© Franziska Bulban

Guten Morgen,

nur für den Fall, dass Sie sich gerade fragen, warum Sie eine Fremde begrüßt und ob Sie im richtigen Newsletter gelandet sind: Keine Sorge. Sie sind bei der Elbvertiefung, und Mark Spörrle ist im wohlverdienten Urlaub – wie gefühlt auch sonst halb Hamburg, aber nicht die Politik.
Da wird auch über die Feiertage hinweg gestritten, geschlichtet und laviert. Oberster Lavierer Hamburgs ist, ganz klar, unser Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Sie haben bestimmt mitbekommen, wie er es mit einem quasi-genialen Schachzug geschafft hat, sich aus dem Rennen um eine SPD-Kanzlerkandidatur zurückzuziehen, noch bevor es begonnen hat: Der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel wünschte sich im Interview mit dem "Spiegel" zwei oder drei Anwärter auf das Amt, die sich der SPD zur Wahl stellen. Damit schob er Scholz automatisch in die erste Reihe. Und was macht Scholz, als Genosse? Richtig, seine Solidarität bekunden! Der Vorsitzende sei der "natürliche Kanzlerkandidat", sagte Scholz den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland, die SPD sei eine solidarische Partei, man mache sich nicht gegenseitig Posten streitig. Die SPD-Kanzlerkandidatur scheint damit endgültig so begehrt zu sein wie altes Sushi – probieren auf eigene Gefahr. Zumindest zeigt sich bisher niemand, der mit Verve gegen Merkel antreten will. Aber an was erinnert noch gleich die Scholz'sche Solidaritäts-Bekundung? Ach ja: an die Zeit, in der Kanzlerin Angela Merkel ständig Ministern das Vertrauen aussprach. Vertrauen und Solidarität, so schöne Worte, mit denen man Menschen hängen lassen kann – in manchen Fällen bestimmt auch unabsichtlich. Vielleicht steckt also doch eine ganze Menge Kanzlerpotenzial in unserem Bürgermeister – egal, ob er 2017 antreten will oder nicht.

Streit ums Wohnungsbauprogramm

Hamburg braucht neuen Wohnraum. So weit, so unumstritten. Aber kaum präsentierte Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt das "Bündnis für Wohnen in Hamburg" am Donnerstag, da entbrannte in der Koalition auch schon ein Streit um die geplante Bauoffensive: Am Freitag meldete sich Umweltsenator Jens Kerstan im "Hamburger Abendblatt" zu Wort. Tatsächlich sei noch nichts unter Dach und Fach, eine Einigung mit der Umweltbehörde stehe noch aus. Er sei "sehr verärgert" über Stapelfeldt, die mit ihrer Bekanntmachung vorgeprescht sei – zumal es noch offene Fragen gebe: Einen Ausgleich für die Bebauung von Grün- und Freiflächen sehe das neue Programm nicht vor, das innerstädtische Grün müsse erhalten bleiben, so Kerstans Kritik. Das Programm sei noch in der Abstimmungsphase, Anfang Juli solle es unterzeichnet werden, bestätigte Senatssprecher Jörg Schmoll. Die Opposition gab sich erwartungsgemäß kritisch: "Avanti, Dilettanti, scheint das neue Motto von Rot-Grün in Hamburg zu sein", sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende André Trepoll. "Ausgerechnet in dem für die Stadt so wichtigen Politikfeld wie dem Wohnungsbau murksen SPD und Grüne um die Wette." Ähnlich empört zeigte sich auch die andere Seite des politischen Spektrums: "@GRUENE_Hamburg lassen kein Fettnäpfchen aus. Jetzt steht Senator @JensKerstan als #Wohnungsbau-Blockierer da", twitterten die Aktivisten der Kampagne "Mietenwahnsinn stoppen".
Am Wochenende hieß es da: Wogen glätten. Die Fraktionsvorsitzenden Andreas Dressel (SPD) und Anjes Tjarks (Grüne) verkündeten, dass ein "Ausgleichsmechanismus bei der Bebauung von Frei- und Grünflächen" ins Programm aufgenommen werde. Wie genau dieser Mechanismus aussehen soll, werde in der laufenden Woche ausgehandelt, so Tjarks.
Und Jens Kerstan? Der Umweltsenator scheint zumindest vorerst besänftigt: Bei der Verständigung darüber, "wie und mit welchen Mechanismen" das Wohnungsbündnis umgesetzt werden soll, sei man "nach deutlicher Annäherung auf der Zielgeraden", sagte Kerstan am Montag. Na dann.

AfD-Fraktionschef Jörn Kruse im ZEIT-Interview

Wird die AfD eine Volkspartei? Jörn Kruse, Hamburger AfD-Fraktionschef, glaubt nicht daran. "Eine echte Volkspartei muss weite Teile der Bevölkerung über lange Zeit erreichen", sagt er im Interview mit ZEIT:Hamburg. Kruse, der nach dem Austreten weiter Teile des liberalen Parteiflügels im Sommer 2015 als Aushängeschild der AfD gilt, spricht im Interview mit den ZEIT-Redakteuren Frank Drieschner und Marc Widmann auch über den Rechtsruck der Partei: "Ich bin zwar in der Partei, aber das heißt nicht, dass ich alles billige, was die Partei beschließt." Doch nicht nur in den eigenen Reihen kritisiert Kruse die Tonlage: Die Hamburger CDU versuche, die "Schuld an allen Folgen der Berliner Flüchtlingspolitik Herrn Scholz" zu geben". CDU-Fraktionschef André Trepoll sei ihm mit seiner Kritik "manchmal ein bisschen zu laut", so Kruse. "Da frage ich mich: Könnte es nicht eine Nummer kleiner sein?" Das Gefühl dürfte vielen vertraut sein – wenn auch nicht immer der CDU gegenüber.
Warum Kruse in der AfD bleibt und ob er sich in der eigenen Partei isoliert fühlt, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:Hamburg.

Ist Marokko ein sicheres Land?

Am Freitag hat der Deutsche Bundestag die Maghreb-Staaten Tunesien, Algerien und Marokko als sichere Herkunftsländer eingestuft. Noch steht offen, ob die Ländervertreter im Bundesrat, unter ihnen auch Olaf Scholz (SPD), Katharina Fegebank (Grüne) und Peter Tschentscher (SPD), sich dieser Einschätzung anschließen. Ali Anouzla, 53, ist marokkanischer Journalist und Verleger. Er hat sich oft mit Politik und Militär in seinem Land angelegt, weshalb er immer wieder bedroht  wurde. 2015 wurde ihm der Raif-Badawi-Preis für mutigen Journalismus verliehen. Seit zwei Monaten lebt er als Stipendiat der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte in Hamburg.

Herr Anouzla, die deutsche Bundesregierung möchte Marokko zu einem sogenannten sicheren Herkunftsland erklären. Würden Sie Ihre Heimat als sicher bezeichnen?
Im Vergleich zu anderen Ländern der Region und des Nahen Ostens scheint Marokko – Gott sei Dank – ein sicheres Land zu sein. Die Hauptgründe für junge Marokkaner, ihre Familien zurückzulassen und die gefährliche Reise anzutreten, sind wohl Elend, Armut und fehlende Zukunftsperspektiven.

Dennoch wird von der Opposition und von Nichtregierungsorganisationen immer wieder auf Menschenrechtsverletzungen hingewiesen. Haben diese denn Auswirkungen auf die durchschnittliche marokkanische Bevölkerung?
Es gibt in Marokko viele Übel, die auch in anderen Gesellschaften verbreitet sind: Korruption, Ungerechtigkeit, schlechtes Regieren und vor allem Straffreiheit. Jungen Marokkanern bleibt deshalb nur die Wahl, in der Heimat zu bleiben, dort mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Fänge von Kriminellen zu geraten und straffällig zu werden oder für eine bessere Zukunft die Gefahren der Emigration auf sich zu nehmen.

Die Hamburger Landesvertreter müssen nun im Bundesrat über die sicheren Herkunftsländer debattieren. Welche Position würden Sie sich wünschen?
Ich bin außerstande, irgendwem Ratschläge zu geben. Der Bundesrat vertritt den Willen des deutschen Volkes. Ich habe für die Deutschen viel Respekt und Bewunderung. Ich wünsche mir, dass sich die Werte und Grundsätze der deutschen Nation in der Debatte wiederfinden.

Haben Sie schon Pläne für Ihre verbleibenden zehn Monate in Hamburg? Natürlich. Ich habe hier die Chance, neue Kräfte und Inspiration zu finden, andere Perspektiven und neue Menschen kennenzulernen und neue Freunde zu gewinnen. Aber meine Zukunft und meine Pflichten als unabhängiger und freier Journalist liegen in Marokko.

Annäherung zwischen Senat und Volksinitiative

Außergewöhnlich freundlich Töne hört man auf einmal zwischen der Volksinitiative "Hamburg für gute Integration", die sich gegen Großunterkünfte einsetzt, und dem Senat: Klaus Schomacker, Sprecher der Initiative, sagte der Deutschen Presseagentur, er schätze die Chancen auf eine Einigung mit der Stadt "auf 70 zu 30". Laut den Fraktionsvorsitzenden Andreas Dressel (SPD) und Anjes Tjarks (Grüne) sei ein erstes Sondierungsgespräch am Freitag "in konstruktiver Atmosphäre" verlaufen, zwölf weitere Treffen sind noch bis in den Juli geplant. Noch vor Kurzem klang das ganz anders, da warf die Initiative dem Senat vor, während der Verhandlungen Fakten zu schaffen. Jetzt betonen die Fraktionsvorsitzenden die Kompromissbereitschaft des Senates – und erwarten diese dann auch von der Volksinitiative. Also Frieden überall? Nicht ganz:
Nach wie vor bleiben laut Schomacker die 4.800 sogenannten Express-Wohnungen, die der Senat noch in diesem Jahr bauen will, ein Streitpunkt. Die Initiative sieht mit dem Vorhaben Bürgerrechte ausgehebelt. Aber bis zur Sommerpause der Bürgerschaft will man sich einigen, da zeigt sich Schomacker optimistisch. Sinkende Flüchtlingszahlen in der Stadt könnten die Kompromissfindung erleichtern, sagte er. Klar: Wo es weniger Flüchtlinge zu verteilen gibt, lassen sich die Forderungen der Initiative nach Unterkünften, in denen höchstens 300 Menschen leben und einem Mindestabstand von einem Kilometer zwischen Unterkünften mit mehr als 100 Bewohnern, schon rein rechnerisch leichter umsetzen.

Mittagstisch

Der Traum vom Süden

Manchmal ist es so: Regen peitscht ans Bürofenster, die Spitze des Rathausturms verschwindet in tief hängenden Wolken, auf dem Domplatz klammern sich Fußgänger verzweifelt an umgestülpte Regenschirme. Und in der Kantine gibt es ausgerechnet heute nichts, was die Stimmung des Hamimi, des Hamburgers mit Migrationshintergrund, aufhellen könnte. Dann trifft es sich gut, dass es im Erdgeschoss des Presse-, äh: Helmut-Schmidt-Hauses ein Restaurant gibt, das sich Hofbräu Wirtshaus Speersort nennt. Raus aus der Tür, schneller Schwenk nach links (!), nach fünfzehn Metern hinein ins Reich der Würste und Haxen – und schon muss man sich keine Gedanken mehr machen über Feuchtigkeit. Die Karte ist so bayerisch, wie es nördlich der Lüneburger Heide nur geht. Deshalb stehen dort kein Saures Lüngerl und kein Kronfleisch zur Wahl, dafür aber die Hofbräu-Currywurst zu 8,90 Euro und ein Original Wiener Schnitzel vom Kalb mit (immerhin!) bayerischem Kartoffelsalat für 17,90 Euro. Der Stammgast bedient sich gern an der wochenweise wechselnden Mittagskarte mit Hauptgerichten zwischen 5,90 Euro und 7,90 Euro. Oder er bestellt gleich den Abgebräunten Leberkäs mit Spiegelei, bayerischem Kartoffelsalat und süßem Senf für 9,90 Euro. Norddeutsche würden so was "Soulfood" nennen. Und auch begeistert zugreifen, weil sie wissen: Im Leberkäs ist keine Leber.

Altstadt, Speersort 1, Mittagstisch Mo bis Fr von 11 bis 15 Uhr

Wolfgang Lechner

Was geht

Klassik: Spirituell und mit Spirit: Galina Iwanowna Ustwolskajas Werke, gesungen vom Vokalensemble Gilles Binchois. St. Katharinen, Katharinenkirchhof 1, 20 Uhr

Theater: Hier können Sie ein großartige Schauspieler auf Wahljagd schwitzen sehen und sich selbst einen Wälzer sparen: "Moby Dick" auf der Bühne. Thalia Theater,
Alstertor, 20 Uhr

Kinderspaß: Wer gern matscht und baut, hat jetzt in Wilhelmsburg die Gelegenheit! Der Verein "Bunte Kuh" stellt 60 Tonnen Lehm, aus denen sich Riesenskulpturen und begehbare Räume formen lassen. S-Bahn Station Wilhelmsburg, Bahnhofspassage, Dienstag bis Sonntag, 9.30–17 Uhr

Was kommt

Lesung: Skurriles und Bizarres aus dem Hamburger Nachtleben: Drei Türsteher lesen die witzigsten Geschichten aus ihrem Arbeitsalltag auf dem Kiez vor. Mittwoch, Bajazzo Schanzenzelt im Schanzenpark, 20 Uhr

Ausstellung: Armut und Hunger prägen das Leben in der Stadt, doch in der Kunst überwiegt eine Stimmung von Hoffnung und Aufbruch. "Hamburg in den zwanziger Jahren. Ansichten und Visionen". Museum für Kunst und Gewerbe Dienstag–Sonntag, 10–18 Uhr

Foto-Workshop: "Gut zielen! Und jetzt abdrücken!" Fotografin Monika Lauber geht mit Fotoschülern auf Motivjagd. S-Bahnhof Königstraße, Samstag, 10–16 Uhr                            

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Aimen Abdaluziz-Said schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne
Der HSV hat zum Saisonabschluss noch einmal einen "Dreier" eingefahren. 3:1 gewannen die Hamburger gegen den FC Augsburg. Auswärts! Nach Rückstand! Verrückt! Damit beendet der HSV die Saison auf einem respektablem zehnten Platz. Am Sonntag wurde dann auch noch der erste Neuzugang bekanntgegeben: Der 23-jährige Stürmer Bobby Wood wechselt für 3,5 Millionen Euro von Union Berlin an die Elbe. Er wird (hoffentlich) nicht der letzte Neuzugang bleiben.


Erik Hauth bloggt auf ZEIT ONLINE über den FC St. Pauli
Der FC St. Pauli gerät nach stürmischem Beginn gegen den 1. FC Kaiserslautern früh in Rückstand. Doch anders als in dieser Saison üblich, stürmen die Kiezkicker davon unbeirrt weiter und kommen postwendend zum Ausgleich. Danach entwickelt sich ein rasantes Spiel, bei dem St. Pauli die bessere von zwei guten Mannschaften ist. Spieler des Tages in Braun-Weiß ist der lange Zeit verletzte Ryo Miyaichi. Seine Vorlage und zwei eigene Treffer machen am letzten Spieltag den Unterschied und das 5:2 Lust auf die nächste Saison.

Meine Stadt

Bei dem »Schietwetter« suchen sich selbst Gartenzwerge ein trockenes Plätzchen – auch wenn eine Mülltüte als Regenschutz herhalten muss. © Foto: Navina Reus

Übrigens vermeldet der Naturschutzbund Nabu Hamburg Nachwuchs bei 30 Storchenpaaren im Hamburger Gebiet. Nein, keine Sorge, ich will jetzt keine Witze über die Korrelation von Geburtenraten bei Menschen und Störchen machen, und ich werde Sie auch nicht mit zu vielen Details über Nahrungsaufnahme (Regenwürmer, Frösche, Mäuse, Insekten) und Paarungsverhalten (monogame Saisonehe) des Weißstorchs behelligen. Aber den Link zur Storchenwebcam, die sich auf Rolf, Maria und ihre Jungen richtet, wollte ich Ihnen nicht vorenthalten. Denn es ist geradezu kathartisch, Rolf (oder Maria?) dabei zuzusehen, wie er (sie) auf seinen (ihren) dünnen Beinchen ungerührt seine (ihre) Federn vom Sturm zerzausen lässt, während zu seinen (ihren) Füßen immer mal ein krakelender Schnabel auftaucht. Falls der Regen also demnächst mal wieder Ihre Grillpläne zunichtemacht, Kinder toben und Ihr monogamer Saisonpartner ausgeflogen ist, schauen Sie doch einfach bei Rolf und Maria vorbei. 


Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihre

Franziska Bulban

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.