Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

wer ist besser, rechtes oder linkes Ufer? Gestern stieg im CCH wieder das größte Schulschachturnier der Welt: Rund 2600 Schüler von Grundschule bis Gymnasium spielten mit beim Turnier "Rechtes Alsterufer gegen linkes Alsterufer". Wer Hamburg kennt, der weiß, dass dazwischen für viele nicht nur die Alster, sondern Welten liegen. Und diese loten die Hamburger Schüler schon seit 1958 einmal im Jahr mit Kopfsport aus. In der Gesamtbilanz bisher klar in Führung: das linke Alsterufer. Aber die vom rechten Ufer holen allmählich auf: Wie schon im vorigen Jahr trugen sie auch diesmal wieder den Sieg davon. Somit steht es 19 zu 36 Punkte (in ein paar Jahren müssen sich die Mädels und Jungs aus dem Westen aber echt ranhalten!); der Wanderpokal ging an die Bugenhagenschule Alsterdorf.

Übrigens: Schulsenator Ties Rabe, der das Turnier mit dem ersten Schachzug gegen die Stadtteilschule Ehestorfer Weg eröffnete (und man weiß ja, wie wichtig im Schach die richtige Eröffnung ist), der besuchte früher das Gymnasium Wentorf. Und dieses liegt zwar ein Stück entfernt, aber durchaus rechts der Alster ...

Günter Wallraff kämpft für Betriebsräte

Als Ende 2015 Mitarbeiter der Hamburger Computerspielefirma Goodgames einen Betriebsrat gründen wollten, wurden sie entlassen. Ihre Klage beim Arbeitsgericht läuft momentan noch. Immer öfter hört man von solchen Fällen, auch in Hamburg. Sei es ein Callcenter der Deutschen Post AG oder ein großer Versicherer wie die HUC-Coburg in Hamburg: Immer wieder kommt es zu Behinderungen bei der Gründung von Betriebsräten. Deswegen hat sich der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammengetan.

Hat ein Betrieb mindestens fünf Beschäftige, darf ein Betriebsrat gegründet werden. So steht es im Gesetz. Die Realität, sagen Sie, Herr Wallraff, sieht aber oft anders aus.

Es gibt einfach immer mehr Versuche, die gesetzlich garantierte Gründung von Betriebsräten zu verhindern. Das führt dazu, dass es in Deutschland ganze Regionen gibt, die betriebsratfrei sind. Zum Beispiel in den neuen Bundesländern.

Wie geht man gegen Betriebsrat-Gründungen vor?

In der ehemaligen DDR nannte man so was "Zersetzung". Man versucht, die Persönlichkeit von Menschen, die einen Betriebsrat gründen wollen, zu zerstören. Man schickt Abmahnungen am Wochenende mit Boten zu den Privathäusern der Beschäftigten. Um sie zu zermürben. Man schleust Privatdetektive als Praktikanten ein. Man hetzt Kollegen gegeneinander auf, versucht, Menschen zu isolieren. Das geht hin bis zu Methoden, wie aus einem Psychofolter-Handbuch der CIA entsprungen ...

Eine besondere Rolle kommt da Anwälten zu, sagen Sie. Wird mit dem Verhindern von Betriebsräten ein Geschäft gemacht?

Ja, manche Kanzleien spezialisieren sich darauf. Der Anwalt Helmut Naujoks hat zum Beispiel ein Buch geschrieben, das heißt "Kündigung von Unkündbaren". Ein Kapitel lautet: "Zwang zur Selbstaufgabe des Arbeitsplatzes". Andere Kanzleien bieten Coachings für Arbeitgeber an und annoncieren im Internet: "Wir machen nicht alles, was Recht ist" oder "Das Recht des Stärkeren liegt in der Natur einer jeden Sache". 

Häufen sich denn die Fälle von Betriebsrat-Bashing?

Ja, tun sie. Auch in Hamburg. Bei einer DGB-Veranstaltung mit mir gestern in Hamburg waren Vertreter von sieben Hamburger Betrieben anwesend, die über ihre Erfahrungen gesprochen haben. Es scheint, als zähle es nur noch, möglichst schnell den maximalen Gewinn einzufahren. Menschen werden zum reinen Wirtschaftsfaktor degradiert: Wertschöpfung statt Wertschätzung. Profitmaximierung als Selbstzweck.

Günter Wallraff hat sich mit dem Thema auch beschäftigt in seinem Buch "Aus der schönen neuen Welt", Kapitel: "Anwälte des Schreckens".

Bürgerbegehren vorerst gestoppt

Und weiter geht’s im Streit um die Bürgerbegehren gegen große Flüchtlingsunterkünfte. Wie der Senat verkündete, hat das Bezirksamt Hamburg-Nord die von der Volksinitiative "Hamburg für gute Integration" angestrebten Bürgerbegehren gegen Großunterkünfte für Flüchtlinge für unzulässig erklärt; das Urteil des federführenden Amtes wurde von den anderen Bezirken übernommen: Laut einer Mitteilung des Senats verstößt das Begehren gegen geltende Senatsbeschlüsse, mit denen man den Bezirken aufgetragen habe, "bis Ende 2016 5600 Wohnungen in auch deutlich größeren Einheiten als 300 Flüchtlinge pro Wohnungsbauvorhaben zu ermöglichen". Und jetzt? Der Dachverband der Initiativen gegen Großunterkünfte möchte gegen die Entscheidung vorgehen und Widerspruch einlegen. Das Bürgerbegehren sei vorher von mehreren Juristen geprüft worden, sagt Klaus Schomacker, Sprecher der Initiative. In den nächsten zehn Tagen muss die Finanzbehörde über den Einspruch der Initiative entscheiden. Und dann wird es in die nächste Runde gehen.

Währenddessen ist die Zahl der nach Hamburg kommenden Flüchtlinge wieder deutlich gesunken. Im März wurden insgesamt 1362 Schutzsuchende registriert. 643 von ihnen blieben in der Stadt, die übrigen wurden auf andere Bundesländer verteilt. Auch die Lage in der Zentralen Erstaufnahme entspannte sich etwas. Von den 18.000 Plätzen an den 39 Standorten waren im März rund 15.000 belegt. Allerdings müssen die Schutzsuchenden in der Regel nach sechs Monaten anderswo untergebracht werden.

Frauen? Sind häufiger krank

Männer und Frauen sind unterschiedlich – auch unterschiedlich krank. Zumindest laut einer aktuellen Studie der Hamburger Krankenkasse DAK, die sich mit "krankheitsbedingten Ausfalltagen" und deren Ursachen in der Arbeitswelt beschäftigt. "Der kleine Unterschied ist größer als gedacht", kommentiert der Vorstandschef der DAK, Herbert Rebscher. Denn es scheint so zu sein, dass Frauen zwar im Schnitt kürzer krankgeschrieben sind als Männer – dafür aber etwas häufiger. Bundesweit waren 2015 von 1000 Frauen im Schnitt 44 krank. Bei den Männern waren es durchschnittlich 39 von 1000. In Hamburg – in Großstädten verstärken sich solche Effekte erfahrungsgemäß – ist der Unterschied bei den "Fehltagen" noch größer: Im vergangenen Jahr meldeten sich von jeweils 1000 Versicherten 41 Frauen krank, aber nur 33 Männer. Sind die Hamburger Männer so hart im Nehmen? DAK-Sprecher Sönke Krohn versucht es wie folgt zu erklären: "Frauen sind öfter krankgeschrieben, weil sie einmal anfälliger sind für psychische Erkrankungen, wegen Schwangerschaftskomplikationen und weil es außerdem vor allem Frauen sind, die sich krankschreiben lassen, wenn das eigene Kind krank ist." Doch man sollte dabei nicht vergessen, dass trotz alledem auch die Hamburger Frauen deutlich unter dem bundesweiten Schnitt liegen – und das in einer Stadt, in der es fast eine Woche weniger Feiertage zum Erholen gibt als im Süden Deutschlands.

Hamburger Verkehr am wenigsten tödlich

Gute Nachrichten aus der Innenbehörde. Im vergangenen Jahr sind 20 Menschen in Hamburg bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Das soll gut sein? Ist es natürlich nicht. Nimmt man aber nur die reine Statistik, bedeutet es, dass die Zahl der Verkehrstoten in Hamburg auf dem niedrigsten Stand seit mehr als 60 Jahren ist: Im Vorjahr gab es noch 18 Verkehrstote mehr. Dies ist das Ergebnis der Straßenverkehrsbilanz 2015, die Innensenator Andy Grote (SPD) gestern vorstellte. "Das Risiko, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, ist in Hamburg deutschlandweit am geringsten", sagt Grote. Doch natürlich ist jeder Verkehrstote einer zu viel. Und Polizei und Innensenat beobachten auch andere, besorgniserregende Entwicklungen. Die Zahl der Ablenkungen im Straßenverkehr steigt. "Immer häufiger beobachten wir, dass Kraftfahrer wie selbstverständlich ihr Smartphone während der Fahrt benutzen und scheinbar kein Gefahrenbewusstsein dabei haben", sagt Grote. Auch Fußgänger und Radfahrer seien von diesem Trend betroffen. Das Smartphone als Unfallursache Nummer eins (haben Sie gestern unseren Letter gelesen?)? So weit soll es nicht kommen. Grote kündigte an: "Wir werden auf diese Erkenntnisse reagieren."

Feuerwehr und Flamme

Die Feuerwehr in Hammerbrook ist lahmgelegt worden: Ausgerechnet durch ein Feuer. Vermutlich hat es einen Kurzschluss in einem Schaltschrank gegeben, auf jeden Fall brannte es am Montagvormittag in der Feuerwehrzentrale. Das ist etwa so, als würde ein Dieb bei der Polizei einbrechen. Das Feuer wurde schnell wieder gelöscht, und zum Glück kam kein Mensch zu Schaden. Allerdings standen die Feuerwehrmänner plötzlich auf der Straße: Der Strom in ihrer Einsatzzentrale war weg. Also zogen die Feuerwehrmänner – welch Solidarität! – bei den Kollegen von der Polizei in Alsterdorf ein. Angeblich eine ganz gängige Praxis. (Wir wussten gar nicht, dass es dazu schon häufiger Anlass gab.) Immerhin: Wenn es brennt, kann man einfach bei der alten Nummer anrufen.

Mittagstisch

Very english Backfisch

Wer in der Hamburger Innenstadt Backfisch essen und dabei nicht enttäuscht werden will, geht zu Daniel Wischer. Die meisten der hier Aufgewachsenen waren schon als Kind dort, oft mit der Oma. Die behielt drin dann den Hut auf. Warum, mag man sich fragen, sollte man dann in der Innenstadt das Gleiche in einem anderen Laden essen? Ganz einfach: Weil The Funky Fish, so heißt das Lokal, auch gut ist. Dort wird Kabeljau im Backteig gereicht, es gibt Pommes frites aus frischen Kartoffeln, auf den Tischen stehen HP-Sauce und Essig. Zu trinken gibt es Limonaden aus Nordengland sowie Weißwein, Bier und Cider. Die klassischen Fish'n'Chips kosten 7,50 EUR, die ebenfalls gute Fischfrikadelle ("Fish Cake") mit Kräutern 5,40 EUR. Neben dem Backfisch hätte man gern eine der wöchentlich wechselnden Pizzen mit Fisch probiert (8–10 EUR). Die gibt es aber erst ab nächster Woche, unter anderem Pizza mit Matjestatar. Und der Liverpooler Labskaus wird dann auch gleich getestet.

Altstadt, Große Bäckerstraße 8, Mo bis Mi 11.45–14.30, 17.30–21.30, Do bis Sa 11.30–21.30

Steffen Richter


Was geht

Konzert: Fetter Jazz bei "FatJazz". Diesmal an der Reihe: Studnitzky Quartett und Late Night Concert. Zwischen Jazz, Klassik und Electro. Golem, Große Elbstraße 14, 20–30 Uhr

Vortrag: Der Philosoph Richard David Precht und Kester Schlenz vom "stern" begeben sich auf eine Reise zurück in die Antike. Und beschäftigen sich mit den Daseinsfragen dieser Zeit. Kampnagel, Jarrestraße 20, 20 Uhr

Kunst: Kann ein Künstler in einer mediendominierten Welt noch er selbst sein – oder spielt er nur eine Version von sich? In "Special Effect Picasso" geht es genau darum. Um Pablo Picasso und das Klischee des Künstlers in den Medien. Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, 20 Uhr

Was kommt

Am Donnerstag, dem 21.4., stellt ZEIT-Kollege Gero von Randow im Hamburger Körber Forum sein neues Buch "Der Cyborg und das Krokodil" vor. Eine Analyse unseres heutigen Lebens im Takt der Technik: Von Randow schreibt über die gesellschaftlichen, philosophischen und ethischen Implikationen von Schraubenschlüsseln und Metallbaukästen, Kampfdrohnen und Robotern, Atombomben und Cyborgs, Big Data und dem Internet der Dinge.

Für unsere Leser verlost die Körber-Stiftung fünf Exemplare des Buches. Bitte schicken Sie einfach bis morgen, Donnerstag, 12 Uhr, eine Mail an elbvertiefung@zeit.de 

Hamburger Schnack

   

U-Bahn Richtung Rödingsmarkt, ein Platz wird frei, und das sehen: eine Dame und ein Werftarbeiter. Beide wollen sich setzen und stoßen zusammen. Die Dame: "Oh – zwei Seelen und ein Gedanke!"Der Werftarbeiter: "Jo – een Platz un veer Oorsbacken!"

Gehört von Arne Bruhn

 


Meine Stadt

Fantastischer Besuch in der HafenCity © Foto: stefan_rebbin via Instagram

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unterwww.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.