Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

die Menschen, die in Blankenese Bäume sogar mithilfe ihrer Autos schützen, bewegen die Gemüter unserer Leser und Leserinnen.
"Dies finde ich sehr löblich", schreibt uns Maike Strunk. "Ich freue mich auch schon darauf, diese engagierten Bürger in Zukunft mit ihren Fahrzeugen und mit einem Eilantrag für den Baustopp in der Tasche auch auf Plätzen zum Beispiel in Billstedt, Billbrook oder Horn anzutreffen, um auf die gleiche Art den dortigen Baumbestand zu schützen. Oder sollte es tatsächlich Unterschiede geben, je nachdem in welchem Stadtteil solch ein Baum "geboren" wurde? Alle Bäume sind doch gleich? Oder gibt es welche, die gleicher sind als andere?"

Aber selbst die Blankeneser Bäume hatten keine Chance gegen die zu allem entschlossene Interventionistische Linke Hamburg. Um 16.22 Uhr erreichte uns ein Aufruf zum "Blankenese Chainsaw Massacre": "Wir wollen uns vor Ort einen Eindruck verschaffen. Das heißt: Wir führen die Bäume ihrem Schicksal zu. Wir schaffen Platz für die Flüchtlinge. Auch Blankenese mit all seinen Reichen und Schönen muss diese Menschen aufnehmen."

Um 17.30 Uhr trafen sich etwa 70 Aktivisten mit Fahrrädern am Bahnhof Altona.

Um 19.18 Uhr, die Aktivisten hatten den Björnsonweg erreicht und Absperrbänder (Aufschrift: "Sexistische Kackscheisze") installiert, warf ein Mann die erste Kettensäge an und hielt sie triumphierend über seinen Kopf. Blitzlichtstakkato der Fotografen, Raunen bei den Zuschauern, verhaltenes Atmen bei den Polizisten.

Der Mann setzte die Säge an den Stamm einer Birke, schnitt eine kleine Kerbe in den Baum und beendete das Massaker: Die "Gefahr für die Umstehenden" sei zu groß.
Aber, versprach die Interventionistische Linke: "Wir kommen wieder."

"Hamburg integriert" setzt auf Dialog

Der Hamburger Senat kann bei seiner Flüchtlingspolitik nicht auf überwältigenden Rückhalt in der Bevölkerung zählen. Laut einer Umfrage im Auftrag von NDR 90,3 und "Hamburg Journal" lehnen 45 Prozent der Befragten Großunterkünfte für Flüchtlinge ab. Nur 36 Prozent waren mit dem Vorgehen einverstanden. So rechnet sich die Hamburger Initiative gegen Großunterkünfte gute Chancen aus, ihre Ziele nun per Volksbegehren zu erreichen. Dabei gab das Bezirksamt Hamburg-Nord bereits gestern bekannt, es halte Bürgerbegehren gegen große Flüchtlingsunterkünfte auf Bezirksebene für nicht rechtens. Falls sich dennoch ein Volksentscheid anbahnen sollte, will dem ein neuer Verein zuvorkommen: Gestern gab "Hamburg integriert" als Dachverband von rund 60 Bürgerinitiativen seine Gründung bekannt. Man wolle nicht zuspitzen, sondern "mehr Gespräche auf sachlicher Ebene" führen, erklärte Pressesprecher Claus Scheide.

Herr Scheide, sieht "Hamburg integriert" sich als erklärter Gegner der Initiative gegen Großunterkünfte?

Nein. Wir laden die Mitglieder der Initiative ausdrücklich ein, bei uns mitzuwirken. Allerdings halten wir manche Idealvorstellungen dieses Verbands für nicht umsetzbar – etwa den Wunsch nach recht kleinen Unterkünften. Sie dennoch in der öffentlichen Debatte zu thematisieren führt zu Augenwischerei und einer unnötigen Zuspitzung der Debatte.

Großunterkünfte müssen also sein?

Auf jeden Fall müssen wir feststellen, dass bei uns die Fläche endlich ist. Kleine Unterkünfte sind Studien zufolge auch gar nicht unbedingt sinnvoll – bei 300 Bewohnern etwa gibt es gegebenenfalls eine schlechtere Struktur zur Integration als bei 2000. Wie groß die Unterkünfte genau sein sollen, müssen wir gemeinsam in Anbetracht der Faktenlage diskutieren. Das bedeutet nicht, dass wir die Sorgen der Menschen nicht verstehen. Ich selbst lebe in Rissen und habe mich wirklich erschreckt, als es hieß, 4.000 Flüchtlinge müssten dort auf einmal untergebracht werden. Die Integration von so vielen Menschen, vorwiegend aus dem arabischen Raum, ist nicht einfach. Aber die aktuelle Debatte hilft in dieser Frage überhaupt nicht weiter.

Wieso nicht? Die Größe der Unterkünfte ...

Es geht immer nur darum, wie groß die Unterkünfte werden sollen. Das führt am Thema vorbei. Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir Integration leisten. Der Senat bietet nur den Rahmen, die Bürger müssen die tatsächliche Integration angehen. Zum einen über einen langsamen Prozess des Kennenlernens, zum anderen über Hilfsangebote wie Sprachkurse, Begegnungszentren und so weiter, die es schon vielfach gibt. Die Koordination dieser Projekte allerdings ist noch ein großes Problem.  Wir schlagen deshalb vor, in jedem Stadtteil "Integrationsbeiräte" zu schaffen.

In solch einem Rat wären sicher Menschen vertreten, die sich schon für Flüchtlinge einsetzen. Wie wollen Sie mit Bürgern ins Gespräch kommen, die Berührungsängste haben?

Wir suchen das Gespräch über Podiumsdiskussionen, Bürgervereine, Initiativen. "Hamburg integriert" kann mit 60 Verbänden schon jetzt auf eine große Multiplikationsfläche zählen. Wir müssen auf diesem Weg alle Ratsuchenden erreichen – und reden, reden, reden.

Kita-Streiks am Horizont

Da sind sie wieder: Die gefürchteten Proteste des öffentlichen Dienstes. Gestern demonstrierten laut ver.di bis zu 500 Beschäftigte aus städtischen und Bundes-Betrieben am Jungfernstieg. Die Hamburger Auftaktaktion zur aktuellen Tarifrunde fand unter dem Motto: "Wir fordern ein Angebot – keine Seifenblasen" statt. Die Gewerkschaft will sechs Prozent mehr Gehalt für Erzieher, Müllwerker, Straßenreiniger, Klinikpersonal und Bundespolizisten. Dies bedeute "Mehrkosten in Höhe von 5,6 Milliarden Euro für die Kommunen. Das ist nicht darstellbar!", entgegnet die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) und warnt vor Streiks im öffentlichen Dienst. Die Teilnehmer der gestrigen Auftaktveranstaltung zeigten sich unbeeindruckt – und bewiesen Fantasie: Nur ein paar bliesen in die üblichen nervtötenden Trillerpfeifen, die meisten gewannen die Herzen der Passanten mit Seifenblasen und In-die-Hände-Klatschen. Betroffen von der Tarifrunde in Hamburg sind laut ver.di über 20.000 Arbeitnehmer. Das dürfte besonders bei Eltern kleiner Kinder unangenehme Erinnerungen wachrufen, schließlich sind erst wenige Monate seit den langen Warnstreiks in Hamburger Kindertagesstätten vergangen. Bis zu den neuen Verhandlungen am 11. und 12. April wird es wohl vorerst ruhig bleiben, lässt ver.di-Pressesprecher Björn Krings durchblicken. Danach kann er Warnstreiks nicht ausschließen. Ob die auch mehr Fantasie beweisen als die letzten, die letztlich berufstätige Eltern zum Aushelfen in der Kita zwangen? Kann man nicht einfach, das würde doch passen, das Rathaus einen Tag lang zum Kindergarten ...?

Hamburg will doch die blaue Plakette!

Jetzt will Umweltsenator Jens Kerstan doch Umweltzonen einführen, um den Ausstoß von Stickstoffdioxid (NO2) zu senken. Auf der Sondersitzung der Landesumweltminister zum Thema "Luftschadstoffe" gestern in Berlin habe sich Hamburg "dafür eingesetzt, dass die 35. Bundesimmissionsschutzverordnung so geändert wird, dass in Gebiete mit hohen NO2-Werten nur noch Autos mit geringen Emissionen fahren dürfen", teilte uns der grüne Umweltsenator gestern Abend mit. Stickstoffdioxid entsteht bei Verbrennungsprozessen mit hohen Temperaturen – in Automotoren, Kraftwerken und Industrie. Eine hohe Konzentration des Schadstoffs in der Atemluft kann zu Hustenreiz, Atemwegsbeschwerden und Augenrötungen führen. Bereits seit 2010 gibt es einen europaweit gültigen Höchstwert – den zahlreiche deutsche Städte überschreiten, so auch Hamburg. Schon vor einem Jahr hat das Verwaltungsgericht der Stadt auferlegt, das zu ändern. Auch der BUND forderte von Kerstan die Einführung von Umweltzonen, in die nur noch Fahrzeuge mit einer blauen Plakette einfahren dürften –  das wären dieselbetriebene Fahrzeuge ab Schadstoffklasse Euro 6 und die meisten Benziner. Mitte März hatte die Umweltorganisation einen Zwangsgeldantrag gegen die Stadt gestellt.

Nachhilfe für Falschparker

Die Hansestadt weitet ihre Offensive gegen Falschparker aus: Das sogenannte "Parkraum-Management" soll nun auch Billstedt, Bergedorf und Harburg ins Visier nehmen. 80 neue Kontrolleure verteilen dort ab kommender Woche städtische Grüße. Zunächst sollen sie nur Flyer zücken, auf denen die Sünder zum Thema "Parkgerechtigkeit" aufgeklärt werden. "Versichern Sie sich, ob ein Halteverbot vor Ort gilt", steht zum Beispiel darauf oder: "Prüfen Sie, ob Sie Ihr Ziel über öffentliche Verkehrsmittel gut erreichen können." Auch eingeschränktes und absolutes Halteverbot erklärt der Flyer auf pädagogische Art und Weise – mit Bildchen (irgendwie dachte ich mir schon immer, dass die Leute, die den Fußweg auf dem Schulweg meiner Tochter mit dem Auto versperren, Analphabeten sein müssen). Ab Dienstag schlägt die Ordnungsmacht dann mit ganzer Härte zu: Der Himmel soll sich verfinstern, und es soll Knöllchen regnen. Kontrollen finden an Werktagen gleich zweimal statt, "auf Dauer an drei wechselnden Werktagen pro Woche", informiert Uwe Thillmann vom Landesbetrieb Verkehr. Der Senat verspricht sich von der Großoffensive jährlich mehr als 35 Millionen Euro zusätzlich für die Stadtkasse. Freunde, auch westlich der Alster kann man da noch was verdienen!

Lauert Rossmann auf Budni?

Dirk Roßmann, Senior-Chef der gleichnamigen Drogeriemarktkette, hat erstmals offen seinen Willen zur Übernahme des Hamburger Konkurrenten Budnikowsky bestätigt. Mittwoch erklärte er bei der Bilanzpressekonferenz seines Unternehmens in Burgwedel: "Interesse hätten wir." Weiteres Wachstum sei für seine Kette durchaus geplant. "Aber wir können nur kaufen, wenn ein anderer verkaufen will. Momentan ist das noch nicht so." Dabei scheint es zu bleiben: Budni-Chef Cord Wöhlke gab der Offerte umgehend einen Korb. "Ich kenne Herrn Roßmann seit 20 Jahren", sagte er gegenüber dem "Hamburger Abendblatt". "Jedes Jahr wiederholt er, dass er Budnikowsky kaufen möchte. Die Gesellschafter werden aber nicht verkaufen."

Mittagstisch

Niklas Luhmann hätte Freude gehabt an den 3 Tageszeiten. Dicht gedrängt sitzen sich Alphatierchen gegenüber und kommunizieren ohne Unterlass. Dass es hier Essen gibt, ist für viele scheinbar zweitrangig. Dass das Essen ganz hervorragend ist, scheint man allerdings trotzdem vorauszusetzen. So isst man das indonesische Rinderragout mit jungem Spitzkohl und Basmatireis für 8,90 € oder, sofern es Donnerstag ist, das echte Wiener Schnitzel für 14,50 €, während der Nachbartisch sich über die Kommunikationsstrategien von Fußballprofis austauscht: Die Tische stehen so eng, dass jedes Wort zu verstehen ist. Rasant fliegen die Worte hin und her; dazu die offene Küche, die flinke Bedienung, das knusprige Brot – einen Kaffee danach braucht es nicht. Das aufgesaugte Testosteron und Adrenalin reicht für den ganzen Nachmittag.

Winterhude, Mühlenkamp 29, täglich wechselnde Mittagskarte zwischen 6 und 9 Euro

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Bier und Bücher: "Es geht um kalten Gerstensaft, der Zungen leicht und locker macht." Gäste von "Lesen für Bier" bringen Texte mit, die vorgelesen werden. Gegen Bier, klar. Auster-Bar, Henriettenweg 1, heute ab 19 Uhr

Swinging singing: Das Swing Dance Orchestra präsentiert "Benny Goodman’s Original Carnegie Hall Concert" von 1938. Laeiszhalle, Johannes-Brahms-Platz, heute ab 20 Uhr

Heimatsuche: Nicht nur für Schulklassen! Die Dauerausstellung "Juden in Hamburg" muss jeder sehen, um die bewegte Geschichte des Volkes Israel zu verstehen. Hamburg Museum, Holstenwall 24, täglich von 10 bis 17 Uhr

Hafen in Öl und Acryl: Die Hamburger Künstlerin Inken Rave-Lohmann präsentiert Malerei und Zeichnungen ihrer norddeutschen Heimat. Auch der Hafen spielt eine große Rolle. "Zeitenwende", Galerie Reinhardt & Partner, Hongkongstraße 3–5 (1. Boden), HafenCity. Geöffnet bis 24. April, Dienstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr

Was kommt

Von Urwald-Zauber bis Kunst-Performance: Die "16. Lange Nacht der Museen" lockt mit mehr als 700 Veranstaltungen. Bis 2 Uhr nachts öffnen rund 60 Häuser ihre Türen. Samstag, 18 bis 2 Uhr; mehr Infos: www.langenachtdermuseen-hamburg.de

Ohren zu und durch: Beim Ausprobieren verschiedener Musikinstrumente lernen Kids Trompete, Geige und Co. kennen. Eltern warten notfalls draußen. Alabama Kino, Jarrestraße 20, Samstag ab 14.30 Uhr

Jazz, Samples, Platten: Das Duo Retrogott & Hulk Hodn weiß, wie man einen entspannten Sound zum Mitwippen mischt. Mojo Club, Reeperbahn 1, Samstag ab 20 Uhr

"Was bleibt ‚Unterm Strich‘?", fragt Illustrator-Star Christoph Riemann in der gleichnamigen Ausstellung. Der renommierte Künstler denkt sich Titelseiten für Hefte wie den "New Yorker" oder das "ZEITmagazin" aus. Allein deshalb – hin da! Museum für Kunst und Gewerbe, Steinvorplatz 1, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

Schnack

Abschied vor dem Kurzurlaub. "Ich wünsch' dir ganz viel Spaß auf Föhr!", sagt mein Mann heute Morgen zu unserem Sohn. Julian, 3, antwortet aus vollem Herzen: "Ich wünsch' dir ganz viel Arbeit im Büro!"

Gehört von Kati Baumgarten

Meine Stadt

Wildlife im Eppendorfer Hinterhof: Habicht verspeist leckeres Täubchen. © Foto: Katrin Schmelting

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!


Ihr

Mark Spörrle

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