Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

gestern Abend hat das ZEITmagazin gleich zweimal den begehrtesten deutschen Journalistenpreis gewonnen: Der Nannen Preis in der Kategorie Dokumentation geht an Wolfgang Bauer für seine Reportage über in Nigeria von der Terrormiliz Boko Haram entführte Mädchen. Fotograf Arne Svenson bekam den Preis für die beste Foto-Reportage für sein Stück "Die Welt ist mir zu viel". Er fotografierte seine Nachbarn aus dem Fenster seines Studios in Dowtown Manhattan.
Es war ein bewegender und zugleich unterhaltsamer Abend im Curio-Haus in Rotherbaum. Caren Miosga von den "Tagesthemen" moderierte. Der Künstler und Journalist Michel Abdollahi berichtete, dass ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo inzwischen zum ehrenwerten Alterspräsidenten der Jury aufgestiegen sei; niemand ist länger dabei als er. Der Hamburger Poetry-Slammer Moritz Neumann machte Witze über Nazis und sprach über die Angst, die dieses Land habe, vor allem möglichen, vor Flüchtlingen, vor Streiks. (Es ging nicht explizit um nervtötende Trillerpfeifen in der City, aber ich gehe davon aus, dass er genau das meinte.) Und der Leiter der Schule in Haltern berichtete von der Zeit nach der Germanwings-Katastrophe und davon, dass er noch immer jeden Tag für einen Moment vor der Schule innehalte und an die getöteten Schüler und Lehrer denke.
Bei der Preisverleihung ging der Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste Reportage an "stern"-Reporter Jan Christoph Wiechmann für die Erzählung "Drei Krieger", über drei Männer in Afghanistan, die auf unterschiedlichen Seiten kämpfen. Den Nannen Preis für Investigation erhielt ein Team des "Spiegel" für die Geschichte "Sommer, Sonne, Schwarzgeld", die zum Rücktritt des DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach führte. Ein Team der "Berliner Morgenpost" bekam für ihren Beitrag "M29 - Berlins Buslinie der großen Unterschiede" den – zum ersten Mal vergebenen – Preis für die beste Web-Reportage. Adrian Sonderegger und Jojakim Cortis räumten mit der Bilder-Strecke "Trauen Sie Ihren Augen nicht!" in "Geo" den ebenfalls neuen Nannen Preis für Inszenierte Fotografie ab. Den Sonderpreis bekam der syrische Fotograf Hosam Katan für seine Fotos aus Aleppo. Mehr zu dem Abend lesen Sie hier.

Draußen vor der Tür

Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) griff am Mittwochabend zu einem drastischem Mittel: Sie verwies den AfD-Politiker Ludwig Flocken des Saals. Der Abgeordnete hatte in einer wilden Tirade unter anderem geäußert, Muslime seien "Menschen, die sich von Gottesgelehrten belehren lassen, wie sie ihre Babys sexuell zu missbrauchen haben". Damit verstieß er gegen Paragraf 48 der Geschäftsordnung der Hamburgischen Bürgerschaft: Er hatte sich "einer gröblichen Verletzung der Ordnung des Hauses schuldig gemacht". In politischen Sitzungen geht es häufig polemisch zu, es gibt sicher Grenzfälle, die es abzuwägen gilt", erklärt Veit. "Aber in diesem Fall war die Sache eindeutig." Ein Ausschluss dient als äußerstes Mittel, um Sitzungen vor Störungen aus den eigenen Reihen zu schützen und die parlamentarische Arbeit zu gewährleisten. Abgeordnete, stellt Veit fest, "haben aber auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu bleiben. Für Wortbeiträge wie die des Abgeordneten Dr. Flocken, die in einem solchen Maße weder parlamentarisch noch demokratisch sind, ist in der Hamburgischen Bürgerschaft kein Raum." Ein Eklat wie am Mittwoch ist allerdings selbst bei hitzigsten politischen Debatten ungewöhnlich. Der letzte Ausschluss fand in Hamburg 1993 statt – damals wurden neun Abgeordnete der GAL-Fraktion des Saales verwiesen. Übrigens: Selbst seiner eigenen Partei ist Ludwig Flocken schon eine Weile nicht mehr geheuer. Im Februar war er aus der AfD-Fraktion ausgetreten, um einem Rauswurf wegen fremdenfeindlicher Äußerungen zuvorzukommen. Sollte er in einer künftigen Bürgerschaftssitzung noch mal Lust auf eine Tirade haben, muss der Bergedorfer Arzt mit drastischeren Maßnahmen rechnen. Gemäß Absatz zwei des Paragrafen 48 kann ein Mitglied im Wiederholungsfall immerhin von bis zu drei Bürgerschaftssitzungen am Stück ausgeschlossen werden.

Schluss mit dem Spekulieren!

Freie Flächen in St. Pauli sind begehrt. Ärgerlich, wenn eben diese jahrelang brachliegen. Das ehemalige Apollo Wellenbad am Spielbudenplatz etwa ist heute eine Art Geisterhaus in bester Lage, hinter der schicken Gründerzeitfassade liegt – nichts. 2003 wurde der hintere Teil abgerissen. Leerstand aus Spekulationszwecken? Das vermutet die SPD-Bezirksfraktion in St. Pauli, die Grundstücksspekulanten mit einer "Vorkaufsverordnung" den Riegel vorschieben will: Per Vorkaufsrecht soll die Stadt unbebaute Grundstücke künftig einfach selbst erwerben können. Will der Eigentümer ein Grundstück verkaufen, muss er die Stadt informieren. Die kann es nun vor allen anderen Interessenten erwerben – zum vereinbarten Kaufpreis oder zum sogenannten Verkehrswert, der voraussichtlich für die Immobilie am Markt erzielt wird. Eine solche Verordnung gab es hier noch nie. Und schon jetzt bekommt die SPD für ihren Vorstoß Beifall von ungewohnter Seite. "Das ist ein Schritt nach vorn, den wir sehr begrüßen", sagt Björn Rosteck vom Bündnis "Mietenwahnsinn stoppen", während Heike Sudmann, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linken, sich freut, dass die SPD "endlich alle Möglichkeiten des Baugesetzes ausschöpft". Der Verwaltungsrechtler Gero Tuttlewski von der auch im Rechtsstreit um Flüchtlingsheime engagierten Kanzlei Klemm & Partner hält eine Vorkaufsverordnung, die immerhin für die ganze Reeperbahn gelten soll, indes für übertrieben: "Damit wird ein ganzes Quartier unter Generalverdacht gestellt", sagt er. Ähnliche "Vorverkaufssatzungen" gebe es zwar auch in anderen Kommunen, gerechtfertigt seien diese aber nur, wenn "so viele Gebäude leer stehen, dass die städtebauliche Entwicklung ernsthaft gefährdet" sei. Um die Baulücke am Spielbudenplatz zu schließen, solle sich die Stadt lieber auf Paragraf 176 des Baugesetzbuchs berufen: Damit können Eigentümer innerhalb einer von der Stadt gesetzten Frist zur Bebauung einer Fläche verpflichtet werden.

Wir haben den Masterplan!

Wer braucht noch den olympischen Gedanken, wenn er den klangvollen "Masterplan Active City" haben kann? Trotz der Absage an Olympia 2024 will die Hansestadt mithilfe dieses Strategiepapiers an bis zu 35 der ursprünglich 695 geplanten Sportprojekte festhalten, erklärt Christoph Holstein, Hamburger Staatsrat für Sport (SPD). Ausgehend von Kriterien wie Umsetzbarkeit und Bedarf, definierte man etwa das Ziel, bis 2024 in jedem Bezirk eine barrierefreie Sporthalle zu bauen. Die Rennbahn Stellingen soll so renoviert werden, dass Aktive dort im Winter parallel Rad und Schlittschuh fahren können. Man will den Plan des Clubs an der Alster unterstützen, das alte, sanierungsbedürftige Tennisstadion am Rothenbaum mit 13.200 Plätzen abzureißen und ein neues für 7.000 Zuschauer zu errichten, nebst zwei Hockeyfeldern. Das Alsterschwimmbad wiederum soll endlich eine wettkampftaugliche 50-Meter-Bahn bekommen – samt Tribüne. "Wir wollen die Stadt als Stadion entwickeln", fasst Holstein sein Konzept zusammen. Die Hamburger sollten Sport als ihren alltäglichen Begleiter wahrnehmen. "Das geht nur, wenn wir ihnen die Gelegenheit bieten, überall ohne großen Aufwand aktiv werden zu können – auch in der Innenstadt." Ein Vorbild sei zum Beispiel die Laufstrecke an der Außenalster: Im Idealfall könnten die Hanseaten nach der Arbeit auf solchen Wegen nach Hause joggen, statt die U-Bahn zu nehmen. Vielerorts wolle die Stadt auch "Bewegungsinseln" schaffen, an denen Trimm-dich-Geräte spontan zum Schwitzen einladen. (Gibt es dann auch Freiluft-Duschen?) All das soll Hamburg, so es denn tatsächlich realisiert wird, rund 40 Millionen Euro kosten. Im Vergleich zu dem, was für Olympia fällig gewesen wäre, ein echtes Schnäppchen.

Ganztagsschulen: Hamburg braucht Nachhilfe

In der Entwicklung des Ganztags ist Hamburg ganz vorn dabei, bei der Personalausstattung hat die Stadt aber offenbar Nachholbedarf. Das legt eine Studie der Bertelsmann Stiftung nahe. Dem gestern veröffentlichten Bericht zufolge sind vor allem weiterführende Schulen der Hansestadt personell schlecht ausgestattet. Im Gymnasium mit verpflichtendem Ganztag etwa absolvierten die Schüler 11,4 zusätzliche Wochenstunden, extra Personal stünde aber nur für 4,1 Stunden (36 Prozent) bereit. Damit liege Hamburg unter dem Länderdurchschnitt, nach dem 69 Prozent der zusätzlichen Lernzeit mit Personal abgedeckt seien. Das spiegelt sich der Studie zufolge auch in den Personalausgaben wider: Während Hamburg 9.000 Euro je Klasse und Jahr für die Ganztagsangebote an diesen Gymnasien ausgebe, seien es im Länderdurchschnitt 15.400 Euro. Von diesen Zahlen überrumpelt zeigte sich die Hamburger Schulbehörde. "Ich bezweifle, dass sie stimmen", sagte Pressesprecher Peter Albrecht. "Wir prüfen die Studie eingehend." Fest stehe allerdings, dass es "kaum ein Bundesland gibt, das so viel Geld für Ganztagsschulen ausgibt wie Hamburg". Diese Reaktion nennt Bildungsexperte Dirk Zorn, Mitarbeiter an dem Papier, ein "Scheinargument". "Das Maß an Transparenz, das wir schaffen, ist möglicherweise unangenehm für die Hamburger Schulbehörde", sagt er. "Wir halten ihr aber nur einen Spiegel vor." Immerhin einen Pluspunkt sammelt Hamburg laut Studie im Ländervergleich: So schreibe die Stadt jeder Ganztagsschule einen festen Mix aus Lehrern und Sozialpädagogen (je 40 Prozent) sowie Honorarkräften (20 Prozent) vor, der gewährleiste, dass der Fokus auch auf der sozialen Entwicklung der Kinder liege. Das sollte Bildungsexperte Zorn zufolge anderswo als Vorbild dienen: "Ganztagsschule muss mehr sein als nur mehr Unterricht."

Mittagstisch

Papa kocht im Pool

Die Poolstraße in der Hamburger Neustadt, ehemals ein Zentrum des jüdischen Lebens, wird von einem bunt gemischten Publikum frequentiert. Und so sitzen in dem hellen Ladenlokal mit der großen Fensterfront Hej Papa Kreative, Bauarbeiter, Bürovolk und Touristen neben Müttern mit kleinen Kindern, die es sich in den Fensternischen auf Kissen und Decken bequem machen. Seit der Eröffnung 2011 kochen Vater Heiner und Tochter Lisa, er eher klassisch (Zürcher Geschnetzeltes von Gallowaysteaks auf hausgemachten Spätzle mit Salatbouquet), sie etwas modern-exotischer (Marokkanische Gemüsetajine mit Kichererbsen, geschmolzenem Halloumi, geröstetem Sesam und Mandeln auf Orangencouscous). Die Zutaten sind fast immer saisonal, regional und oft aus kontrolliertem Anbau. Am Wochenende gibt es ein sehr beliebtes und üppiges Frühstück, werktags den täglich wechselnden Mittagstisch für 7,40 bis 9,80 Euro. Der Espresso Macchiato von Carroux hinterher könnte noch von einem Kuchen aus der Theke begleitet werden, doch dafür war die Portion vorher zu reichlich. Nehmen wir beim nächsten Mal also vielleicht nur eine Tarte-, Pasta- oder Salatvariation?

Neustadt, Poolstraße 32, Mo bis Fr 9 bis 17 und Sa und So 10 bis 17 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Stargespicktes Roadmovie: "My Private Idaho – Das Ende der Unschuld" mit River Phoenix, Keanu Reeves – nach einer Idee von Shakespeare. Metropolis, Kleine Theaterstraße 10, heute um 21.15 Uhr            

Schreibt gut, ist fesch: Supertyp Austrofred liest aus seinem Buch "Pferdeleberkäse" Reportagen und Essays. Na servus! Aalhaus, Eggerstedtstraße 39, heute um 20 Uhr                                            

Sehr verkehrstüchtig: Bei der Critical Mass radeln Tausende durch die Stadt, um auf den Individualverkehr aufmerksam zu machen. Verschiedene Orte, Startpunkt auf Facebook zu sehen, heute um 19 Uhr                               

Was kommt

Bitte Geduld mitbringen: Seit 60 Jahren fragt sich das Publikum bei Becketts "Warten auf Godot", wo der denn eigentlich bleibt. Thalia Theater, Alstertor, Samstag um 20 Uhr                                       

Offen gesagt: Pianist und Dirigent Marino Formenti ist ganz schön aufgeschlossen. Im "Open House" macht er mit allen, die wollen, Musik und Party. Haus 73, Schulterblatt 73, Samstag 14 bis 22 Uhr                        

"You’ll never walk alone": Bei der Stadionführung des FC St. Pauli muss niemand allein hinter die Kulissen blicken. Treffpunkt vor dem Clubheim, Budapester Straße, Sonntag um 10.30 Uhr                    

Zeichnen mit der Nähmaschine: Die Arbeiten der rumänischen Konzeptkünstlerin Geta Brătescu lassen sich in keine Schublade packen. Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, Sonntag von 10 bis 19 Uhr          

Schnack

Im Wartezimmer beim Arzt: Ein älteres Ehepaar kommt herein, beide nehmen sich eine Zeitschrift und machen es sich gemütlich. Plötzlich sagt er zu ihr: "Na, die Zeitschrift hier ist ja wohl auch schon was älter, da lebt der Westerwelle ja noch!"

Meine Stadt

Dass die alte Faltkunst Origami nicht nur in China oder Japan weit verbreitet ist, sondern auch hier leidenschaftliche Anhänger hat, durften wir in den letzten Tagen feststellen: Zweimal erreichten uns entsprechende Leser-Fotos. Auf einem waren vermeintlich vergessene Papierfiguren in der Bahn zu sehen – wirklich vergessen oder doch mit Absicht da gelassen? Denn schließlich, wir danken unserem Leser H. W. für den Hinweis, verzieren »Guerilla- Origami« in Asien, aber mittlerweile auch in den USA, Frankreich oder Polen schon länger den öffentlichen Raum. Da werden auf Parkbänken oder an Bäumen kleine Papierkunstwerke hinterlassen. Warum? Um anderen »den Tag zu erhellen«. Die französische Künstlerin Mademoiselle Maurice schmückt sogar ganze Häuserfassaden mit ihrer »Origami Street Art«. So ein paar kunstvoll gefaltete Farbkleckse wie hier in Korsika, Porto Vecchio könnten auch bei uns manch graue Betonwand aufwerten. © Foto: Mademoiselle Maurice


Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

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