Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

Überraschung gestern spätabends in der Hamburger Bürgerschaft: Als die meisten Abgeordneten längst erschöpft von den vorherigen Debatten waren, brachte der Fraktionslose Peter Pfiffmann seinen Antrag zur "Jogging-Beutelpflicht in Hamburgs Grünanlagen" zur Abstimmung. Pfiffmann führt seit Monaten einen Feldzug gegen Laufsportler, die ihre Notdurft am Straßenrand oder unter Büschen in Parks verrichten. "Sie benutzen nicht mal Beutel. Diese Leute sind schlimmer als Hunde!", schimpfte er im Plenum. Kaum einer der Anwesenden vermochte dem etwas entgegenzusetzen, offenbar wollte sich niemand die Sympathien von Hamburgs Hundebesitzern verscherzen. Pfiffmann führte weiter aus, die "Jogging-Beutel" müssten kompostierbar, also umweltfreundlich sein, und dagegen könne nun wirklich niemand etwas haben. Dann begann er, aus den Gelben Seiten vorzulesen, bis die zermürbten Parlamentarier ohne Debatte seinem Antrag folgten: Als einzige Stadt der Welt hat Hamburg nun eine Verordnung, nach der jeder Jogger "mindestens einen, bei Durchfall zwei" Kotbeutel griffbereit mit sich führen muss.

Polizei stürmt Schanzenhof

Im Schanzenviertel haben gestern rund 50 Menschen gegen die Übergabe des Schanzenhofs an einen neuen Mieter protestiert. Laut Polizei verbarrikadierten sich 20 Aktivisten im Inneren des Gebäudes. Die Beamten konnten sich nur Zutritt verschaffen, indem sie das eiserne Eingangstor aufbrachen. Dann verlief alles aber recht friedlich; laut Einsatzleitung verließen die Besetzer nach der Erteilung von Platzverweisen das Haus und übergaben den Abgesandten des neuen Besitzers die Schlüssel. Dem "Hamburger Abendblatt" zufolge hat der Hotelier Stephan Behrmann den entsprechenden Mietvertrag unterschrieben. Die Verträge der alten Mieter, des Hostels Schanzenstern, der Drogenhilfeeinrichtung Palette sowie einiger Künstler, waren Ende März ausgelaufen, die Mieterhöhung von mehr als 60 Prozent weigerten sie sich zu zahlen. "Mit der Kündigung wird das seit 25 Jahren bestehende und auf Vielfalt bedachte Projekt Schanzenhof durch Gentrifizierung und Hochpreisigkeit ersetzt", kritisierte der Verein Schanzenhof. Auch in letzter Minute wurden keine nachhaltigen Bemühungen aus der Politik bekannt, das Gebäude als alternativen Kultur- und Begegnungsort zu erhalten. Erst am Samstag hatten Autonome vor Ort randaliert, auch am Ostermontag warfen sie Scheiben von Geschäften ein.

Abrissbirne für die City-Hochhäuser

Aus für den City-Hof! Gestern hat die Hamburgische Bürgerschaft ein letztes Mal über die Hochhäuser aus den fünfziger Jahren debattiert, die 2013 unter Denkmalschutz gestellt worden waren. Trotzdem will die rot-grüne Regierung sie jetzt durch den Büro- und Wohnkomplex eines Investors ersetzen und dafür etwa 35 Millionen Euro kassieren. Der Streit um die Zukunft der vier Hochhäuser gärte seit Jahren und eskalierte vergangene Woche im Stadtentwicklungsausschuss, als Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD) den Abriss der Gebäude trotz gegenteiliger Auffassung des Denkmalschutzamts für genehmigungswürdig hielt. Kritik gab es auch, weil das angrenzende Weltkulturerbe Kontorhausviertel davon tangiert werden und sogar eine Aberkennung des Unesco-Titels drohen könnte. Dorothee Stapelfeldt (SPD), Senatorin für Stadtentwicklung, wies das gestern zurück. "Die Tristesse der Bauten wird heute doch von niemandem mehr bestritten", sagte sie. "Neue Gebäude werden das Weltkulturerbe nebenan nicht gefährden, sondern aufwerten." Die FDP hingegen forderte eine Sanierung des Komplexes und warf den regierenden Parteien "Denkmalschutz nach Gutsherrenart" vor. Dem pflichtete Birgit Stöver (CDU) bei: "Ob hübsch oder hässlich – es geht hier nicht um Geschmacksfragen." Ansonsten werde sich wohl künftig kein Eigentümer alter Immobilien mehr an die Auflagen des Denkmalschutzes gebunden fühlen. Am Abend entschied das Parlament mit rot-grüner Mehrheit für den Verkauf der Hochhäuser an das Unternehmen Aug. Prien. Ende 2017 könnte nun der Abriss erfolgen.

Schulschwimmen für die Integration

Die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Anna von Treuenfels wirft dem Hamburger Schulsenat vor, kein Interesse an der Integration muslimischer Kinder im Unterricht zu haben. Anlass ist die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Politikerin. Darin gibt der Senat zu, dass er nicht wisse, wie oft muslimische Schülerinnen die Teilnahme etwa an Schwimmstunden oder Klassenfahrten verweigerten. Auf Treuenfels’ Frage, wieso diese Zahlen nicht zentral erfasst würden, entgegnete man: "Das würde für die einzelne Schule eine erhebliche Belastung darstellen und Fachkräfte vom Bildungs- und Erziehungsauftrag abhalten." Die Behörde werde nur in Einzelfällen tätig. Das reicht der FDP-Politikerin nicht aus. "Berichten zufolge kommt es vielfach dazu, dass Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen", stellte sie fest. Für die "Integration und die Vermittlung von Werten in der Schule" aber sei der Besuch aller Angebote wichtig – von Jungen wie von Mädchen. Die Stadt müsse einen Überblick bekommen, ob die Kinder in die Aktivitäten der Schule eingebunden seien oder nicht. 

Fliegt der Adler – weg?

Bis zum Sommer stehen dem HSV richtungsweisende Entscheidungen bevor. Vier wichtige Spielerverträge laufen aus, drei weitere im Jahr darauf. Dazu zählt der von René Adler. Nun stellt sich die Frage, ob der Verein mit dem Torhüter vorzeitig verlängern soll – oder ihn lieber gewinnbringend verkauft. Immerhin zählt Adler mit einem geschätzten Jahresgehalt von 2,7 Millionen Euro zu den bestbezahlten Sportlern des Teams. Gegenüber dem "Hamburger Abendblatt" betonte er am Mittwoch: "Ich habe Spaß daran, diesen Verein mit Haut und Haar zu leben." Klingt nach Verlängerung. Aber kann der HSV sich das leisten? Sieben Spieltage vor Saisonende liegt er nur vier Punkte vor einem Relegationsplatz – der Abstieg winkt. Woher sollen dann die Millionen kommen? Möglicherweise aus einer Umverteilung der nationalen TV-Gelder: Erst am Mittwoch schloss sich der HSV mit Hertha BSC, SV Werder Bremen, Eintracht Frankfurt, dem 1. FC Köln und VfB Stuttgart zusammen. Das "Team Marktwert" will eine "gerechte" Verteilung der Medienerlöse erreichen. Bislang regelt das Zwei-Säulen-Modell einen einheitlichen Betrag für Erst- und Zweitliga-Vereine sowie einen weiteren für den jeweiligen Tabellenplatz. Jetzt soll es eine dritte Säule geben: den Marktwert eines Klubs. "So sollte zum Beispiel eine große Fangemeinde als Wert im TV-Ranking Berücksichtigung finden", heißt es in einer Pressemitteilung. Das käme dem HSV mit seinen fast 75.000 Mitgliedern sehr zugute – er dominiert die Fußball-Landschaft im hohen Norden. Für René Adler aber gilt es jetzt erst mal, den Klassenerhalt zu schaffen. Dann kann er klären, ob sein Horst in Hamburg bleibt.

Neue Tipps für den "Boss vom Bosporus"

Selten hat ein Satire-Beitrag für so viel Furore gesorgt wie der Song über "Erdowi, Erdowo, Erdogan" (wir berichteten). Jetzt hat das NDR-Magazin "extra 3" nachgelegt: Mittwochabend erklärte Moderator Christian Ehring dem türkischen Präsidenten: "Wenn Sie Kritik hören wollen, schauen Sie extra 3. Wenn Sie keine Kritik hören wollen, sprechen Sie mit der Bundeskanzlerin." Dennoch gab sich Ehring diplomatisch. Er versprach: Für jeden Witz, den türkische Satiriker über den Politiker machen dürften, nähme "extra 3" einen Gag zurück. Eine Anspielung auf die eingeschränkte Pressefreiheit in der Türkei. Das Musikvideo über Erdoğan hatte seit der Ausstrahlung am 17. März auf Diplomaten-Ebene für Ärger gesorgt. Der einbestellte deutsche Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann, wies die Beschwerde ab, ebenso die Bundesregierung. Die brauchte dafür allerdings eine ganze Weile. Erst Mittwoch ließ sie durch eine Sprecherin des Auswärtigen Amts verlautbaren, Meinungs- und Pressefreiheit seien nicht verhandelbar. Einen größeren Gefallen als seine aufbrausende Reaktion hätte Erdoğan Kritikern allerdings kaum tun können. Binnen einer Woche wurde das Satire-Video im Netz zweieinhalb Millionen Mal aufgerufen.

Mittagstisch

   

1, 2, 3, 4 …alles will versteckt sein

   

Gleich zu Anfang, damit keine Verwirrung entsteht: Das Bistro Eckstein hieß bis vor Kurzem Einstein. Damals war es noch Teil einer Kette, jetzt haben sich die Besitzer selbstständig gemacht. Fleischliebhaber kommen hier definitiv auf ihre Kosten: Mittags gibt es etwa "Champignon Burger" mit Hacksteak (6,90 Euro), "Putenmignons" mit Sauce Hollandaise (7,90 Euro) oder Rinderleber vom Grill (7,90 Euro). Auf der wöchentlich wechselnden Tageskarte steht aber auch immer eine vegetarische Option, zum Beispiel Gemüselasagne (6,90 Euro). Das Eckstein ist ein großes Restaurant, dem man den Ketten-Charakter noch ansieht. Eingerichtet ist der Laden im Stil eines alten Wiener Cafés – nur eben ohne dessen Charme. Hier schmeckt’s trotzdem.

Bistro Eckstein, Osterstraße 45, geöffnet von 11.30 Uhr bis 23 Uhr, Mittagstisch bis 17 Uhr

Hubert Mitteregger

 


Was geht

Starke Ladys: Damals hatten Frauen die Hosen an, oder? Der Dokumentationsfilm "Women in Rock" fragt Musikerinnen der achtziger Jahre wie Nina Hagen oder Siouxsie Sioux. Heute, 19 Uhr, Metropolis, Kleine Theaterstraße 10

Viel Glück und viel Segen: Die Event-Experten von "Mit Vergnügen Hamburg" feiern ihr Zweijähriges. Konfettiregen, Feuerwerk und Halligalli. Heute, 22 Uhr, Terrace Hill, Feldstraße 66

Tanz im April: Psst! Wir haben diese Veranstaltung verdeckt ermittelt – in "Cover Story" geht es tänzerisch um Verschwörung und Komplizenschaft. Heute, 20 Uhr, Kampnagel, Jarrestraße 20

Was kommt

Über den Trällerrand schauen: Klassik ist nicht nur was für Profis. Bei "Singing! 2016" erheben Anfänger und Fortgeschrittene gemeinsam die Stimme. Samstag, 18 Uhr, St. Michaelis, Englische Planke 1

Henne oder Ei – was war zuerst? Die Antwort bietet "Fröhliches Gegacker auf Gut Wulksfelde". Martin Grunert wird Ihnen alles über seine 2400 Hühner und 40 Hähne in mobilen Ställen erzählen. Samstag, 11 Uhr bis 12.30 Uhr, Gut Wulksfelde, Wulksfelder Damm 15–17

Radiosalon: Frei sein ist wunderschön, denn die Arbeit hat noch Zeit … aber wie frei sind wir wirklich? Das fragen sich unter dem Motto "Neue Welt und alte Freiheit – wie frei sind wir in unserem Handeln?" Jeanine Meerapfel (Akademie der Künste Berlin), Esra Küçük (Junge Islam Konferenz) und Professor Karl-Siegbert Rehberg (TU Dresden). Thomas Bille vom MDR und Martin Machowecz (Die ZEIT) moderieren den Radiosalon. Sonntag, 11 Uhr, Live-Übertragung auf allen ARD-Kulturradios

So ein Theater: Ein Affe an der Geige, Onkel Darwin am Saxofon – das klingt bunt und laut. Im Musical "Kleiner Dodo, was spielst du?" ärgert Dodo außerdem kackfrech das Krokodil. Für Kids ab 3 Jahren. Sonntag, 15 Uhr, Theater für Kinder, Max-Brauer-Allee 76

Hamburger Schnack 

   

Mittags am Bahnhof Sternschanze: Hunde spazieren brav neben ihren Herrchen. Kinder und Erwachsene warten geduldig an der roten Ampel. Plötzlich rennt ein pechschwarzer, großer Hund mit Gebell auf ein Kind zu, dreht kurz vorher ab, rast Richtung Schanzenpark weiter. Der Besitzer ruft freudestrahlend hinterher: "Nicht bellen! Beißen!"

Gehört von Florian Büh

 

Meine Stadt

Wir möchten noch einmal auf die oben erwähnte neue Hamburger Kotbeutelverordnung für Jogger zurückkommen. Wir müssen Ihnen etwas gestehen – sofern Sie es nicht selbst schon gemerkt haben: Die Verordnung, sie existiert ebenso wenig wie der Abgeordnete Pfiffmann. Schließlich ist heute der 1. April! Und außerdem: Laufsportler würden in Wirklichkeit doch niemals ...

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Kommen Sie gut durch diesen 1. April und haben Sie ein schönes Wochenende. Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.