Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

fühlen Sie sich nackt, wenn Sie nur schnell zum Mülleimer gehen – und Ihr Smartphone vergessen haben? Halten Sie kein reales Gespräch mehr durch, ohne währenddessen siebenmal die Mails zu checken? Fangen Ihre beiden Daumen kurz vor dem Einschlafen an, sich tippend zu bewegen?

Schlimme Dinge, gewiss. Einer repräsentativen Forsa-Studie für die DAK-Gesundheit zufolge können wir Deutschen uns immer schwerer aus dem Griff von Smartphone und Internet lösen. Demnach glauben die meisten, Bier, Wein oder Schokolade wesentlich leichter entbehren zu können als Online-Medien. Und die Abhängigkeit nimmt zu. 2014 gaben 31 Prozent an, am ehesten auf private Computer- und Internetnutzung verzichten zu können. Nun sind es 21 Prozent.

Doch es gibt Hoffnung: Während bei den Jüngeren nur noch 12 Prozent "ohne" leben wollten, könnten immerhin noch 25 Prozent der "Älteren" zwischen 45 bis 59 Jahren entsagen.

Warum? Sie wollen sich endlich mal wieder mit Freunden und Verwandten treffen. 

Aber das tun die Jüngeren online schon die ganze Zeit.

Wasser unterm Kiel!

Wenn alles gut läuft, ist die Elbe heute erst mal gesperrt. Dann hat heute um vier Uhr in aller Früh (dieser Letter war dann schon fertig produziert) das Havariekommando mit dem Freischleppversuch des gestrandeten Containerschiffs "CSCL Indian Ocean" begonnen. Nachdem ein letzter Versuch am vergangenen Freitag erfolglos geblieben war, hatten die Retter beschlossen, das für Dienstag vorhergesagte besonders hohe Wasser abzuwarten. Heute treffen nämlich gleich zwei Wetterphänomene aufeinander: Das Wasser wird von den stürmischen Westwinden gestaut, die seit Sonntag wehen; der Wasserspiegel ist deshalb mehrere Dutzend Zentimeter höher als sonst. Und außerdem ist Neumond; dann und bei Vollmond aber ist der Unterschied zwischen den Gezeiten besonders groß, man spricht von einer Springtide: Bei Flut steigt das Wasser bis zu 30 Zentimeter höher als sonst. Gute Voraussetzungen also, um den 150.000 Tonnen schweren und 400 Meter langen gestrandeten Riesen wieder flottzumachen. Am Wochenende wurden 2000 Tonnen Schweröl und knapp 4000 Tonnen Ballastwasser abgepumpt, außerdem begannen Bagger schon mal mit der Elbvertiefung: Rund ums Schiff trugen sie den Grund ab. Gelingt die Bergung heute trotzdem nicht, muss das Containerschiff wohl an Ort und Stelle entladen werden, mithilfe eines riesigen Schwimmkrans aus Rotterdam. Dauer der Aktion: Wochen. Freuen würden sich vermutlich nur die Schaulustigen. Der Ausflug zum aufgelaufenen Riesen war am letzten Wochenende für Tausende Pflicht.

Dezentrale Flüchtlingsunterkünfte (noch) in der Mehrheit

Erst gestern berichteten wir über die Proteste gegen die großen, zentralen Flüchtlingsunterkünfte. Nun haben die Hamburger Grünen- und die SPD-Fraktion die Antwort auf eine gemeinsame Kleine Anfrage veröffentlicht . Deren Ergebnis dürfte wohl vor allem die Protestler vom Wochenende überraschen: Kleine Flüchtlingsunterkünfte sind in der Mehrheit. 74 von 150 Unterkünften sind auf 250 Personen begrenzt. Das sind nun keine WG-Kopfgrößen, aber bei der "Folgeunterbringung" – wo die Geflüchteten auf das Ergebnis ihres Asylantrags warten – sind sogar mehr als 70 Prozent der Unterkünfte (68 von 92 Häuser) für weniger als 250 Bewohner ausgelegt. Immer noch eine hohe Kopfzahl, aber von den viel beschworenen Ghettos kann keine Rede sein: 16 Standorte haben höchstens Platz für 150 und 26 für 100 Personen. Es gibt 14 Unterkünfte, in denen höchstens 50 Leute leben können, und in den kleinsten Unterkünften in Wandsbek und Altona kommen nicht mal zehn unter. "Wir alle würden uns freuen, wenn die Stadt ausschließlich auf solche Unterkünfte setzen könnte", sagte dazu Mareike Engels, sozialpolitische Sprecherin der Grünen Bürgerschaftsfraktion. "Wenn wir aber unserer Verantwortung nachkommen wollen, ist allein dieser Weg nicht möglich. Wir wollen darauf achten, dass auch in Zukunft versucht wird, möglichst kleinteilig zu bauen. Aber es muss auch klar sein: Eine große Unterkunft mit guten Wohnbedingungen ist weitaus besser als ein Baumarkt."

Azubis zufrieden trotz Mängeln – und keine Konkurrenz von Flüchtlingen

Zwei Drittel aller, die in Hamburg eine Ausbildung machen, sind ziemlich zufrieden. Das will zumindest der Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) herausgefunden haben. Trotzdem gibt es einiges zu bemängeln: 38,2 Prozent aller Azubis müssen regelmäßig Überstunden machen. Zwei Drittel dürfen diese Überstunden nicht durch Freizeitausgleich abbauen, obwohl das gesetzlich vorgeschrieben ist. Bei einem Drittel gibt es keinen anständigen Ausbildungsplan, jeder Zehnte muss Botengänge oder private Erledigungen übernehmen. Das Urteil der DGB-Vorsitzenden in Hamburg Katja Karger: "Viele Betriebe sind einfach nicht ausbildungsreif." Und richtig schlecht scheint es um die verpflichtenden Betriebspraktika für Schüler zu stehen. 60 Prozent der Befragten gaben an, ihnen hätten die Praktika bei der Berufswahl nicht geholfen – damit verfehlen sie komplett ihren Zweck. Die Schüler bemängelten "uninteressante Tagesabläufe", schlechte Verdienstmöglichkeiten und mangelhafte Einbindung in den Betrieb. Dafür sehen die Chancen nach der Ausbildung weiter recht gut aus. Laut dem Vorstand der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele (Hamburgs Ex-Sozialsenator) stehen Berufseinsteiger nicht automatisch in Konkurrenz mit neu angekommenen Flüchtlingen. "Jährlich entstehen rund 700.000 Arbeitsplätze neu", sagte er am Sonntag vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten. Deshalb seien 350.000 Flüchtlinge im Jahr für den Arbeitsmarkt kein Problem. Zwar kämen mehr Menschen nach Deutschland, aber viele seien nicht sofort fit für den Arbeitsmarkt.

Zum Tod von Roger Willemsen

Gestern Nachmittag wurde bekannt, dass der Autor, Moderator und Übersetzer Roger Willemsen, einer der größten Intellektuellen Deutschlands, gestorben ist. Er hatte im vergangenen Sommer von seinem Krebsleiden erfahren und daraufhin alle Termine abgesagt. Nun starb der Grimme-Preisträger in seinem Haus in Wentorf bei Hamburg. Er wurde 60 Jahre alt. Willemsen war bekannt als Interviewer, der sich nicht scheute, hartnäckig nachzufragen. In den 1990er Jahren moderierte er im ZDF die Talksendung "Willemsens Woche" und im Schweizer Fernsehen den "Literaturclub". Zuletzt landete er mit seinem Buch über den Bundestag, "Das Hohe Haus" (2014), einen Bestseller. Für das ZEITmagazin blickte er in "Willemsens Jahreszeiten" jedes Vierteljahr auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der vergangenen Monate zurück und ließ dabei nichts aus, von "2000 Folter-Fotos aus Armeegefängnissen" über "Pippa Middletons Po" und "Wal-Carpaccio" bis zu "Fifty Shades of Grey, dem der stern einen Servicetext nachschickt unter dem Slogan: "So geht Sadomaso richtig" – eine Rettung für alle, die jahrelang danebengepeitscht haben." Den vollständigen Text gibt es hier. Einen Nachruf von Matthias Kalle, der Willemsens Texte beim ZEITmagazin betreute, finden Sie hier.

Helau!? Narren auf der Reeperbahn!?

Während Sie diese Zeilen lesen, dürfte wohl die südliche Hälfte Deutschlands noch den Rausch von gestern ausschlafen. Auch wenn (der Kelch/es) an Ihnen vorbeigegangen ist: Gestern war Rosenmontag. In Köln kamen Millionen Menschen verkleidet zum "Zoch", in Mainz, wo die Umzüge wegen  Sturmwarnung abgesagt wurden, zogen trotzdem Hunderttausende durch die Innenstadt – nur eben ohne Umzugswagen und Kamelle schmeißende Narren. Was aber war auf den Straßen Hamburgs los? Es war dort zur Abwechslung mal weniger windig als im Süden, immerhin, doch statt Jecken reihten sich in der Mönckebergstraße wie eh und je nur Bus an Bus an Taxi an Bus. Die Kostüme der Leute: triste Farben, dicke Schals, Mützen. Und Kaubonbons? Warf keiner, zumindest nicht absichtlich. Wer allerdings am Sonntagabend über die Reeperbahn spazierte, durfte kurz glauben, der Karneval hätte es jetzt doch in den Norden geschafft. Auf der Straße und in den Kneipen: Frauen mit knallblauen Perücken, fröhliche Clowns, Mexikaner mit Sombreros und aufgemalten Schnurrbärten. Doch dann die Ernüchterung: Jeder einzelne Jeck trug einen Schal des 1. FC Köln um den Hals. Der hatte am Sonntagnachmittag in der Imtech-Arena gegen den HSV gespielt. Ob es sich wohl gelohnt hat, für ein 1:1 den Rosenmontagsumzug in der Heimat zu verpassen?

Mittagstisch

   

Außergewöhnlich traditionell

   

In der mit alten Gebäuden nicht eben gesegneten Innenstadt gehört der Altstädter Hof von 1937 schon zu den Traditionshäusern. Passend dazu gibt es auf der Rückseite des Kontor- und Wohnhauses in der kleinen Gaststätte "Altstädter Stube" ziemlich traditionell deutsche Küche. Der Eingang ist zu erkennen an dem Bänkchen vor der Tür, auf dem Kartoffeln, Zwiebeln und montags auch Eier zum Verkauf liegen. Kein Wunder: Die Familie des Wirts betreibt bei Ludwigslust einen eigenen Hof. Wer hier zu Mittag isst, hat keine Angst vor deftigen Mahlzeiten. Zu den meisten Gerichten gibt es die in Hamburg so beliebten Bratkartoffeln, in der "Altstädter Stube" sind sie sehr gut. Wir hatten zuletzt luftige hausgemachte Frikadellen ("Acht Stück sind noch da") und Sauerfleisch, das etwas mild war (der Autor hat es gern grenzwertig sauer). Die nicht eben große Karte reicht von Matjes über Eisbein bis Tafelspitz. Am Tresen stehen selbst eingekochte Marmeladen zum Verkauf. "Altstädter Stube" in der Altstädter Str. 17, Mittagstisch Montag bis Samstag 12 bis 15 Uhr für 5 bis 9 Euro.

   

Steffen Richter

 


Was geht

Literaturquiz: Welches Buch beginnt mit folgendem Satz: "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich."? Na gut, das war einfach. Leo Tolstois erster Satz aus "Anna Karenina" gehört wohl zu den am meisten zitierten. Wahrscheinlich werden die Fragen beim 3. Hamburger Literaturquiz anspruchsvoller sein. Ein Muss für jeden Besserwisser. Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr.

Dokumentarfilm: Was macht man, wenn man gern Filme drehen möchte, die Filmförderung aber einfach nicht mitspielt? Heute würde man wahrscheinlich einen aufwendigen Trailer produzieren und dann auf Crowdfunding hoffen. Die Filmindustrie der Türkei in den sechziger und siebziger Jahren hat das Problem anders gelöst: Amerikanische und europäische Blockbuster wurden einfach nachgedreht. Deshalb gibt es jetzt tatsächlich türkische Versionen von "Tarzan", "Rambo" oder "Star Trek". Der Regisseur Cem Kaya hat nun wiederum über diese Zeit einen Dokumentarfilm gedreht. "Remake, Remix, Rip-Off" heißt der und ist heute Abend zu sehen. Wer ihn finanziert hat, ist unbekannt. B-Movie, Brigittenstraße 5, 20 Uhr.

Ausstellung: Stephan Klenner-Otto zeichnet am liebsten Köpfe. Viele davon könnten als Vorlage für ein Horrorkabinett dienen. Nur wenn er Prominente von Goethe bis Olaf Scholz malt, dann hält er sich mit den Verwüstungen zurück. Genau kann man sie sich jetzt in der Ausstellung Vernetzte Köpfe ansehen. Galerie Kunststätte am Michel, Neanderstraße 21, 10 bis 17 Uhr

Die Lange Nacht der ZEIT

"Wir müssen reden" – Ein Gespräch über Sex: Sextoys, Unlust, Quickies oder sapiosexuelles Begehren – eins ist klar: Wir müssen reden. Und zwar mit Prof. Dr. Ulrich Clement, systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Im Gespräch mit Wenke Husmann, Redakteurin ZEITmagazin Online, erklärt er das Thema der Themen – unterhaltsam, intim und auf Augenhöhe. Kein Wunder: Die Veranstaltung im Rahmen der Langen Nacht der ZEIT ist eigentlich schon ausgebucht. Wir verlosen unter allen unseren Lesern noch zweimal zwei Karten. Dafür mailen Sie bitte bis morgen, 12 Uhr an elbvertiefung@zeit.de (Kennwort: "Was ich schon immer über Sex wissen wollte"). Am 20. Februar im Haus 73, Schulterblatt 73, 22 Uhr, weitere Infos hier.

Hamburger Schnack

   

Ein Gasthaus im südlichen Harburg, es gibt Schweinehaxe mit Kartoffelpüree. "Gibt es auch was Vegetarisches?", frage ich die Bedienung. Die fragt in der Küche nach und erklärt dann: "Sie können die Haxe ruhig essen. Unsere Schweine sind alle vegan ernährt."

Gehört von Wolfgang Steinebach

Haben auch Sie Schnack aufgeschnappt? Wir freuen uns darüber: elbvertiefung@zeit.de, Stichwort: Schnack, Schnack, Schnack!

 


Meine Stadt

»An der Alster« © herrschleinig via Instagram

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr