© Franziska Bulban

Guten Morgen,

neulich hat sich mein Kollege Mark Spörrle an dieser Stelle schon beschwert, dass es zu wenige Freibäder in Hamburg gibt. Da kommt die Meldung, 64 Millionen Euro würden von Bäderland in Sanierungen, zusätzliche Becken und neue Bäder investiert, natürlich wie gerufen. In Ohlsdorf zum Beispiel werde dieses Jahr ein neues Bad angelegt, schreibt das "Abendblatt", und in Blankenese sollen Sport und Spaßangebot entzerrt werden – zu Recht, Sport und Spaß haben wirklich nichts miteinander zu tun. Nun ist das alles schön und gut, aber ehrlich: Dafür, dass man sich rühmt, "Stadt am Wasser" zu sein, mit  "mehr Brücken als Venedig", kommt man in Hamburg doch nur sehr wenig ins Wasser. Jaja, ich weiß, es gibt Gründe, warum man die Alster bisher nicht in ein Freibad verwandelt hat, aufgeschrieben hat Mark Spörrle sie hier.

Aber weil die Live-Bausatire um die Elbphilharmonie jetzt durch ist, könnte man doch eigentlich die Alster-Schwimm-Pläne von Ole von Beust wieder ausgraben. Der wollte nämlich 25 Meter vom Ufer entfernte Badeschuten am Schwanenwik installieren lassen. Damals befand man, vier Millionen Euro seien für so etwas zu teuer. Sicher? Die Menschen in einer Stadt brauchen doch Träume. Und ein erfreuliches Gesprächsthema.

Im Zweifel für den Angeklagten

In der Silvesternacht bedrängten und bestahlen Männergruppen in Hamburg massenhaft Frauen. 243 Strafanzeigen von 403 Betroffenen gingen bei der Polizei ein. Gestern stand erstmals ein Tatverdächtiger vor Gericht – und wurde freigesprochen. Der 30-jährige Afghane wies alle Vorwürfe zurück. Er habe mit den Anschuldigungen nichts zu tun, ließ er seinen Verteidiger erklären. Da ihn auch zwei Zeuginnen nicht identifizieren konnten, hob die Richterin den Haftbefehl gegen den zweifachen Vater auf. Die Tatvorwürfe seien nicht nachweisbar. Dem im Oktober 2015 nach Deutschland geflüchteten Mann wurde sexuelle Nötigung und Beleidigung vorgeworfen. "Die Unschuld meines Mandanten ist heute erwiesen worden", erklärte sein Verteidiger. "Er freut sich, nach vier Monaten Untersuchungshaft seine Familie wiedersehen zu können." Vor einem Monat hatte auch die Kölner Staatsanwaltschaft eine Anklage gegen einen Algerier aus ähnlichen Gründen fallen gelassen.

Der schnelle Griff zur Waffe

Eine Reaktion auf die Übergriffe an Silvester ist wohl auch die ungewöhnlich hohe Zahl der Anträge für Kleine Waffenscheine zum Jahresbeginn. Die Zahl dieser Scheine für Schreckschuss- und Gasdruckpistolen ist in allen norddeutschen Ländern angestiegen, in Hamburg um 17,8 Prozent. Das geht aus einer Anfrage des NDR bei den zuständigen Behörden hervor. Jörg Schröder, Sprecher der Polizei Hamburg, vermutet einen direkten Zusammenhang mit den Übergriffen in der Silvesternacht.

Herr Schröder, haben sich nach den Ereignissen an Silvester tatsächlich mehr Menschen in Hamburg bewaffnet?
Wir bei der Polizei sind keine Soziologen. Aber die Zahlen stechen auf jeden Fall ins Auge: Im Januar gab es in unserer Stadt 700 Anträge für den Kleinen Waffenschein, im Februar noch 500, im April etwa 90. Das lässt Rückschlüsse auf die Silvesternacht zu.

Ist es seither parallel vermehrt zum Einsatz von Schreckschuss- und Gasdruckpistolen gekommen? Oder vermitteln solche Waffen eher ein sicheres Gefühl "zum Mitnehmen"?
Dazu gibt es keine Erhebungen. Ich würde schätzen, der tatsächliche Einsatz ist nicht angestiegen. Viele Menschen wähnen sich sicherer mit Pfefferspray und Co. in der Jacke, das kann ich verstehen. Wir warnen aber davor, dass solche Waffen auch Gefahren für das Opfer selbst mit sich bringen.

Inwiefern?
Oft bringen gar nicht die Täter gefährliche Gegenstände mit zum Verbrechen, sondern entreißen sie dem Opfer. Täter wissen mit solchen Dingen meist viel besser umzugehen. Bei Pfefferspray weiß das Opfer außerdem nie so recht, wie der Wind steht. Im schlimmsten Fall schädigt man sich also selbst, statt sich effektiv zu verteidigen.

Luxus oder Notwendigkeit?

Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat sich einen zweiten Redenschreiber gegönnt. Das geht aus einer Kleinen Anfrage des Bürgerschaftsabgeordneten Richard Seelmaecker (CDU) hervor. Und die zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) leistet sich unter anderem eine zweite Büroleitung und eine zweite persönliche Referentin. Im Vergleich zu Scholz’ Sparkurs bei Amtsantritt scheint der Senat wieder mehr Geld auszugeben. "Diese Selbstbedienungsmentalität ist unglaublich", sagt Seelmaecker dazu im "Abendblatt" und wirft dem rot-grünen Senat vor, in der Verwaltung Hunderte Stellen abzubauen, während "die Präsidialstäbe der Senatoren stetig weiter aufgebläht" würden. Sebastian Schaffer, stellvertretender Senatssprecher (Bündnis 90/Die Grünen), antwortet uns auf solche Aussagen: "Die Bürgermeisterin kann nicht immer selbst ans Telefon gehen und jede inhaltliche Vorbereitung selbst erstellen."
Können sich Senatoren denn Stellen einfach aus dem Boden stampfen? Christoph Lucks, der stellvertretende Leiter des Personalamtes, erklärt, die Behörden müssten ihren Bedarf begründen, also zum Beispiel neue Aufgaben nachweisen, sie müssten die Stellen in dem Personalplan verorten und bei knappem Budget das Geld dafür beim Finanzamt beantragen. Behörden schaffen ihre Stellen also selbst. Aber innerhalb ihres Budgets. Und was sind es für neue Aufgaben, die beispielsweise Frau Fegebank da nachweist? Es mache zum Beispiel einen Unterschied, ob die SPD allein regiert oder man sich in einer Koalition koordinieren müsse. "Dass Katharina Fegebank in ihrer Arbeit von zwei Referentinnen unterstützt wird, ist im Alltag einer Koalitionsregierung zwingend erforderlich", sagt Sebastian Schaffer. In der früheren Koalition mit der CDU habe es im Übrigen eine vergleichbare Struktur gegeben.

Betrug auf hoher See

Kapitän Roman Bantsekov kennt die "Martha", seine "good old lady". Er kennt auch seinen Auftraggeber, die Hamburger Reederei Blumenthal, die ihn schon oft mit dem alten Frachter auf die Weltmeere geschickt hat. Nur Details sind bei diesem Job anders als sonst: Das Schiff fährt unter liberianischer Flagge, eine "First Class Bulk Shipping Li­mited" taucht jetzt im Vertrag auf. Bantsekov denkt sich nichts dabei. Bis er nach mehr als fünf Monaten auf See statt der vereinbarten gut 11.000 Euro Gehalt nur rund 3.500 Euro erhält. Er fordert seinen Lohn. Da lässt ihn die Reederei Blumenthal wissen, dass er bei ihr an der falschen Adresse sei. Er müsse sich an die First Class Bulk Shipping Limited in Li­beria wenden. Seither geht es um die Frage, ob See­leute wie Kapitän Bantsekov eine Chance haben, ihre Rechte vor einem seriösen Ge­richt geltend zu machen. Ob sie ihr Geld ein­fordern können, wenn die juristischen Konstruktio­nen um Schiffe wie die "Martha" bis nach Westafrika reichen. Zahlreiche Reeder melden ihre Schiffe unter anderem in Liberia an, um unter günstiger Flagge zu segeln. Normalerweise haben diese Unternehmen nur einen Zweck: die Registrierung des Schiffs. Gelten sie juristisch aber auch als Arbeitgeber der Seeleute? Oder handelt es sich um Briefkastenfirmen, die dazu genutzt werden, das deutsche Arbeitsrecht auszuhebeln? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Kollege Marc Widmann. Lesen Sie mehr dazu auf Seite drei der aktuellen ZEIT:Hamburg.

Mittagstisch

Glück auf Thai

Vietnamesisches Streetfood vom Feinsten gibt es im Xeon. Der frühe Vogel fängt hier den Mittagstisch: Im Laden ist fast immer was los! Auf einen Platz zu warten gehört dazu, Reservierungen sind nicht möglich. Stattdessen schiebt der Gast sich auf einen der kleinen Plastikhocker neben andere Wartende. Ein Blick auf die lässig designte Karte präsentiert: Vorspeisen rund um Frühlingsrollen mit Fisch, Fleisch oder Gemüse. Wer es gesünder mag, greift zu Sommerrollen. Als Hauptspeise zu empfehlen sind die scharfen Nudel-Suppen, der absolute Geheimtipp aber lautet: "Sweet and Beefy". Würziges Rindfleisch, dazu süß-saure Soße und Süßkartoffelpommes. Mehr braucht’s nicht, um sich kulinarisch verwöhnen zu lassen.

Xeon, Karolinenviertel, Karolinenstraße 25, geöffnet von 12 bis 22.30 Uhr; Mittagstisch zwischen 4 und 12 Euro

Hubert von Täne

Was geht

Ausstellung: Farbklang statt Mono-Ton: Bunte Arbeiten von Ernst Odefey in "Leben und Werk des Hamburger Malers und Grafikers". Staats- und Universitätsbibliothek, Von-Melle-Park 3, heute von 9 bis 14 Uhr

Konzert: "Hamburg, meine Perle": Lotto King Karl schließt mit Getöse den Stadtpark auf. Traditionell eröffnet er die Open-Air-Saison mit Songs über Fußball, die Liebe, Bier und – klar – Hamburg. Prost! Stadtpark, heute ab 18 Uhr

Party: Der Klassiker unter den Indie-Partys und immer noch rockbar: Revolver Club. Molotow, Nobistor 14, Einlass ab 23 Uhr.

Was kommt

Tanzkurs: Hula die Waldfee! Bei "Tänze aus Tahiti und von den Cook-Inseln" lernen Teilnehmer, sich zu Südseeklängen zu bewegen. Kulturladen St. Georg, Alexanderstraße 16, Samstag von 13 bis 15 Uhr

Lesung: Ist Musik eine Waffe? Patrick Bades Buch "Music Wars 1937–1945" über Musik im Zweiten Weltkrieg. Schauspielhaus, Malersaal, Kirchenallee 39, Samstag ab 20 Uhr

Konzertmarathon:"Alle vier ab vier" bietet alle vier Brahms Sinfonien hintereinander. Danach dürfen Sie alle viere von sich strecken. Laeiszhalle, Johannes-Brahms-Platz, Sonntag ab 16 Uhr

Kulinarik: Dieser Sonntag startet mit dem "Schweizer Kultur-Brunch". Dazu gehören kulinarische Spezialitäten aus dem Land der Berge und eine Lesung mit Thomas Schulz. Grüzi. Die 2te Heimat, Max-Brauer-Allee 34, Sonntag ab 11 Uhr

Schnack

Zwei Angestellte im Supermarkt beim Einräumen der Kühltruhe. Nachdem sie einige Paletten Joghurt hineingehievt haben, sagt die eine vernehmlich: "So!" Darauf ihre Kollegin "Wer ›So!‹ sagt, hat noch nix gemacht!"

Gehört von Rüdiger Frank

Meine Stadt

»Bis Aldi.« © Foto: hamburgkonfetti via Instagram

Gestern war es auch endlich windstill genug, um die neuen Glocken auf den Michel zu transportieren, die seit September im Kirchenschiff lagerten. Mit einem Kran wurden sie auf die Turmplattform gehievt. Wir gratulieren dem Kranführer zu seinem Fingerspitzengefühl – und dem Michel natürlich zur neuen Harmonie...

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen.

Ihre

Franziska Bulban

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