht. "Das hat mich nachhaltig(st) :-) irritiert, denn ich meine, das sagen ›richtige‹ Hamburger nicht, sondern eher Zugezogene oder Möchtegern-Insider. Was meint ihr – Umfrage in der Redaktion: ›auf der Schanze‹ oder ›in der Schanze‹"?

Manchmal tun wir das, was unsere Leser möchten. Die Umfrage ergab zuerst, dass die meisten von uns sich im Alltag durch Verwendung des Begriffs "im Schanzenviertel" um die Entscheidung drücken. Dann  allerdings kam eine Mehrheit für "in der Schanze" zustande – "auf der Schanze" gemahnte die Kollegen eher an eine mittelalterliche Belagerung. Oder ans Skispringen im fernen Süden.

Und genau da kommt der Kollege, der den Text verfasste, auch her.

Ich hingegen muss gestehen: Ich segle nicht.

Bombenstimmung in Eppendorf

Mitten in Eppendorf entdeckte man gestern Nachmittag auf einer Baustelle eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe englischer Bauart aus dem Zweiten Weltkrieg – mit ausgelöstem Säurezünder. Zum Glück habe der Auslöser trotzdem nicht gemacht, "was er eigentlich sollte – nämlich die Bombe zur Explosion bringen", sagte ein Feuerwehrsprecher, aber die Bombe hätte jederzeit hochgehen können. Die Polizei musste ein Gebiet im Umkreis von 300 Metern um den Fundort in der Geschwister-Scholl-Straße zwischen Lokstedter Weg und Martinistraße, nur wenige Schritte vom Eppendorfer Markt entfernt, sofort evakuieren; das Universitätsklinikum Eppendorf befand sich knapp am Rand der Zone. Umgehend brach im Feierabendverkehr ein Verkehrschaos aus, das durch einen Busunfall auf der Hoheluftchaussee noch verschlimmert wurde. Gegen 20 Uhr twitterte die Feuerwehr dann, der Blindgänger sei erfolgreich entschärft worden. Experten haben in Hamburg seit 1945 bereits mehr als 11.000 alte Fliegerbomben unschädlich gemacht. Es sollen allerdings noch immer rund 2900 der Teufelsapparate im Boden lauern.

Happy End in Harvestehude?

Nun sind die ersten Flüchtlinge in die ehemals stark umstrittene Unterkunft an der Sophienterrasse eingezogen. Viele von ihnen wirkten erleichtert. Sie stammen aus Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea, lebten monatelang in Erstaufnahmeeinrichtungen. In ihrer Unterkunft erwarteten sie Willkommensplakate und internationale Fähnchen an Zahnstochern. Aber auch fast schon klinisch nüchterne Räume. Ist jetzt alles in Ordnung?, fragten wir Hendrikje Blandow-Schlegel, Vorsitzende des Vereins Flüchtlingshilfe Harvestehude.

Ist der Ärger nun vorbei und haben sich die Nachbarn in  Harvestehude mit der Unterkunft arrangiert?

Ja, den Eindruck haben wir. Es gibt manchmal neugierige Blicke von Anwohnern. Hin und wieder will jemand in die Unterkunft reinschauen. Bisher zeigen alle großes Verständnis dafür, dass jetzt erst mal die Verwaltung im Vordergrund steht. Die Geflüchteten müssen sich registrieren lassen, sich erst mal zurechtfinden. Heute kamen wieder neue Bewohner an. Und die Unterkunft, das ist wichtig, ist ein privater Raum. Wir gehen ja auch nicht in fremde Wohnungen und schauen uns um.

Was wird Ihr Verein tun, damit Anwohner und Neuankömmlinge in Kontakt kommen?

Wir werden auf jeden Fall einen Willkommensnachmittag veranstalten und ein Sommerfest. Alle Anwohner werden dann herzlich eingeladen. Wir überlegen, auch einen regelmäßigen Tee-Nachmittag mit Nachbarn zu organisieren. Übrigens engagieren sich schon viele von denen bei uns: Von 217 Vereinsmitgliedern stammen rund 90 Prozent aus Harvestehude/Rotherbaum. Und unsere Vollversammlungen sind offen für alle, die sich informieren wollen: www.fluechtlingshilfe-harvestehude.de.

Fühlen sich die Flüchtlinge trotz der vorangegangenen Kontroversen willkommen?

Ich glaube schon. Die Stimmung ist sehr positiv und freundlich. Die Neuankömmlinge haben ja auch zum Großteil gar nichts von den Spannungen mitbekommen. Außerdem wurde die Unterkunft wirklich ordentlich vorbereitet – die Menschen finden hier endlich Ruhe. Klar, es wird immer Kritiker geben. Aber ein Ziel unseres Vereins ist auch, die Einwohner des Stadtteils in unsere Arbeit zu integrieren. Wir sind auf einem guten Weg.

Gute Aussicht auf Baukräne

Dass die Elbphilharmonie nach wie vor nicht fertig ist, überrascht nicht. Dafür jubelt die Stadt zum 15. Geburtstag der Baustelle HafenCity über eine Klappbrücke: "Neubau der Mahatma-Gandhi-Brücke fertiggestellt." Die Brücke schafft einen direkten Weg zwischen der westlichen HafenCity und der Innenstadt. Sprich: Hier werden die Besucher zur Elbphilharmonie pilgern. Das könnte schon ab November 2016 Realität werden: Von der Philharmonie-Plaza in 37 Meter Höhe kann man dann den Ausblick genießen, über die Elbe – und über Baukräne. Dass die HafenCity noch lange eine Baustelle bleibt, lässt sich bei aller Brücken- und Plazafreude nicht leugnen. Die Vollendung des gesamten Areals ist spätestens für 2030 geplant. (Geplant, Sie wissen schon ...) Im Juli immerhin soll schon mal der Lohsepark eröffnet werden, ein grüner Lichtblick für mittlerweile 2000 Anwohner und 10.000 Arbeitnehmer, die täglich hierher pendeln. An der Strandkaispitze entstehen bald darauf 500 Eigentums- und Mietwohnungen. Auch Studenten der HafenCity-Universität sollen sich eine Bleibe leisten können: Es sind geförderte Wohnungen geplant, außerdem ein Campus-Tower. Hier könnten sich Start-ups und Wissenschaftler ansiedeln. Schon heute sei der Stadtteil das "internationale Vorbild einer urbanen, nachhaltigen und innovativen großen Stadtentwicklung", lobt sich die HafenCity GmbH selbst. Vielleicht stimmt das am Ende sogar.

Sozialer Atlas für Hamburg

Der neue Sozialmonitoring-Bericht 2015 der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen zeigt: Hamburgs Sozialstruktur hat sich verbessert. Ganz leicht. Die Gegenden mit besonders prekären Lebensverhältnissen, in denen der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Alleinerziehenden, Arbeitslosen oder Menschen ohne Schulabschluss äußerst hoch ist, sind etwas weniger geworden. Damit sei die Stadt dem Ziel, "der sozialen Polarisierung entgegenzuwirken", einen Schritt näher gekommen, verkünden die Autoren des Berichts. Das Sozialmonitoring gibt es seit 2010. Es soll als "Frühwarnsystem" helfen, soziale Problemlagen zu erkennen und zu beheben. 839 Gebiete mit jeweils über 300 Anwohnern werden nach einer Reihe von Sozialindikatoren ausgewertet. Dass die Zahl der Gebiete mit besonders ausgeprägten "soziale Problemlagen" im Vergleich zum Vorjahr leicht sank, von 151 auf 147, ist schön. Andererseits: 71 Prozent dieser Areale, unter anderem in Billstedt, Lurup und Wilhelmsburg, konnten sich im Ranking seit fünf Jahren nicht verbessern. Der Senat schaffte es hier nicht, "Ungleichheiten, auch Ungerechtigkeiten zwischen den Stadtteilen im Hinblick auf die Lebensbedingungen" auszugleichen. Obwohl Gebiete mit problematischem Sozialstatus auch in Hamm, Rothenburgsort, Altona oder St. Pauli liegen, beobachten die Experten in innenstadtnahen Vierteln tendenziell eher eine "positive Dynamik", in Richtung Stadtrand tendenziell eher eine negative. Die Zahl der Gebiete mit hohem Sozialstatus blieb mit 149 übrigens unverändert – sie machen 18 Prozent Hamburgs aus, genau wie die sozial schwächeren Gebiete. Und in knapp zwei Drittel der Hansestadt lebte man 2015 im mittleren sozialen Status. Bleibt abzuwarten, wie sich die Situation durch die Flüchtlingskrise entwickelt.Hier der Bericht

Gesichter erzählen Geschichten

Blaues Auge, große Tattoos auf Brust und Armen: genervt blickt die Frau im Jahr 1900 in die Kamera. Freiwillig hat sie sich dem Polizeifotografen nicht gestellt. Im Rahmen neben ihr posiert ein großbürgerliches Ehepaar stolz auf einem Gemälde. Gegensätze, die eine Stadt wie Hamburg schon immer ausmachten – und so entstand die Idee für die Ausstellung "Hamburg ins Gesicht geschaut". "Mit Porträts aus fünf Jahrhunderten schaffen wir einen ungewöhnlichen Blick auf die Geschichte der Hansestadt", erklärt Jan Lorenzen von den Historischen Museen Hamburg das Konzept. Aus 60.000 Porträts der Sammlungen des Museums Hamburg, des Museums für Arbeit und des Altonaer Museums wählten Kuratoren knapp 400 Werke aus. Menschen, porträtiert bei Geburt, Einschulung, im Beruf, auf dem Totenbett. Berühmtheiten wie Heidi Kabel und (natürlich) Helmut Schmidt  blicken den Besuchern entgegen, und Hafenarbeiter und Straßendeerns. Allen gemein ist nur, dass sie Hamburger waren – und verstorben sind. "Wir wollten in keine Diskussion darüber einsteigen, welcher der noch lebenden Hamburger würdig ist und wer nicht", sagt Lorenzen. Kamen im November noch 8000 Besucher in die Ausstellung, waren es im Januar bisher bereits 10.000. Für Lorenz kein Wunder. "Das Thema beschäftigt sich mit Fragen der Identität, der Selbstvergewisserung und Stadtgeschichte. Genau das erwarten die Leute von uns als historischem Museum." 

Hamburg Museum, "Hamburg ins Gesicht geschaut", bis 22. Mai

Mittagstisch

Currywurst Ferrari

Winterhude ist nicht (immer) so schnöselig wie sein Ruf. Eine grandiose, ganz einfache Currywurst zum Beispiel gibt es hier dienstags, donnerstags und samstags auf dem Markt am Goldbekufer. Harald’s Imbiss serviert sie für rund fünf Euro als Ferrari (mit Ketchup) oder Manta (mit Mayo). Neben flotten Namen bietet der Stand superscharfe Gewürze und setzt einem das gesunde Mahl in Rekordzeit vor. Dazu schmecken natürlich klassische Pommes. Im Winter können sich ein paar Gäste in eine geheizte Sitzecke quetschen. Im Sommer wird es dann idyllisch: Am Ufer des Alsterausläufers schmecken Manta und Ferrari noch besser. Wen die Kalorien im Gepäck danach plagen, der kauft auf dem Markt noch schnell Gemüse und Obst ein. Dienstag, Donnerstag, Samstag von 8.30 Uhr bis 13 Uhr

Elmar Stein

Was geht

Schnaps für den Zahlenkönig: Das Team der Kaffeeklappe lädt ein zum rasanten Bingo-Turnier. Dem Gewinner winken Schnaps und Schrott. Für jedes Getränk gibt es einen Bingo-Zettel – da haben Säufer viel zu tun. Kaffeeklappe, Fährstraße 69, heute von 19 bis 22 Uhr

Grüner Stein aus Schweden: Der Singer-Songwriter Daniel Norgren produziert im Rekordtempo Alben. Nachdem im April 2015 "Alabursy" rauskam, stellt er jetzt bereits das nächste Meisterstück vor: "The Green Stone". Neben Gitarre und Klavier wird den Schweden dieses Mal eine alte Heimorgel begleiten. Uebel & Gefährlich, Feldstraße 66, heute ab 20 Uhr

Was kommt

Frecher Kater: Pettersson und Findus erobern Hamburg – von der Puppenbühne aus. Der alte Mann und sein Kätzchen erleben am Biedermannplatz ein Abenteuer nach dem anderen. Die Burg, Theater am Biedermannplatz 19, Samstag um 16 Uhr

Klavier im Mondschein: Romantiker versammeln sich Samstag am Schloss Reinbek, um Beethovens Mondscheinsonate zu genießen. Der Pianist Justus Frantz will mit den Klängen das königliche Ambiente verzaubern – hoffentlich bei klarem Himmel. Schloss Reinbek, Schlossstraße 5, Samstag um 19.30 Uhr

Nach dem Club ist vor dem Fisch: Ein Hamburger, der etwas auf sich hält, muss zumindest einmal die Nacht durchgefeiert und dann den Fischmarkt besucht haben. An diese Tradition knüpft die Tour "Vom einschlafenden Kiez … zum aufwachenden Fischmarkt" an. Lassen Sie sich von lärmenden Händlern und Marktschreiern beeindrucken – es lohnt sich. Treffpunkt U-Bahnhof St. Pauli, Ausgang Millerntorplatz, Sonntag um 5 Uhr

Winterhandel: Sonntags shoppen – das geht meist nur auf einem Flohmarkt. Wenn der dann noch beheizt ist, nennt er sich "Winterflohmarkt". Die messeeigene Gastronomie sorgt für Kaffee, Kuchen und Brötchen. Glühwein kann man sich bei den Temperaturen ja sparen. Hamburg Messe, Sonntag ab 9 Uhr

Schnack

Frühstück in der Bäckerei Junge. Fragt eine Verkäuferin ihre Kollegin: "Wo ist denn der Bacon für das Spiegelei?" Antwort: "Wir haben keinen. Geht auch Schinken?"

Gehört von Wolfgang Kuhlmann

Meine Stadt

»Street-Artist Barbara war in Hamburg zu Besuch und hat einige Werke in St. Pauli aufgehängt.« © stanley_192 via Instagram

Sollte es bei Ihnen in Küche, Kammer oder Keller überraschend knallen, bitte keine Sorge: Die Bombe ist entschärft. Es könnte aber eine explodierende Weinflasche sein. Jedenfalls sofern Sie tatsächlich "Pfalz Dornfelder Qualitätswein lieblich" mögen. Wegen Explosionsgefahr musste die Kellerei Emil Wissing aus dem rheinland-pfälzischen Oberotterbach eine Charge der Jahrgangs 2014 zurückrufen: In einzelnen Flaschen kann es durch Heferückstände beginnen zu gären – und kawumm! Falls Sie diese Zeilen zu spät lesen und es bereits passiert ist, seien Sie nicht traurig: Der Wein könnte ohnehin einen üblen – Pardon, die Kellerei nennt es "untypischen" – Beigeschmack haben.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Wollen Sie uns mit Schnack versorgen? Mit Fotos?

Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.