Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

bitte lächeln – die Hamburger Autofahrer konnten es wieder mal nicht lassen. Gestern, beim 4. bundesweiten Blitzmarathon kontrollierte die Polizei an 150 Stellen in der ganzen Stadt das Tempo. Und obwohl sie alle Messpunkte vorab bekanntgegeben hatte: die Radarfallen hatten genug zu tun. Allein an der Straße Curslacker Neuer Deich blitzte es in 45 Minuten 60 Mal. Eine genaue Bilanz soll heute vorgelegt werden, die Fotos, wohl leider nur in Schwarz-Weiß, werden dann später verschickt.

Die Innenbehörde bezeichnete den Marathon als "vernünftige Sache", obwohl mancher an der Nachhaltigkeit der Aktion zweifle, weil schließlich Zeit und alle Orte vorher verraten würden. Aber wie es aussieht, hält nicht mal das die Raser vom Rasen ab. Wenn es sich also nicht um eine subtile Form von Exhibitionismus handelt: Vielleicht sind die Fotos ja zu billig?

Wenn der Sinn des Lebens erlischt

Erstmals haben sich zwei Flüchtlinge in Hamburg das Leben genommen. Das ergibt die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Christiane Schneider (Die Linke). Ein Mann aus Eritrea hatte sich im vergangenen Dezember an der Holstenstraße von einem Zug überrollen lassen. Im März erhängte sich in der Zentralen Erstaufnahme Rugenbarg eine Frau aus dem Irak. Flüchtlinge erreichen Deutschland oft schwersttraumatisiert. Warum vielen der Suizid als letzter Ausweg erscheint, erklärt Julia E. Flor, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Psychiatrischen Ambulanz Mümmelmannsberg.

Frau Flor, warum nehmen sich Flüchtlinge das Leben, wenn sie doch endlich im sicheren Deutschland angelangt sind?

In Deutschland ist zwar kein Flüchtling unmittelbar mit dem Tode bedroht. Aber der Aufenthalt hier ist für die wenigsten auf Dauer sicher. Sie müssen damit rechnen, in traumatische Situationen zurückgeschickt zu werden.

Zunächst aber befinden sie sich doch in Sicherheit. Rational gesehen, macht es keinen Sinn, sich nach der gefährlichen Flucht nun selbst das Leben zu nehmen.

Die meisten kommen ja nicht hierher, um nur ihr eigenes Leben zu retten. Sie wollen ihre Familie in Sicherheit bringen. Wenn das nicht gelingt, bietet die Zukunft keine Perspektive mehr. Ich habe vor Kurzem zum Beispiel einen Mann aus Syrien behandelt. Seine Frau und seine Tochter sind bei dem Versuch, ihm über das Mittelmeer zu folgen, ertrunken. Der Sinn der Flucht, der ganzen Plackerei, war damit von jetzt auf gleich erloschen. Das übersteigt das Verarbeitungsvermögen der Psyche.

Können Sie Menschen mit derart schockierenden Erlebnissen helfen?

Eine starke Psyche kann mit schwerem Schock und Entsetzen fertigwerden. Wenn sich traumatische Ereignisse aber häufen, wirkt der Suizid oft wie der letzte mögliche Ausweg. Zu persönlichen Verlusten kommen bei vielen Flüchtlingen Kriegserlebnisse und furchtbare Szenen von der Flucht. Klar, diejenigen, die es zu uns nach Deutschland schaffen, sind schon die Überlebenden – die Starken. Aber wenn wir ihnen nicht genügend Hilfe anbieten, werden mit der Zeit immer mehr von ihnen abgleiten.

Wie kann man das verhindern?

Ein Stichwort ist Perspektive. Flüchtlinge hatten in der Heimat meist irgendwann mal ein harmonisches Leben mit Beruf, Familie, materiellem Wohlstand. All diese Werte sind auf einen Schlag weg. Damit stirbt ein Teil der eigenen Identität. Zusätzlich bricht jetzt noch die Hiobsbotschaft über viele Menschen herein, dass der Familiennachzug vorerst unmöglich wird. Wer weiß denn, ob die Ehefrau, das Kind in der Heimat noch leben, wenn zwei Jahre vorüber sind? All das können wir nur auffangen durch Integration – ein wesentlicher Teil davon ist  psychologische und psychiatrische Begleitung. Die krankt aber schon daran, dass Therapien kaum von den Kassen bezahlt werden. Wenn die Genehmigung dann endlich vorliegt, will oft keiner den Dolmetscher finanzieren. So kann das nicht funktionieren. Viele niedergelassene Ärzte lehnen aus diesen Gründen die Arbeit mit Flüchtlingen ab.

Was geschieht dann mit den Menschen?

Wir versuchen, sie in nonverbalen Therapien unterzubringen. Ergo- und Kunsttherapie zum Beispiel. Dass der Hamburger Senat vor diesem Hintergrund allerdings behauptet, der Zugang von Deutschen und Geflüchteten zu ärztlicher Hilfe sei gleich, ist völlig absurd!

(Wie der Zentrale Koordinierungsstab Flüchtlinge nach dem Interview bekannt gegeben hat, beging doch nur ein Flüchtling Suizid. Die Frau in der Zentralen Erstaufnahmene Rugenbarg strangulierte sich selbst, hat aber überlebt.)

AIDA: Umweltsünder oder Primaballerina?

Als "Kreuzfahrtschiff mit der modernsten Umwelttechnologie der Welt" soll die AIDAprima in die Geschichte eingehen. So bewirbt die Reederei AIDA Cruises ihr neues Schiff, das gestern erstmals in den Hamburger Hafen einlief. Ein "Dual-Fuel-Motor" soll mit Flüssigerdgas laufen, Landstrom-Anschlüsse könnten für eine hohe Energieeffizienz sorgen. Besonders stolz aber ist die AIDA-Kette auf das neue Abgas-Filtersystem, das Rußpartikel, Schwefel- und Stickoxide um bis zu 99 Prozent reduzieren soll. Bisher haben Kreuzfahrtschiffe einen hohen Ausstoß von Feinstaub und Ruß, die Stoffe gelten als ähnlich krebserregend wie Asbest. "Eine tolle Sache", urteilt deshalb Malte Siegert vom Umweltschutzverbund NABU über den neuen Abgasfilter. "Aber es gibt noch keine Beweise dafür, dass dieses System funktioniert." Der NABU habe darum gebeten, das System vor Ort begutachten und messen zu dürfen. "Bis jetzt durften wir das nicht", so Siegert, "deshalb gehen wir davon aus, dass irgendwas nicht stimmt." Die Erklärung: Das Wunderwerk der Technik, es läuft noch gar nicht. Monika Griefahn, ehemals niedersächsische Umweltministerin und Greenpeace-Mitbegründerin und mittlerweile Umweltdirektorin von AIDA Cruises, winkt ab: "Der Betrieb des Filtersystems im Hafen von Hamburg ist aus rechtlichen Gründen derzeit nicht gestattet." In den nächsten Wochen aber solle der Testbetrieb aufgenommen werden. "Zu gegebener Zeit" lade das Unternehmen dann zu einem Bordbesuch ein. Malte Sieger stellt das nur bedingt zufrieden: "Zurzeit scheint das Ganze noch sehr viel PR mit sehr wenig Effekt zu sein." 

Bücher ohne Atomstrom

Haben Sie schon mal "erneuerbar" gelesen? Nicht? Dann besuchen Sie doch das Literaturfestival "Lesen ohne Atomstrom – die erneuerbaren Lesetage". 2011 haben Leser und Schriftsteller sie gemeinsam gegründet, als Gegenveranstaltung zu den "Vattenfall-Lesetagen", benannt nach dem gleichnamigen Energie- und Atomkonzern. Der hat sein Festival mittlerweile begraben (aber nicht die Nutzung atomarer Energie), während "erneuerbar lesen" sich zum Erfolgsmodell entwickelt hat. Gestern jedenfalls eröffnete Obama höchstpersönlich das diesjährige Event. Nicht Barack, aber seine Schwester Auma. Nach einem Vortrag aus ihrem Buch "Das Leben kommt immer dazwischen" diskutierte sie in der Laeiszhalle mit Ex-Deutschlandfunk-Chefredakteur Rainer Burchardt über Migrationsfragen. Bis zum 27. April werden täglich namhafte Autoren und Künstler mit Lesungen folgen, zum Beispiel Katja Riemann, Bela B. und Mathieu Carrière. Sie treten damit in Fußstapfen von Festival-Teilnehmern wie Günter Grass und Frank Schätzing. Wie wäre es im Anschluss – das Wetter wird ja endlich besser, auch wenn es unser Meteorologe natürlich nicht weiß – mit "erneuerbarem Sonnen" im Garten? "Lesen ohne Atomstrom – die erneuerbaren Lesetage", 21. bis 27. April, mehr Informationen hier

Derby mit "Endspielcharakter"

Heute Abend steigt in Hamburg das 104. Nordderby zwischen dem HSV und Werder Bremen. Der NDR taufte das Traditionsduell bereits in "Notderby" um – immerhin kämpfen die Rivalen vier Spieltage vor Schluss gegen den Abstieg. Breitet sich unter den HSV-Fans Pessimismus aus? Laut einer Umfrage des "Hamburger Abendblatts" rechnen aktuell 70 Prozent damit, dass der HSV zum dritten Mal in Folge "nachsitzen" muss, um doch noch den Klassenerhalt zu schaffen. Dieses Ergebnis will Timo Horn, Chef der HSV-Supporters, nicht überbewerten. "Online-Umfragen sind immer kritisch zu betrachten. Die Frage ist: Wer stimmt da ab?", sagt Horn, der die Stimmungslage als "sehr gemischt" wahrnimmt. Vor dem heutigen Derby mit "Endspielcharakter" reiche das emotionale Spektrum im Fanlager "von freudiger Erwartung bis zu ängstlicher Sorge". Verliert der HSV heute Abend, wähnt der Supporters-Chef den Klub erneut mittendrin im Abstiegskampf. Nur mit ganz anderen Vorzeichen: Rettete sich der HSV zuletzt zweimal aus fast aussichtsloser Position in die Relegation und wahrte so die Chance auf den Ligaverbleib, fühlte er sich in dieser Saison schon sicher und muss nun doch wieder bangen. "Mich macht das gerade verrückt. Das geht vielen anderen auch so", sagt Horn. An Rückhalt sollte es dem HSV nicht mangeln. Fan-Märsche und ein Fan-Spalier für den Mannschaftsbus sollen Optimismus verbreiten und Mut machen. Letzteres ist auch Ziel einer Supporters-Aktion in der Arena: Für 2,50 Euro kann man Silikonarmbänder erwerben und sich für den Kampf gegen Blutkrebs engagieren. Der Erlös fließt jeweils zur Hälfte an die José Carreras Leukämie-Stiftung und die Hilfsaktion "Du musst kämpfen!"

Mein Rezept für den ZEIT-Kochtag

Mohnknödel mit Pilzen


2 Zwiebeln

3 EL Öl zum Braten
400 g Mohnbrötchen vom Vortag
200ml lauwarme Milch

4 Eier

Schnittlauch, Petersilie

Salz, geriebenen Muskat, schwarzen Pfeffer
500 g gemischte Pilze

250 ml Sojasahne

4 EL Preiselbeermarmelade

Zwiebeln würfeln, die Hälfte in 1 EL Öl anbraten, Brötchen würfeln, Milch dazugießen, Eier verquirlen, Schnittlauch und Petersilie hacken. Die Hälfte der Kräuter, die Eier, gebratene Zwiebeln und Milch in die Masse kneten, Salz und Muskat zugeben. 20 Min. quellen lassen.

Den Teig mit feuchten Händen zu Kugeln formen, in kochendes Salzwasser geben, Hitze reduzieren, 20 Min. gar ziehen lassen. Inzwischen Pilze schneiden, mit dem Rest der Zwiebeln in Öl 5 Minuten braten, Sojasahne zugeben. Kurz köcheln lassen, salzen, pfeffern und restliche Kräuter unterheben. Wenn die Knödel an der Oberfläche schwimmen rausnehmen, abtropfen lassen und mit Pilzen und Marmelade anrichten. Guten Appetit!

Sylvia Glatzer, Altona


Heute ist er schon, der ZEIT-Kochtag. Viele unserer Leser schwingen die Kochlöffel, für ihre Freunde und für gesundes Essen und Genuss. Und diejenigen, die uns in den letzten Tagen ihr Rezept für heute Abend verraten haben, sind heute Mittag zu Gast in der ZEIT-Kantine bei Vlet-Küchendirektor Thomas Sampl und seinem Küchenchef Knut Wunderlich.

 

Was geht

Reste essen: "Tasty Waste – Nahrungsmittel im Überfluss",  Gerichte aus geretteten Lebensmitteln: Workshop und Essen. W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik, Nernstweg 32, 14 bis 19.30 Uhr

Amouröse Lieder: Sie bringt die Liebe von Paris mit nach Hamburg, die Chansonnière Delphine Maillard. Heute stellt sie ihr Album "Love Song(s)" vor. Kulturcafé Komm du, Buxtehuder Straße 13, 20 Uhr

Nudelfahrt: Wir fahren mit – Pasta! Eine Vier- und Marschlande-Schifffahrt mit italienischem Abend inklusive Buffet und (hoffentlich) Sonnenuntergang. Anleger Bergedorf, Anleger Bergedorf 1, 18 Uhr

Was kommt

Theater: Wie er zetert, fuchtelt, schnaubt und faucht – Joachim Meyerhoff spielt einen liebeskranken Freak in "Die Schule der Frauen". Das ist Molière auf Speed! Schauspielhaus, Kirchenallee 39, Sonnabend, 20 Uhr

Designmarkt: Nur hübsch ist nicht genug – "besondersschön" ist ein Markt für Design und Handgemachtes fern vom Mainstream. Cruise Center Altona, Van-der-Smissen-Straße 5, Sonnabend und Sonntag, jeweils 10 bis 18 Uhr

Kultfilm: "Es müsste immer Musik da sein. Bei allem, was du machst." Der Kultstreifen "Absolute Giganten" spielt für einen Tag in 14 Hamburger Kinos. Groß! Diverse Kinos, Sonntag,Informationen hier

Kinder: Ausmalbücher? Pff! Hier drehen Kinder Trickfilme. Im Hubertus Wald Kinderreich erleben sie im Souterrain des Museums für Kunst und Gewerbe eine Welt der Fantasie. Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Sonntag, 10 bis 18 Uhr

Hamburger Schnack

Wir stehen seit zehn Minuten in der Schlange vor der Eisdiele, da ertönen plötzlich Kirchenglocken. Vergnügt und voller freudiger Erwartung ruft ein kleiner Junge hinter uns: "Mama, der Eismann!"

Gehört von Shirley Benkmann

 

Meine Stadt

(Un)freies WLAN: Ab sofort können Sie diesen Letter übrigens auch über das "freie" Internet in der Buslinie 5 und an den U-Bahn-Haltestellen Rathausmarkt und Binnenalster lesen. Gestern startete das "Pilotprojekt WLAN", sechs Monate lang will der Anbieter willy.tel es nun testen (wir berichteten): Als "freies" Netz möchte der Chaos Computer Club Hamburg die Sache allerdings nicht bezeichnen. Michael Hirdes, ein Sprecher der Hackervereinigung, erklärte: "Frei ist nur ein Netz in Bürgerhand. Wenn die Leistung kostenlos ist, bist du – wahrscheinlich – das Produkt."

Mit diesen Worten möchten wir Sie ins Wochenende schicken.

Das war sie also wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de 

Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.