Rebell mit Filzstift

"Wer vögelt lebt! Lasst das ja stehen! Peter Ernst Eiffe" – diese Botschaft, geschrieben mit Filzstift, prangte Ende der Sechziger in Hamburg. Vielleicht auf einem Stromkasten oder einer Telefonzelle. Vielleicht einmalig oder zehnfach. Genau lässt sich das heute nicht mehr nachvollziehen. Sie ist schon vor Jahrzehnten aus dem Stadtbild verschwunden. Dass es sie gab, davon zeugt nur noch ein Buch, das sich mit Peter-Ernst Eiffe beschäftigt.

Die kurze Botschaft war so vergänglich wie Peter-Ernst Eiffes gesamtes Werk. Sein Name taucht heute allenfalls in Kennerkreisen auf. Eine Hamburgensie, mehr nicht. Dabei war Eiffe Vorreiter einer großen Bewegung: Er war Graffiti-Künstler, als in Europa noch kaum jemand wusste, was das bedeutete. Als Eiffe im Mai 1968 seinen Filzstift-Feldzug durch Hamburg startete, wusste hierzulande so gut wie niemand, was ein Tag oder ein Sprayer ist.

Eiffe war zwei Wochen lang unterwegs, tagsüber und nachts, und übersäte die Stadt mit unzähligen Weisheiten, Ankündigungen und Wortspielen. Er ließ nie einen Zweifel, wer die Person hinter ihnen war: Sein Tag, also seine Signatur, war kein Pseudonym, wie heute üblich, sondern bestand aus vollem Vor- und Zunahmen, Telefonnummer sowie Adresse: "Peter Ernst Eiffe, Wandsbeker Chaussee 305, Hamburg 22, 20 77 10". Die von ihm bearbeiteten öffentlichen Wände waren gleichermaßen Arbeits- und eigene Angriffsfläche. Und trotzdem erlangte er nur Bekanntheit für kurze Zeit, die lokalen Zeitungen berichteten. Dann wurden seine Kritzeleien nach und nach weggeschrubbt, verputzt und übermalt.

Schlips, Seitenscheitel, Helmut Kohl-Brille

Der kürzlich verstorbene Sprayer OZ ist heute in Hamburg omnipräsent, in Teilen der linksalternativen Szene wird er verehrt, Eiffe ist weitgehend vergessen. Ein Mann, der das ändern will, ist Christian Bau. Er beschäftigt sich seit Langem mit dem Sprayer und nimmt nun noch einmal Anlauf. Bau will seinen vor zwanzig Jahren erschienenen Film über Eiffe nun auf DVD herausbringen. Außerdem arbeitet er an einem Buch, das jahrelange Forschungsergebnisse zu Eiffe dokumentieren und den Bogen vom "ersten Graffitikünstler Deutschlands" zur heutigen Sprayerszene darlegen soll.   

Der Filmemacher Christian Bau hat in den Sechzigern an der Hochschule für Bildende Künste studiert. Ein kreativer Ort, an dem Eiffe umgehend Thema war. Nicht zuletzt, weil seine Sprüche auch die Mensa schmückten. Bau war fasziniert von den Inschriften: "Die Sache mit der Telefonnummer fand ich enorm. Außerdem interessiere ich mich für Surrealismus und Dadaismus. Die Frage war immer, was man mit Kunst erreichen kann. Was kann man mit Film erreichen? Welche Mittel muss man einsetzen, um die Welt aus den Angeln zu heben? Eiffe war immer ein gutes Beispiel."


Nur äußerlich angepasst an die Zeit: Peter-Ernst Eiffe Ende der Sechziger © die thede

In seiner kurzen Phase der Berühmtheit irritiert Eiffe die Hamburger. Mit seinem Schlips, dem korrekten Seitenscheitel und einem Brillenmodell, wie es auch der junge Helmut Kohl trug, ließ er sich nur schwer einordnen. Wer war Peter-Ernst Eiffe? Ein naiver Weltverbesserer? Ein Punk vor dem Punk? Ein Verwirrter?  

Zunächst führte Eiffe ein unauffälliges Leben. Geboren im Jahr 1941, wuchs er im gutbürgerlichen Hamburg auf. Seine Familie war tief verwickelt in die Stadtgeschichte. Auf seinen Urgroßvater Franz Ferdinand, ehemals Bausenator, geht die heutige Eiffestraße zurück. Sein Adoptivvater plante als Senator für Berlin-Angelegenheiten mit Adolf Hitler und dem Architekten Konstanty Gutschow ein monumentales Hamburger Elbufer. Anfangs ließ Eiffe keine Anzeichen erkennen, die seine Adoptiveltern beunruhigen hätten können; er machte Abitur, ging zur Bundeswehr, begann ein Studium der Betriebswirtschaftslehre. Dann aber verließ er den geradlinigen Karriereweg.


"Diese Handlungsweise muss nicht unbedingt krankhaft sein"

Eiffe brach sein Studium ab und fand Arbeit beim Statistischen Landesamt, allerdings nur für kurze Zeit. Denn hier sorgte nicht nur sein Scharfsinn für Aufsehen, sondern auch sein ungebührliches Verhalten: Seinen Arbeitsplatz schmückte ein Bismarckportrait umrahmt von Pin-Up-Postkarten. Reinigungskräfte der Behörde beschimpfte Eiffe, mittlerweile Vater einer Tochter, in französischer Sprache. Eiffe wurde entlassen – und nahm sich Filzstifte und hastete durch Hamburg.  

Eiffes Wortspiele an Häuserputz und U-Bahnhof-Kacheln waren politisch bis dadaistisch. Werbeplakate antworten plötzlich auf ihre eigene Botschaft ("Cinzano hat‘s! Eiffe hat‘s schon lange."). Kundinnen in der Damenstrumpfabteilung des Alsterhauses blickten auf überschriebene Preisschilder ("Auch hier war Eiffe!").  Er verbreitete Ideen zur Verkehrsoptimierung ("Alle Ampeln auf gelb!") und bezog sich oft selbst mit ein: Während der Wahl zur Miss Universitas etwa trat er überraschend auf die Bühne des Audimax und schrieb auf die nackte Schulter der frisch gekürten Gewinnerin "Eiffe auch Mr. Universitas". Eine weitere seiner wenig bescheidenen Botschaften lautete "Eiffe for President! Frühling für Europa!".

Die Filzstiftkampagne fand ein jähes Ende, als Eiffe mit seinem Fiat 600 in die Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs fuhr, die "Freie Republik Eiffe" ausrief und begann, die Bahnhofswände mit magischen Dreiecken zu bemalen. Er wurde festgenommen und fand sich kurz darauf in der Nervenheilanstalt Hamburg-Ochsenzoll wieder. "Diese Handlungsweise muss nicht unbedingt krankhaft sein. Vielleicht ist das ganze ein vorbedachter Plan. Im polizeilichen Ermittlungsverfahren sollte man jedoch eine ärztliche Untersuchung einbeziehen", hieß es im Gutachten.

Schwer einzuordnen, sehr ambivalent

Sechs Monate später wird Eiffe aus Ochsenzoll entlassen. Es folgten kurze Anstellungen bei der Sektkellerei Henkell und bei einer Düsseldorfer Werbeagentur. Eiffe aber kam nicht mehr zurecht. Er hatte manische Züge, litt unter einer falsch verabreichten Dosis Lithium, die seine Motorik beeinträchtigte. Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte er in der psychiatrischen Klinik im schleswig-holsteinischen Rickling. 1983, nach einem 15-jährigen Aufenthalt, floh Eiffe von hier und erfror in einem Moor. Sein Leichnam wurde erst Monate später gefunden.

Anfang der Neunziger, rund zehn Jahre nach dem tragischen Ende Eiffes, verteilte Christian Bau gemeinsam mit dem Künstler Artur Diekhoff in Hamburg Postkarten, um für seinen Film mit seinen Weggefährten zu sprechen: "Arthur sucht Eiffe. Bitte melden! Für einen Film suchen wir alle, die ihn kannten."  Und es meldeten sich viele. Der Schauspieler Uwe Friedrichsen etwa oder der damalige Hamburger Dutschke und heutige rechtsextreme Aktivist Reinhold Oberlercher. Auch der Schriftsteller und ehemalige DKP-Politiker Peter Schütt, eine Verkäuferin des Bekleidungsgeschäfts Jäger und Mirow, Pfleger der psychiatrischen Klinik Rickling und Eiffes Tochter antworteten.

All diese Zeitzeugen kommen in Baus' Film Eiffe for President – Alle Ampeln auf Gelb zu Wort. Ihre individuellen Eindrücke führen jedoch nicht dazu, dass man Peter-Ernst Eiffe einordnen kann. Es setzt sich kein Mosaik zusammen, im Gegenteil: Augenscheinlich wird abermals die besondere Ambivalenz des Hamburgers.

Da ist der Eiffe, der schweigend an studentischen Diskussionsabenden teilnahm und unter der Studentenschaft sogar als Spitzel des Verfassungsschutzes galt. Da ist der Eiffe, der während einer Versammlung des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds die Stufen des vollen Hörsaals hinunterschlich und die Zuschauer schwer verunsicherte, weil er ein Wasser-Maschinengewehr bei sich trug und "Ratatatat"-Geräusche von sich gab. Da ist der Eiffe, der sich über die antiquierte Arbeitsweise jener rebellischen Studenten mokierte, welche Parolen noch mit Farbeimer und Pinsel an Wände schrieben.

Das neue Audimax getaggt

Da ist der Eiffe, der Peter Schütt in die Toiletten des gerade fertiggestellten Audimax der Hamburger Universität zerrte und binnen weniger Minuten mit einer Farbspraydose "Professoren verpisst Euch, niemand vermisst Euch!" an die noch unschuldig weißen Kacheln sprühte. Da ist der Eiffe, der nahezu täglich Damenwäsche bei Jäger und Mirow für seine Frau kaufte und ungehalten wurde, wenn selbige die gemeinsame Tochter füttern wollte, er aber selbst auf das Essen warten musste.

Als Eiffe in die Klinik in Rickling kam, scheint sich in ihm etwas verändert zu haben. Keine humorvollen Weltverbesserungsvorschläge mehr. "In der Anstalt wurde es penetrant. Er wollte ein großdeutsches Reich gründen. Furchtbare Geschichten", sagt Christian Bau. Ein damaliger Pfleger erinnert sich in seinem Film daran, wie er Eiffe auf die Studentenproteste in Hamburg ansprach und dieser sich von ihnen distanzierte und lieber von der germanischen Sache reden wollte. Ob es eine finale Provokation oder seine Überzeugung war, bleibt im Verborgenen.   

Durch Baus' Postkartenaufruf wurde auch Carsten Friedrichs, Frontsänger der Hamburger Band Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen erstmals auf Eiffe aufmerkam. Er war kein Weggefährte, dachte aber, dass "Alle Ampeln auf gelb" ein toller Titel sei. Viele Jahre später, im Jahr 2014, hat seine Band ein gleichnamiges Album herausgebracht. Eiffe habe für ein Chaos gesorgt, das vollkommen anders gewesen sei als der Marsch durch die Institutionen der späten Alt-68er, sagt Friedrichs. "Er war durch und durch Rebell. Hat beim Bürgertum genau so angeeckt wie in der Subkultur." 

Vielleicht gibt folgendes Grußwort von Peter-Ernst Eiffe am besten Aufschluss über seine Gedanken. Er hat es in dem anfangs erwähnten, 1968 im Quer-Verlag erschienenen Buch mit dem Titel "Eiffe for President – Frühling für Europa" formuliert:

"Wenn man sich die Freiheit nimmt, sein Unbewusstes unzensiert in Spruchform auf die Wirklichkeit wirken zu lassen, so kann das nur in der Hoffnung geschehen, dass dies als Protest gegen die als absurd erscheinende Welt des manipulierten Verstandes nachempfunden werden kann."