Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

kommt Gott jetzt rein? Oder wieder nicht?

Wenn es um Ihn geht, schauen wir auch mal über die Landesgrenze: In Schleswig-Holstein soll künftig ein Gottesbezug in der Verfassung stehen. Befürworter sammeln dort gerade die notwendigen Stimmen für eine Verfassungsänderung. Der müssen zwei Drittel der Abgeordneten zustimmen; ob es dazu kommen wird, ist derzeit noch offen. 

Es ist der zweite Versuch, Gott in Kiel zu installieren; im Oktober 2014 hatte der Landtag nach heftiger Debatte eine reformierte Landesverfassung beschlossen – ohne Gottesbezug. Den hatte die CDU-Fraktion, aber auch Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) im Vorfeld gefordert. Und nachdem Gott gescheitert war, starteten unter anderem die beiden früheren Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen (CDU) und Björn Engholm (SPD) eine Volksinitiative. Die sammelte mehr als das Doppelte der erforderlichen 20.000 Unterschriften, sodass der Landtag sich nun erneut mit Gott befassen muss. In der Präambel soll dem Entwurf zufolge künftig die Rede sein von der "Verantwortung, die sich aus dem Glauben an Gott oder aus anderen universellen Quellen gemeinsamer Werte ergibt". Einige andere Landesverfassungen nehmen ebenfalls Bezug auf etwas Höheres, auch im Grundgesetz steht die Formulierung "in Verantwortung vor Gott und den Menschen". Das ist nicht als Frömmelei gedacht, sondern als Hinweis auf die Grenzen des menschengemachten Staates, der niemals die absolute Wahrheit für sich beanspruchen kann.

Die Hamburger Verfassung nimmt übrigens nicht Bezug auf Gott. Sie leitet ihre "durch Geschichte und Lage zugewiesene, besondere Aufgabe" selbstbewusst von ihrem Status als "Welthafenstadt" ab. 

Räder zählen

Sie sei ein "nutzloses, überflüssiges Spielzeug", findet der Bund der Steuerzahler. Die Satiresendung "Extra3" des NDR packte sie in die Rubrik "Der reale Irrsinn". Und nicht wenige Hamburger schütteln den Kopf bei dem Gedanken, dass eine Fahrradzählstation, die am Wegesrand steht und blinkend Radler zählt, mehr als 30.000 Euro kosten soll. SPD und Grüne wollen dennoch, wie bisher schon an der Alster, in jedem Bezirk eine aufbauen. "Wer Verkehrsplanung vernünftig gestalten möchte, braucht verlässliche Datengrundlagen", verteidigt der verkehrspolitische Sprecher der Grünen Bürgerschaftsfraktion, Martin Bill, den Plan. Tatsächlich: Bis in die 2020er Jahre soll sich das Radaufkommen in der Stadt verdoppeln. Da wäre bedarfsorientierte Verkehrsplanung schon ganz schön. Doch liefern die Stationen zuverlässige Daten? Es wird schließlich immer wieder behauptet, auch Übergewichtige und Kinderwagen würden gezählt. Das sei nicht der Fall, versichert Bill. "Wie an Kraftfahrzeugzählstellen erfolgt die Erfassung durch Induktionsschleifen auf der Fahrbahn. Jedes Fahrrad, das sich über den Radweg bewegt und mittels einer typischen Magnetsignatur die Induktionsschleife auslöst, wird gezählt." Es gebe zwar eine Fehlerquote von fünf Prozent, diese werde aber in den Ergebnissen bereits berücksichtigt. Warum also die Aufregung? Vielleicht, weil die Zählstation von der Politik zum Symbol gemacht wurde. Gut sichtbar, blinkend, sollte sie Werbung für Hamburg als Fahrradstadt sein – "seht her, liebe Hamburger, wie viele Radfahrer es schon gibt. Ist das nicht toll?!". Ach so, um noch einen Mythos aus der Welt zu schaffen: Auch Hunde, sagt Bill, würden durch die Zählwerke "grundsätzlich nicht erfasst." Außer natürlich, sie fahren Fahrrad.

Der Flüchtlingsschreck

Gero Tuttlewski ist Anwalt. Der Anwalt, der die Kläger an der Sophienterrasse vertrat. Und der jetzt die Bürgerproteste gegen andere Unterkünfte begleitet. Der Fall Sophienterrasse ist mittlerweile gut zwei Jahre her, es war zu Anfang der Flüchtlingskrise. Die Stadt Hamburg suchte händeringend nach Flächen, und in Harvestehude stritt man über Details des Baurechts. Manche fanden das absurd, Gero Tuttlewski fand es gerechtfertigt. Der Fall machte ihn bekannt. Ihn, den "kleinen Provinzanwalt", wie der rund zwei Meter große Mann mit weicher Stimme sich selbst nennt. 13 Jahre arbeitet er bereits im Baurecht – und dieses ist nun ins Zentrum einer gesellschaftlichen Debatte gerückt. Mittlerweile vertritt seine Kanzlei Klemm & Partner elf Klagen gegen Flüchtlingsunterkünfte in der Stadt, 15 weitere im ganzen Land sind in Vorbereitung. Tuttlewski sagt dazu gern "Einzelfallgerechtigkeit": Nur weil es sinnvoll sei, Flüchtlinge in reicheren Stadtteilen unterzubringen, heiße das nicht, dass man es einfach gegen alle Bebauungspläne durchdrücken könne. Tuttlewski ist mit seiner Arbeit auch zum Feindbild geworden. Es sei seine Schuld, wenn Menschen in Baumärkten auf Feldbetten ausharren müssten, sagen viele. Aber streitet der Anwalt für Fremdenfeinde, oder verteidigt er den Rechtsstaat? Das Porträt von unserem Kollegen Sebastian Kempkens lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der ZEIT im Ressort Recht & Unrecht.

Des Hamburgs neuer Kern?

In Hamburg wird gebaut und geplant, Bahnhöfe werden verlegt, Ortsteile geschaffen – die Stadt sorgt für dringend benötigten Wohnraum. Bisher war die HafenCity hierfür das bekannteste Beispiel, nun kommt die neue Mitte Altona. Im neuen Wohngebiet an den Bahngleisen soll die Sozialstruktur gut gemischt werden, soll es Wohnungen für Bedürftige geben, Miet- und  Eigentumswohnungen und Projekte von Baugenossenschaften. Ist der bisherige Fernbahnhof Altona erst mal an den Diebsteich verlegt, wird das kommende Wohngebiet in Richtung Ottensen vergrößert. Und wenn die Holstenbrauerei ihr altes Gelände verlässt, werden ab 2018 auch dort Wohnungen entstehen. Insgesamt heißt das: neuer Wohnraum für knapp 9000 Menschen. Und das bedeutet auch eine ganz neue Dynamik in Hamburg. Denn am Ende wird in Altonas Norden ein ganzer neuer Stadtteil für 10.000 bis 12.000 Menschen entstanden sein. Wird der neue Bahnhof Diebsteich nicht mehr im Nirgendwo sein, sondern inmitten dicht bewohnter Straßenzüge. Und dieses neue große Bahnhofsviertel wird dicht am Zentrum von Eimsbüttel liegen, schon heute eine der lebendigsten Gegenden der Stadt: Zwischen Eimsbüttel und Altona, beschreibt Martin Petersen hier für ZEIT ONLINE Hamburg, entsteht ein neues urbanes Zentrum.

Hamburger Kolonialherren

Hamburg hat als Hafenstadt stark vom deutschen Kolonialismus profitiert. Wie stark, blieb lange im Verborgenen. Bis der Senat beschloss, Hamburg als erste Stadt Europas diese Vergangenheit aufarbeiten zu lassen. Seit knapp einem Jahr forscht an der Hamburger Universität nun Jürgen Zimmerer mit einem achtköpfigen Team nach den Spuren der Kolonialzeit in Hamburg, unter anderem auch unterstützt von der ZEIT-Stiftung. Zimmerer will mit seiner Forschung aber keine Schuld zuweisen: "Uns geht es nicht um moralische Verurteilung, sondern um die Frage, wer in welcher Weise beteiligt war und wie dies Hamburg geprägt hat", sagte er der "Welt". Eine seiner Erkenntnisse: Hamburg war um die Jahrhundertwende Europas Zentrum für die Verarbeitung von Kautschuk, es gab einen regelrechten Boom – der unter anderem deshalb möglich gewesen sei, weil Hamburger Kaufleute rund 2000 Dorfbewohner in Kamerun getötet oder in Zwangsarbeiterlagern gefangen gehalten hätten. Viele Spuren deutscher Kolonialherrschaft führen nach Hamburg. Carl Hagenbeck eröffnete die erste "Völkerschau" und stellte Somalier und Äthiopier aus. Und die Kaufleute der Handelskammer drängten Bismarck, afrikanische Ländereien zu vereinnahmen. Unter dem Titel "Hamburg: Deutschlands Tor zu kolonialen Welt. Über den Umgang mit einem schwierigen Erbe" werden in einer Ringvorlesung an der Hamburger Universität ab Mittwoch Ergebnisse des Forschungsteams vorgetragen.

Heute haben wir gelacht!

Ina Müller, 50, kann viele Tonlagen: von charmant blödelnd über ernst und leise bis hin zu laut und zotig – sowohl als Sängerin als auch als Moderatorin. Ihre Sendung "Inas Nacht" kommt ins zehnte Jahr, bald wird die 100. Sendung aufgezeichnet, wie immer in der Kneipe Zum Schellfischposten am Hamburger Hafen. Vor den offenen Fenstern singt traditionell ein Shantychor kommentierend dazwischen – in der Kneipe selber ist kein Platz für ihn. Das Kultformat mit der singenden Ina zeigt Hamburg in der ARD von seiner anderen Seite: der feuchtfröhlichen, neugierigen, entspannt quatschenden, die dem Norden vom Rest der Republik nicht so richtig zugetraut wird. Umso erstaunter gibt sich die Entertainerin deshalb, dass einige Gäste vor der Show ein bisschen Bammel haben. "Ich verstehe überhaupt nicht, wie man vor mir oder vor der Sendung Angst haben kann. Locker machen und hoch die Tassen – es gibt ja fast kein leichteres Format im Fernsehen." Nun: fast. Denn Ina Müller interessiert sich wirklich für ihre Gäste – und falls sie etwas nicht spannend findet, unterbricht sie, und das so lange, bis sie wieder bei etwas gelandet ist, das ihr gefällt. So entlockt Müller bei Bier und Kneipenatmosphäre selbst Medienprofis immer wieder etwas Neues. Ihrerseits Angst, dass ihr bald die Gäste ausgehen, hat sie aber nicht. Und sie verspricht: "Ich mache Schluss, sobald Schäfer Heinrich von ›Bauer sucht Frau‹ zu mir in die Bank rutscht." Hoffen wir, dass sich der Mann noch lange vom Schellfischposten fernhält.

Mein Rezept für den ZEIT-Kochtag

   

Lieblingsessen der Familie

   

Heringssalat mit Bratkartoffeln für 2 Personen (Lieblingsessen aller Pelzfamilienmitglieder zwischen 2 und 80 Jahren)

Zutaten für den Salat: 1 Portion Heringsfilets in Sahnesoße, 1 rote Paprika, 1 Apfel, ½ Gurke oder saure Gürkchen nach Belieben

1 kg gekochte Kartoffeln, Öl zum Braten

Für den Heringssalat alle Zutaten klein schneiden und vermischen. Die Kartoffeln mit Liebe und Geduld von beiden Seiten bräunen, leicht salzen. Guten Appetit!

Tia Pelz, Borgfelde



Bis zum Freitag veröffentlichen wir an dieser Stelle jeden Tag ein Rezept für den ZEIT-Kochtag am Freitag (bitte mit Namen und kompletter Anschrift an elbvertiefung@zeit.de – Name und Stadtteil werden veröffentlicht). Und dessen Verfasser laden wir am Freitag, 12 Uhr zum Mittagessen in die ZEIT-Kantine ein. Es kochen VLET-Küchendirektor Thomas Sampl und sein Küchenchef Knut Wunderlich. Viel Glück!

 

Was geht

Konzert: Berliner Elektropopusik, zu der man exzellent tanzen, knutschen und vor allem lachen kann, kommt von Stereo Total. Stets ironisch und manchmal schräg. Uebel und Gefährlich, Feldstraße 66

Kinder: Wie das "Literarische Quartett" – nur mit kleineren Größen: Bei "Gedichte für Wichte" lesen Kinder gemeinsam (Bilder-)Bücher. Bücherhalle Horn, Am Gojenboom 46, 9.15 Uhr

Diskussion: "Give peace a chance", fordern fünf internationale Gäste im Rahmen des Forums "Kultur schafft Frieden weltweit". Mit Khuê Pham, Redakteurin der ZEIT. Thalia Theater, Alstertor, 20.30 Uhr

Ausflug: Lecker, diese Pflanzengattung der Kernobstgewächse aus der Familie der Rosengewächse! Bei "Obst entdecken in seinen vielen Facetten" lernt man alles über – Äpfel! Obsthof Matthies, Am Elbdeich 31, Jork, 12 Uhr

Meine Stadt

Hamburger Schnack

   

In der U-Bahn wird ein Platz frei, der von einer korpulenten Dame besetzt war. Ein schmächtiger Mann nimmt darauf Platz, räkelt sich und sagt: "Oh, wie schön!" Darauf antwortet die Dame: "Meenst du, ich have en Icebütel in de Büx!"

Gehört von Sylvia und Hauke Müller-Dominik

 

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Haben Sie Ihren Weihnachtsbaum immer noch nicht entsorgt?

Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr