Der große Sitzungssaal ist ganz schön klein. Schon wenn sich darin, wie an diesem sonnigen Frühlingstag, zwei Dutzend Ausbildungsleiter der städtischen Kernverwaltung treffen, wirkt es dort, wo 60 Jahre zuvor ein neuer Wind durch Hamburgs Bürokratie blies, eng und muffig. Wie soll es da in der nostalgischen Furnierholzvertäfelung erst zugehen, wenn die Bezirksversammlung tagt?

Wenn alle kommen, meint Harald Rösler, "müssen die zusammenrücken". Als der Leiter des Bezirksamts Nord in dem Gebäude vor 50 Jahren seine Lehre begann, tagten dort noch 40 Abgeordnete. Jetzt sind es 51. Entsprechend nüchtern wirkt der Chefadministrator des Areals zwischen Airport und Alster, als er die Perle seines Amtssitzes zeigt. Dabei ist der Bürokomplex, in dem sich der Sitzungssaal befindet, ein architektonisches Juwel. Hamburgs Erster Baudirektor Paul Seitz erschuf mit ihm einst ein Monument kommunaler Selbstverwaltung.

Viele Denkmäler wurden nach 1945 gebaut

Das Bezirksamt sollte auch baulich den Staub aus der Obrigkeitsstaatlichkeit vordemokratischer Zeit klopfen, erzählt Harald Rösler im resopalgrauen Büro mit Blick auf die lauteste Kreuzung der Gegend. Um aufzuräumen im bürokratischen Morast.

Wie auch die Grindelhochhäuser oder die Staatsoper war das Bezirksamt bei seiner Eröffnung 1958 kühn, verwegen, also schon bei Grundsteinlegung denkmalschutzwürdig. Betonung auf war. Imperfekt. Denn gut ein halbes Jahrhundert nach dem letzten Anbau von historischem Rang taugt die Backsteinkonstruktion der Schreibmaschinenära nicht mehr so recht fürs Internetzeitalter. Meinen ihre Besitzer, meint auch Harald Rösler.

"Wir kommen zurecht", sagt der Mittsechziger, der auf ein lückenlosen Erwerbsleben vor Ort zurückblicken kann. Doch Denkmalschutz hin oder her – wenn es was Besseres für ihn und seine 650 Mitarbeiter gäbe, "stelle ich mich dem nicht entgegen."

Das Bezirksamt Nord in Hamburg, erbaut von Paul Seitz zwischen 1952 und 1958 © Staatsarchiv HH

Im Moment sieht es aber nicht so aus, als würde Röslers Arbeitsplatz bald abgerissen oder neu gestaltet. Anders als vor zwei Jahren. Als die Immobilie damals an die Richard Ditting GmbH verkauft wurde, begann ein Ideenwettbewerb zur Umgestaltung. Der sollte das ganze Spektrum von Erhalt bis Abriss erbringen. Eigentlich. Faktisch aber kam keinem Wettbewerber etwas anderes in den Sinn als Kahlschlag.   

"Denkmalschutz hatte keine Priorität", moniert Maria Koser vom neubaukritischen Stadtteilarchiv. Es gab allerdings einen Planungsbeirat aus Vereinen, Bürgern und Initiativen des Quartiers, der seinen Einfluss geltend machte. Neben Gewinn- und Geltungsstreben war das "ein Beispiel demokratischer Einbindung", wie Koser lobt. Es gab demnach viel Streit, "aber auch fruchtbare Debatten", bestätigt Amtsleiter Rösler. Ende 2014 aber gab es: einen Ideenstopp. Status quo. Bis auf Weiteres.

Das wirft Fragen auf: Warum opfert die Freie und Abrissstadt Hamburg selbst bei wunderschönen Altbauten am Alsterufer den Denkmalschutz, rührt das Bezirksamt aber nicht an? Warum bedarf unansehnliche Nachkriegsarchitektur, die heute von vielen als unansehnlich empfunden wird, gesetzlicher Fürsorge? Jedes achte der rund 5.000 Baudenkmäler in Hamburg ist nach 1945 erbaut – sind sie nicht zu neu, um alt, ergo erhaltenswert zu sein?